Ein 28 Jahre altes Trauma

Von Bärbel Mees
Donnerstag, 20.05.2010 | 17:58 Uhr
Algerische Fans wedeln bei der WM 1982 mit Geldscheinen
© Imago
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32 Teams nehmen an der Weltmeisterschaft in Südafrika teil. Jedes Teilnehmerland hat seine eigene Geschichte zu erzählen. SPOX greift aktuelle Entwicklungen auf, lässt Protagonisten zu Wort kommen oder beleuchtet historische Ereignisse. Heute: Algerien.

Am 13.Juni in Polokwane bestreitet Algerien gegen Slowenien sein erstes Vorrunden-Spiel. Dabei geht es nicht nur um ein Länderspiel, sondern um Balsam auf die Seele einer gebeutelten Fußball-Nation.

In einer der wohl nervenaufreibendsten Qualifikationen konnte sich Algerien gegen den sechsmaligen Afrikameister Ägypten durchsetzen und nimmt zum erst dritten Mal an einer WM teil - 28 Jahre nach dem Nichtangriffspakt von Gijon.

In Südafrika könnte die verhängnisvolle Geschichte Algeriens bei Weltmeisterschaften endlich ein Ende nehmen. Sie ist gespickt mit Manipulation, Stolz und Dramen - und eine Verkettung unglücklicher Umstände. Und doch entstand daraus eine Mission.

Algerien überrascht

Alles begann 1982 bei der WM in Spanien: Algerien qualifiziert sich zum ersten Mal für eine Weltmeisterschaft, gilt als krasser Außenseiter und Punktelieferant für die wahren Titelkandidaten.

Doch die Wüstennation schlägt sich überraschend gut: Beim ersten Gruppenspiel gegen Deutschland macht sie gehörig Druck. Und das DFB-Team den Fehler, den Neuling im internationalen Geschäft zu unterschätzen. Rummenigge und Co. spielen überheblich, unkonzentriert, zu fahrig.

Nicht so Algerien. In der 53. Minute kann Rabah Madjer einen Abpraller von Toni Schumacher nutzen und schiebt den Ball ins Tor. Algerien geht völlig verdient in Führung.

Zwar gelingt Karl-Heinz Rummenigge nach einer Vorlage von Felix Magath 14 Minuten später der glückliche Ausgleich, doch Algerien kontert und gewinnt 2:1. Eine gesamte Nation schwebt auf Wolke sieben - und Deutschland steht schon nach dem ersten Spiel massiv unter Druck.

Die Schande von Gijon

Während das DFB-Team anschließend auf Chile trifft und sich mit einem 4:1-Sieg noch Chancen auf die nächste Runde erhält, verliert Algerien 0:2 gegen Österreich. Doch der Kampfgeist der Wüstenfüchse ist ungebrochen. Sie gewinnen gegen die völlig überforderten Chilenen und liegen in der Gruppe damit auf dem zweiten Platz. Österreich führt, Deutschland steht vor dem Aus.

Dann kommt das alles entscheidende letzte Gruppenspiel. Deutschland braucht einen Sieg zum Weiterkommen, Österreich darf 0:1 verlieren. Es ist die elfte Spielminute, als Horst Hrubesch die frühe Führung erzielt. Eine Win-win-Situation für beide Teams.

Was folgt, ist unerträglich: Unzählige Quer- und Rückpässe, Mauern in der eigenen Hälfte, kaum Zweikämpfe, null Risikobereitschaft. 80 Minuten lang.

Lediglich der Österreicher Wolfgang Schachtner wehrt sich ernsthaft dagegen, es bei diesem Spielstand zu belassen. Er sucht Anspielstationen, bemüht sich, das Spiel am Laufenden zu halten - und ärgert sich maßlos über die Passivität seiner  Teamkollegen. "Ich bin gelaufen, wie ein Wahnsinniger und war richtig angefressen, weil wir mehr zurück als vorgespielt haben", sagt er anschließend.

"Verrat am Sportsgeist"

Auch das Publikum ist am Toben. Von den Rängen schallen gellende Pfiffe, spanische Fans wedeln aus Unmut mit Taschentüchern, algerische Anhänger halten mit unverhohlener Wut Geldscheine in die Fernsehkameras.

Zu sehr wirkt es wie eine Absprache, es bei dem Spielstand zu belassen. Aber die Rechnung geht auf: Die "großdeutsche Allianz", wie Kritiker das vermeintliche Gemauschel anschließend verachtend nennen, ist weiter - Algerien trotz zweier Siege raus.

"Eine Schande für die Weltmeisterschaft", titelt anschließend die österreichische "Kronenzeitung", "eine düstere, unerträglich skandalöse Farce", nennt es die französische "L'Equipe". Die "Neue Züricher Zeitung" schreibt: "Das passive Verhalten der meisten Spieler muss als Verrat am Sportsgeist empfunden werden."

"Scheich reißt die Klappe auf"

Die Wellen der Empörung schlagen hoch, für einen handfesten Eklat nach dem Skandal sorgt aber die Aussage des österreichischen Delegationsleiters Hans Tschak: "Natürlich ist heute taktisch gespielt worden. Aber wenn jetzt deswegen hier 10.000 Wüstensöhne im Stadion einen Skandal entfachen wollen, zeigt das doch nur, dass die zuwenig Schulen haben. Da kommt so ein Scheich aus einer Oase, darf nach 300 Jahren mal WM-Luft schnuppern und glaubt, jetzt die Klappe aufreißen zu können." Für Algerien ein Schlag ins Gesicht.

Dass seither die letzten Gruppenspiele zeitgleich ausgetragen werden und zehn Jahre später die Rückpass-Regel eingeführt wird, hilft der stolzen, arabischen Nation nicht. Zu bitter das Ausscheiden, zu groß der empfundene Verrat an der sportlichen Fairness.

Entäuschende WM 1986

Vier Jahre später qualifizieren sich die Wüstenfüchse erneut für die WM, stehen wieder in der Vorrunde und wollen zeigen, dass sie sich nach dem Skandal wieder aufgerappelt haben.

Aber es läuft nicht nach Plan: In ihrem ersten Gruppenspiel reicht es nur zu einem schwachen 1:1-Unentschieden gegen Nordirland. Dann warten die "Fußballgötter" aus Brasilien und Algerien leistet dem Ansturm der Selecao überraschend starken Widerstand.

Doch es fehlt an Nervenstärke und am berühmten Quäntchen Glück: Lakhdar Belloumi und Salah Assad vergeben zwei Riesenchancen, im Gegenzug nutzen die Südamerikaner einen Abwehrfehler und erzielen den Endstand zum 1:0.

Der Kampfgeist der Nordafrikaner ist gebrochen: Gegen Spanien bekommen sie kein Bein auf den Boden und kassieren eine 0:3-Klatsche. Aus der Traum - wieder scheidet Algerien in der Vorrunde aus.

"Das ist Krieg"

Was folgt, ist eine lange Durststrecke, trotz Gewinn des Afrika-Cups 1990. 24 Jahre muss Algerien warten, bis es sich erneut für eine WM qualifiziert - und wäre noch fast gescheitert.

Ende vergangenen Jahres sind Algerien und Ägypten im Kampf um die WM-Qualifikation nach allen Gruppenspielen punkt- und torgleich. Ein Entscheidungsspiel muss her, auf neutralem Boden im Sudan.

Die Stimmung in beiden Ländern ist aufgeheizt. Schon beim Rückspiel in Kairo war es zu schweren Randalen gekommen, Fahnen wurden verbrannt, Steine geworfen, Menschen verletzt.

"Das war Terror pur. Ich habe wichtige Spiele absolviert, manchmal war die Stimmung bei Auswärtsspielen aggressiv. Aber das Gefühl, dass man uns töten will, habe ich vorher noch nie gehabt", gibt Anthar Yahia vom VfL Bochum anschließend zu.

Und der Gladbacher Karim Matmour fügt an: "Das ist kein Fußball, das ist Krieg." Der Sudan rüstet sich dementsprechend: 15.000 Polizisten sind vor Ort, 18 algerische Flugzeuge treffen ein, aus Ägypten sind es gar 48. Das Stadion brodelt, zwei Nationen sitzen vor dem Fernseher. In dem Moment geht es nicht einfach um ein Fußballspiel, sondern um den Stolz eines ganzen Landes.

Zurück auf der Weltbühne des Fußballs

In der 40. Minute trifft Yahia mit einem fulminanten Schuss aus spitzem Winkel unter die Latte und befördert Algerien zur WM. Sein allergrößter Traum geht in Erfüllung, und der einer ganzen Nation.

"Dank dieser Qualifikation kehrt unser Land auf die Weltbühne des Fußballs zurück. Für mich bedeutet es Glück und eine große Ehre", fasst Trainer Rabah Saadane zusammen.

Doch die Qualifikation ist nicht alles: Diesmal soll es endlich über die Vorrunde hinaus gehen. Ein Ziel, auf das sie seit 28 Jahren hinarbeiten.

Wie weit kommt Algerien? Der WM 2010-Spielplaner

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