Donnerstag, 01.04.2010

WM-Serie: Damals in... Chile

Seeler: "Manchmal fehlte nur noch das Messer"

Seit 1954 war die deutsche Nationalmannschaft bei Weltmeisterschaften immer unter den besten acht Teams der Welt - eine einmalige Erfolgsstory. In der Rubrik "Damals in..." lässt SPOX zu jeder WM einen deutschen Nationalspieler von seinen Erlebnissen während des WM-Turniers erzählen. Diesmal: Uwe Seeler über die WM 1962 in Chile.

Uwe Seeler und SPOX-Reporter Benny Semmler beim Interview
© spox
Uwe Seeler und SPOX-Reporter Benny Semmler beim Interview

Die WM 1962 in Chile ging als die unfairste Weltmeisterschaft in die Geschichtsbücher ein. Auf dem Rasen spielten sich regelrechte Schlachten ab, die von den Schiedsrichtern in den seltensten Fällen unterbunden wurden.

Die WM 1962 in Chile im Überblick

Viele Spiele waren von einer extrem defensiven Taktik und übertriebener Härte geprägt. Negativer Höhepunkt war die Begegnung zwischen Gastgeber Chile und Italien, die zwischenzeitlich in Schlägereien gipfelte und als die unfairste Partie der WM-Geschichte gilt.

Uwe Seeler war bei dem Turnier dabei und spricht im SPOX-Interview über Sepp Herberger, die Militärschule in Santiago und Frauen bei einer Fußball-Weltmeisterschaft.

SPOX: Herr Seeler, wir wollen über 1962 sprechen.

Uwe Seeler: Ach Gott, das war meine schlechteste Weltmeisterschaft.

SPOX: Das ist vermutlich richtig. Welche Erinnerungen haben Sie an das Turnier?

Seeler: Die Gedanken an Chile sind im Grunde nie gut. Es war durchweg kein gutes Turnier, und damit meine ich nicht nur die Leistung der Deutschen. Im Prinzip waren alle Spiele auf einem schlechten Niveau. Es wurden wenig Tore geschossen, viele Partien wurden überhart geführt. Manchmal fehlte nur noch das Messer auf dem Platz. Nee, Chile hat keinen Spaß gemacht.

SPOX: Es war die Zeit des Catenaccios.

Seeler: Fürchterlich. Alle Trainer wollten nur noch mauern und so spielen wie die Italiener. Nach dem Turnier hat sich Sepp Herberger bei uns entschuldigt, weil er sich auf diesen unmöglichen Trend eingelassen hat.

SPOX: Bis nach Chile sind es 16.000 Kilometer. Das ist selbst heute noch strapaziös. Wie war das vor 48 Jahren?

Seeler: Die Flugzeuge hatten damals eine höllische Lautstärke. Ich bin zwei Wochen später noch mit dem Fluggeräusch eingeschlafen. Ich weiß auch gar nicht mehr, wo wir überall zwischengelandet sind. Die Reise zehrte ziemlich an den Kräften. Wir waren ja fast zwei Tage unterwegs.

SPOX: Hatten Sie denn wenigstens in der Militärschule in Santiago Spaß?

Seeler: Oh ja. Das war herrlich. Für damalige Verhältnisse war die Militärschule ein exzellentes Quartier.

SPOX: Sie wohnten mit vier Mann in einem Zimmer. Das erzählen Sie mal Herrn Ballack.

Seeler: Wissen Sie, es war alles sauber und ordentlich und wenn wir die Schuhe vor die Tür gestellt haben, dann wurden die von den Kadetten geputzt. Das Essen war immer warm, die Trainingsplätze waren einwandfrei und auf den Drahtbetten ließ sich auch bestens schlafen. Der DFB hat damals schon, wenn auch bescheidener als heute, im Vorfeld einer WM alles wunderbar organisiert. Außerdem: Es waren Zweibett-Zimmer.

SPOX: Mit wem haben Sie das Zimmer geteilt?

Seeler: Kann ich Ihnen gar nicht sagen. Ich glaube Horst Szymaniak.

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SPOX: Heute hat ja jeder Spieler seinen Laptop oder andere Technik-Spielereien dabei. Wie haben Sie die freie Zeit zwischen den Spielen verbracht?

Seeler: Der eine hat gelesen, der andere hat einen Brief geschrieben.

SPOX: Klingt besonnen.

Seeler: Das war die Zeit. Abends waren wir meistens noch spazieren, oder saßen alle draußen an einem Tisch und haben uns unterhalten. Langeweile hatten wir im Prinzip nie.

SPOX: Wie war das mit den Spielerfrauen? Die Niederländer werden beispielsweise erstmals ohne weibliche Begleitung zu einer WM reisen. Weil sich die Spieler auf das Wesentliche konzentrieren sollen.

Seeler: Alles was nicht mit Fußball zu tun hat, lenkt ab. Das habe ich früher so gesehen, und das sehe ich heute nicht anders. Ich mache mir als Mann doch Gedanken, wenn meine Frau im Hotel nebenan wohnt. Wie geht es ihr? Wann treffe ich sie? Das mag altmodisch klingen. Aber ich bin mir sicher: Das lenkt ab.

SPOX: Was sagt Ihre Frau dazu?

Seeler: Die sagt: Frauen haben bei einer Weltmeisterschaft nichts zu suchen.

SPOX: Dann sprechen wir jetzt mal über die Spiele: Zum Auftakt gab es ein torloses Remis gegen Italien.

Seeler: Richtig. Gegen Catenaccio-Italien 0:0 zu spielen war ein Erfolg.

SPOX: Darauf folgte ein 2:1 gegen die Schweiz. Sie trafen.

Seeler: Ein grausames Spiel. Der "Schweizer Riegel" war schwer zu spielen. Die wollten nur zerstören.

SPOX: Auch im letzten Gruppenspiel gegen den Gastgeber ging es rustikal zu. Aber am Ende stand es 2:0 für Deutschland.

Seeler: Aber schönen Fußball haben wir auch da nicht gespielt. Wir waren einfach viel zu defensiv. Ich war ja vorne immer ganz alleine, und die anderen sollten verteidigen. Keiner von uns hat sich auf dem Platz wirklich wohl gefühlt. Nee, diese Spiele haben keinen Spaß gemacht.

SPOX: Deswegen war im Viertelfinale gegen Jugoslawien Schluss?

Seeler: Na klar. Mit den taktischen Zwängen sind wir schlichtweg nicht zurecht gekommen. Die Spieler, die in Chile dabei waren, haben größtenteils alle offensiv gedacht. Aber wir sollten einen auf Catenaccio machen. Das konnte nicht funktionieren.

SPOX: Wie war die Stimmung in der Kabine?

Seeler: Wenn man rausfliegt, ist sie nie gut. Wir waren echt deprimiert. Aber die Jugoslawen waren an dem Tag besser.

SPOX: Was hat Sepp Herberger nach dem Spiel gesagt?

Seeler: "Jungs, wir haben wohl das falsche System gespielt." Das waren in etwa seine Worte. Er hat die Schuld sofort auf sich genommen.

SPOX: Wie war das überhaupt mit Sepp Herberger?

Seeler: Herberger war sehr streng, aber auch sehr, sehr väterlich. Er hat alles gesehen und konnte auch verkniffen lächeln, wenn wir abends mal ein Bier getrunken haben. Oder: Wenn ich mir abends ein Bier aufs Zimmer geholt habe, ist mir Herberger im Flur jedes Mal über den Weg gelaufen. Jedes Mal. Aber nie hat er etwas dazu gesagt, sondern nur gegrinst. Er war der Zeit einfach weit voraus.

SPOX: Herberger war ihr Lieblingstrainer?

Seeler: Ja. Wie Helmut Schön auch.

SPOX: Was hat Ihnen am meisten imponiert?

Seeler: Seine kurzen und verständlichen Ansprachen. Herberger war kein Selbstdarsteller, der 30 Minuten Redezeit brauchte. Der sagte vor dem Spiel zu jedem: "Passen Sie da auf, machen Sie das." Das hat nicht einmal zehn Minuten gedauert. Und wir haben das kapiert. Nur in Chile vielleicht nicht so.

SPOX: Haben Sie damals eigentlich schon Laufwege einstudiert?

Seeler: Ach was. Wir wollten einfach nur schnell über die Flügel spielen. Batsch, Batsch. Und das hatten wir ja auch drauf. Aber '62 haben wir den Fußball unnötig verkompliziert - und das ging gründlich in die Hose.

SPOX: Damals gab es noch keine Sportschau, geschweige denn Live-Übertragungen. Sepp Herberger musste vor der WM mit den 64 Vereinstrainern per Briefverkehr kommunizieren. Das muss abenteuerlich gewesen sein.

Seeler: Was meinen Sie, was ich als junger Bengel für Briefe bekommen habe. Keiner hat mir so viele Briefe geschickt wie Sepp Herberger.

SPOX: Was stand in den Briefen?

Seeler: Der Herberger war auch ohne Sportschau immer bestens informiert. Er hat dann geschrieben: "Habe gehört, Sie haben gut gespielt. Trainieren Sie noch ihren Vollspannschuss." Und zum Schluss stand dann immer: "Uwe, machen Sie weiter so. Sie sind auf dem richtigen Weg."

SPOX: Kamen die Prämien auch per Post?

Seeler: Von wegen Prämien. In den ersten Jahren haben wir kleine Geschenke bekommen - aber nie Geld. Ich weiß noch, dass ich mal einen Teppich bekommen habe. Später, nach '62, gab es auch mal eine Uhr. Erst bei der WM in Mexiko 1970 haben wir für das Erreichen des Halbfinals 10.000 D-Mark bekommen. Brutto.

SPOX: Herr Seeler, zum Schluss noch ein Blick auf die aktuellen Themen: Was denken Sie, welcher heute aktive Spieler ist am ehesten ein "Uns Uwe"?

Seeler: Ein formstarker Miroslav Klose. So wie er nach hinten arbeitet, sich für das Team komplett einbringt - das imponiert mir immer unheimlich. Horst Hrubesch war auch so ein Spieler. Trotz seiner individuellen Klasse hat er immer im Sinne des Teams gedacht. Diese Typen werden immer seltener.

SPOX: Lukas Podolski, Miroslav Klose, Mario Gomez und Stürmer XY - wie stark ist der deutsche Sturm?

Seeler: Alle haben in der Vergangenheit gezeigt, dass sie auf hohem Niveau Tore schießen können. Das ist schon mal beruhigend. Jedoch gehe ich davon aus, dass Jogi Löw zumindest mit Lukas Podolski sprechen wird. Es ist schließlich problematisch, dass man im Verein über Monate schlecht spielt und trotzdem als feste Größe zu einer Weltmeisterschaft fährt. Wenn aber auch Kießling mit nach Südafrika darf, und davon gehe ich aus, kann ich mit diesen vier Stürmern ganz gut leben.

SPOX: Wie halten Sie es mit Kevin Kuranyi?

Seeler: Der Junge ist super. Seitdem der unter Felix Magath trainiert, ist er lauffreudiger geworden und physisch gewachsen. Er spielt wirklich eine tolle Saison und macht einen sehr guten Eindruck. Mehr will ich dazu auch gar nicht sagen. Ob er jetzt mit zur WM soll oder nicht, das hat allein der Bundestrainer zu entscheiden. Denn er hat diese Entscheidung damals getroffen, und die muss man akzeptieren.

SPOX: Was trauen Sie der deutschen Mannschaft in Südafrika zu?

Seeler: Die Vorrunde ist gut zu schaffen. Da mache ich mir keine Sorgen. Danach ist alles möglich. Auch der WM-Titel.

SPOX: Und über welches WM-Turnier hätten Sie lieber gesprochen?

Seeler: Das in Mexiko 1970 hat Spaß gemacht. Tolles Wetter, wunderbare Spiele, ein legendäres Halbfinale. Ach, im Grunde war jedes Turnier schöner als Chile.

Alle Informationen zur WM 2010

Interview: Benny Semmler

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