Ehefrau interessant, Freistöße langweilig

Von Interview: Jan-Hendrik Böhmer / Stefan Moser
Freitag, 16.04.2010 | 11:23 Uhr
David Beckham wechselte 2007 von Real Madrid zu Los Angeles Galaxy in die MLS
© Getty
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32 Teams nehmen an der Weltmeisterschaft in Südafrika teil. Jedes Teilnehmerland hat seine eigene Geschichte zu erzählen. SPOX greift aktuelle Entwicklungen auf, lässt Protagonisten zu Wort kommen oder beleuchtet historische Ereignisse. Heute: USA.

Ist Fußball nur ein Sport für Mädchen? Interessieren sich die Amerikaner mehr für David Beckhams Ehefrau, aber nicht für seine Flanken? Warum behindert die schulische Ausbildung die Entwicklung des Fußballs in den USA?

SPOX sprach mit einem Insider über Wahrheit und Klischees im Soccer.

Der Deutsche Oliver Weiss lebt seit seiner Jugend in den USA und ist dort einer der bekanntesten Technik- und Taktiktrainer im Nachwuchsbereich. Als Coach am College (unter anderem der Virginia Tech University) und Leiter der Top Flight Soccer Academy brachte er etliche talentierte Jugendliche in den Profifußball. Mit SPOX sprach der 45-Jährige über die Entwicklung des Fußballs in den USA.

SPOX: Fußball ist in den USA ein Sport für Mädchen: Wahrheit oder Klischee?

Oliver Weiss: Ein Klischee. In den späten 70er und frühen 80er Jahren wurde Fußball für Kinder und Jugendliche zum Breitensport. Das heißt, damals haben Mädchen und Jungs gleichzeitig mit Fußball begonnen. Und deshalb hatten die USA lange einen großen Vorsprung im Frauenbereich und waren entsprechend erfolgreich. So ist das Klischee wahrscheinlich entstanden.

SPOX: Und dass die Amis zwar die Tattoos von David Beckham bewundern, seine Flanken aber langweilig finden: Auch ein Klischee?

Weiss: Leider nein. Im professionellen Erwachsenbereich ist der Fußball noch nicht so weit. Mal ehrlich: Die Leute reden hier nicht über Beckhams Freistöße - sie reden über seine Ehefrau und seine Klamotten. So wird Fußball weiterhin eher belächelt. Bevor Soccer wirklich massentauglich wird, muss sich die Kultur erst total verändern. Das kommt vielleicht in 25 Jahren, wenn die Hälfte der USA hispanisch wird.

SPOX: Eigentlich sollte Beckham als Gallionsfigur den Fußball in USA populär machen....

Weiss: Das sollte Beckenbauer auch. Aber den Franz kennen nur ich und meine Fußballfreunde. Deshalb sind die USA unter Fußballern übrigens auch ein sehr beliebtes Ferienziel. Bei uns können die rumlaufen, ohne Sonnenbrille oder Hut und ganz anonym bei Aldi einkaufen, ohne dass jemand sie anspricht. Leute, die selbst Fußball spielen, kennen noch die Nationalspieler der USA. Alle anderen kennen höchstens Beckham.

SPOX: Also bleibt Fußball weiter klar im Schatten der anderen US-Sportarten?

Weiss: Ich fürchte schon. Wir Fußballer sind im Moment noch so verstreut, dass wir fast in einem Mikrokosmos leben. Fußball ist im Grunde eine Art Subkultur. Wenn du hier einen nach der "Hand Gottes" fragst, weiß kein Mensch, worum es geht. Die Amerikaner lieben spektakuläre Spiele und highscoring Sports. Der Fußball dagegen lebt von Nuancen und Details. Eine schwierige Ballannahme oder einen guten Laufweg zu bewundern, passt nicht recht zur amerikanischen Kultur.

SPOX: Genau das macht den Fußball im Rest der Welt aber so populär.

Weiss: Absolut. Ich glaube auch, dass Fußball immer noch etwas von Klassenkampf beinhaltet. Viele Leute, die auf Fußball stehen, kennen Kampf aus ihrem eigenen Leben - meistens geht es um ökonomische Kämpfe. Und dieser Kampf spiegelt sich am Wochenende auf dem Fußballplatz wider. In 90 Minuten erlebst du alles, was auch dein Leben prägt: Freude, Trost, der Kampf David gegen Goliath, Nürnberg gegen Bayern, Siege, Niederlagen, Verletzungen, Mogelei, ungerechte Entscheidungen. Deshalb gehen wir zum Fußball. Er reflektiert unser eigenes Leben, wir können uns mit Spielern und Mannschaften bis in kleine Details identifizieren.

SPOX: Viele Amerikaner offenbar nicht. Ist der Bedarf durch die traditionellen US-Sportarten einfach übersättigt?

Weiss: Möglich. Im Erwachsenenbereich liegt Soccer in den USA nur auf Platz vier oder fünf. Aber grundsätzlich ist Sport immer ein Produkt der Kultur des jeweiligen Landes. Und Amerika liebt eben die Vielfalt. Im Fernsehen wird über diverse Sportarten sehr ausführlich berichtet, die meisten Amis sind Fan von drei bis vier Sportarten und von vier bis sechs Teams gleichzeitig.

SPOX: Auch an den Schulen werden immer verschiedene Disziplinen parallel gefördert...

Weiss: Richtig. An den Schulen wird sehr viel Sport angeboten und gefördert, aber man spezialisiert sich erst sehr spät. Viel ist jahreszeitlich bedingt: Im Herbst wird Soccer und American Football gespielt, im Winter kommt Schwimmen, Ringen und Basketball. Im Frühling ist dann Baseball, Tennis und Leichtathletik. Und im Sommer sind die Camps angesagt. Und auch da zeigt sich die typisch amerikanische Haltung: Mehr Vielfalt, wenig Spezialisierung. In zehn Wochen Sommerferien macht ein Kind manchmal zwei Soccercamps, zwei Baseballcamps und ein Basketballcamp.

SPOX: Die wenigsten entscheiden sich aber später für Soccer, sondern wechseln zu den US-Sportarten. Deshalb hat Fußball auch immer ein wenig den Ruf einer "Kindersportart".

Weiss: Es ist richtig, dass besonders viele kleine Jungen und Mädchen im Sommer zu uns in die Camps kommen. In der gesamten amerikanischen Sportkultur ist Fußball noch weit zurück. Es gibt praktisch keine "Straßenfußballer", es gibt zu wenige qualifizierte Trainer - und schließlich auch zu wenig hochklassige Spiele im Fernsehen. Bei den Kids kommt zu wenig "wirklicher" Fußball an.

SPOX: Fehlt dadurch auch so etwas wie ein "natürlicher" Zugang zu diesem Sport? In Deutschland treten die meisten Jungs fast zwangsläufig gegen den Ball...

Weiss: Ich will Ihnen ein Beispiel geben: Über Ostern habe ich eine U-14-Mannschaft für 10 Tage nach England gebracht, wir haben dort beim FC Chelsea trainiert und ein paar Spiele gegen englische Klubs gemacht. Und am sechsten Tag gab es tatsächliche eine Art kulturellen Wandel: Ich kam morgens auf das Chelsea-Gelände und sah meine Jungs plötzlich schon fünf gegen fünf spielen.

SPOX: Und das hätten sie in den USA nicht gemacht?

Weiss: Nein, da hätten sie mit Sicherheit erst auf den Trainer und seine Anweisungen gewartet. Aber dort in England waren sie permanent von Fußball umgeben - und fanden es ganz natürlich, eine Runde zu kicken.

SPOX: Gerade für Kinder ist das im Sport eine wichtige Erfahrung.

Weiss: Und im Fußball ganz besonders. Es ist enorm wichtig, sich früh intensiv mit dem Ball zu beschäftigen. Im Gegensatz zu Baseball, Football oder Basketball wird Soccer nicht mit der Hand gespielt. Den Ball mit den Füßen zu kontrollieren ist viel schwieriger. Man braucht früh einen spielerischen Zugang, sonst kommen die technischen Grundlagen zu kurz. Deshalb schaffen es in Amerika viele Jungs nicht, das Spiel bis zu einem nuancierten Level hin zu erlernen...

SPOX: ...und da wird das Spiel erst richtig interessant...

Weiss: Das gilt übrigens auch für taktische Dinge und Spielintelligenz. Die Kids sehen einfach zu wenig echten Fußball, um ein wirkliches Gefühl zu entwickeln. Wie biete ich mich seitlich an, wie gehe ich in den Zweikampf, wann spiele ich einen Doppelpass. Amerikanische Kinder haben das nicht schon aus dem Fernsehen verinnerlicht, es dauert viel länger, bis sie das lernen - und deshalb dauert es auch länger, bis sie wirklich Genuss aus dem Spiel ziehen. Ich muss allerdings sagen, dass der Fußball im Fernsehen jedes Jahr ein bisschen wächst. Dieses Jahr bringt sogar ESPN Live-Spiele aus der englischen Liga, die es zuvor nur auf einem speziellen Fußballkanal gab.

SPOX: In den USA ist schließlich auch der Übergang vom Nachwuchs- zum Profifußball komplizierter als in Europa.

Weiss: Das ändert sich jetzt zum Glück langsam. Immerhin haben die Profiklubs mittlerweile fast alle ihre eigenen Akademien. Was die Sache aber zum Teil erschwert, ist die allgemeine Haltung der USA gegenüber der schulischen Ausbildung. Schule und Sport sind hier immer hauteng verknüpft. Zum größten Teil ist das eine tolle Sache. Die jungen Leute wissen, dass es wenige von ihnen schaffen, Profisportler zu werden, und haben für den Fall dann in der Regel einen Abschluss in der Tasche, um eine andere berufliche Laufbahn einzuschlagen.

SPOX: Aber es verzögert die Entwicklung von großen Talenten.

Weiss: Ein junger Portugiese wird vielleicht mit 16 Jahren auf der Bank von Benfica sitzen, mit 17 macht er sein erstes Spiel und mehrmals die Woche trainiert er so oder so mit den Profis. Das ist in den USA unvorstellbar. Auch wer das erkennbare Talent hat, Profi zu werden, hat praktisch keine andere Möglichkeit, als zunächst ans College zu gehen. Nach vielleicht zwei Jahren wird er dann von einer Profimannschaft gedraftet. So ist das System - und das macht den Übergang natürlich schwerer, als bei einem europäischen Klub mit angeschlossener Nachwuchsabteilung. Daher werden unsere Talente meistens erst so richtig "wach", wenn sie nach Europa gehen, aber dann sind sie auch schon 20-23 Jahre alt. In dem Alter ist es natürlich viel schwieriger sich zu entwickeln als mit 17.

SPOX: Das heißt, es gibt in den USA keine ernsthafte Amateur- oder Nachwuchsliga?

Weiss: Darin liegt das Hauptproblem. Es gibt fast gar keine Vereine, die eine richtige Herrenmannschaft haben. Von einer zweiten oder dritten Mannschaft ganz zu schweigen. Es gibt tausende von Jugendvereinen - und dann die 16 MLS- und die 12-16 unterklassigen Profiklubs. Deshalb können junge Talente zum Herrenbereich nicht hochgezogen werden. Die 16 MLS-Klubs können einige junge Spieler integrieren. Der Rest muss aufs College oder an die Uni. Sie übernehmen die Position der ersten Herrenmannschaften.

SPOX: Wie ist dort die Förderung?

Weiss: Durch die starke Verknüpfung mit der Schule ist das Training stark reglementiert. Außerdem ist die Saison sehr kurz: Zwischen 25. August und 31. Oktober machen die Colleges ungefähr 17-20 Spiele. Die besseren Unis haben dann noch 4-8 Playoff-Spiele und dann ist die Saison vorbei. Zudem wird Anzahl und Umfang der Trainingseinheiten zugunsten der schulischen Ausbildung so stark begrenzt, dass es eigentlich keinen Sinn macht, talentierte Spieler dorthin zu schicken. Die Struktur ist nicht geeignet für die talentiertesten Spieler des Landes. Jedenfalls nicht für die Entwicklung auf allerhöchster Ebene.

SPOX: Auch die Qualität an den Unis ist nicht mit europäischem Amateurfußball zu vergleichen.

Weiss: Die besseren Fußball-Unis bieten noch eine qualitativ gute Alternative zum Amateurfussball an, obwohl sie nur drei bis fünf Monate im Vollbetrieb stehen. Am Ende gibt es einfach nicht genug Amateurmannschaften im Herrenbereich, in denen das ganze Jahr über trainiert und hochklassig gespielt wird. Auch in den Altersklassen der 16- bis 18-Jährigen muss man weite Wege fahren oder fliegen, um überhaupt gute Gegner zu finden. Daher ist oft das taktische und psychologische Knowhow dieser Spieler in dieser wichtigen Entwicklungsphase des Fußballs einfach nicht ausreichend. Bei uns wird auch oft von klein auf der schnelle und physisch starke Spieler bevorzugt. Somit werden kleinere, technische Spieler, die den Fußball weiterbringen könnten, erst sehr spät oder überhaupt nicht gefördert. Für die Anzahl der Talente, die wir in den USA haben, müssten wir viel mehr gute Spieler hervorbringen. Ich glaube, dass sich das in den nächsten zehn bis 20 Jahren stark verbessern wird. Ich hoffe aber, dass wir es eher aus eigenen Initiativen als mit Hilfe des europäischen Herrenfußballs schaffen werden.

SPOX: Trotz all der Probleme im Nachwuchsbereich stellt die USA immer wieder eine schlagkräftige Mannschaft zusammen.

Weiss: Wir haben letztlich genug Spieler in Europa und der MLS, um eine brauchbare Mannschaft aufzustellen. Außerdem sind die Nationaltrainer meistens richtig gut und haben das Vertrauen der Spieler. Und eines darf man nicht vergessen: Wir Amis glauben gegen jeden Gegner immer an die Chance, das Spiel zu gewinnen. Das ist unsere Miracle-on-Ice-Einstellung - wir sind einfach gern der Underdog. Und das wird im Sommer in Südafrika auch wieder so sein!

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