Public Viewing mit der Adlerbrust

Von Thomas Gaber
Dienstag, 30.03.2010 | 15:24 Uhr
17 Tore erzielte Honduras in der Endrunde der CONCACAF-Quali für Südafrika
© Getty
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32 Teams nehmen an der Weltmeisterschaft in Südafrika teil. Jedes Teilnehmerland hat seine eigene Geschichte zu erzählen. SPOX greift aktuelle Entwicklungen auf, lässt Protagonisten zu Wort kommen oder beleuchtet historische Ereignisse. Heute: Exot Honduras.

Das Glückwunschtelegramm kam von oberster Stelle. Alberto Ruiz Gallardon hatte es höchstpersönlich unterzeichnet. "Lieber Ricardo, von ganzem Herzen gratuliere ich Dir und allen Honduranern zur Qualifikation der Nationalmannschaft für den World Cup 2010 in Südafrika. Ihr könnt stolz sein auf euer Land."

Mit Ricardo ist Ricardo Alvarez gemeint, Bürgermeister von Tegucigalpa, der Hauptstadt von Honduras. Ruiz Gallardon ist Alvarez' Amtskollege aus Madrid, einer Partnerstadt von Tegucigalpa.

Glückwünsche aus Spanien sind etwas Besonderes in Honduras, wenn es um Fußball geht. Bei ihrer bislang einzigen WM-Teilnahme durchkreuzten die Mittelamerikaner die Pläne des Gastgeberlandes Spanien, als sie sich im ersten Gruppenspiel in jeden Schuss von Jose Camacho & Co. warfen und sich mit Haut und Haaren erfolgreich gegen die drohende Niederlage wehrten. Das 1:1 vom 16. Juni 1982 zählt zu den größten Sensationen der WM-Geschichte.

"Wir hatten die Hosen voll"

Hector Zelaya erinnert sich heute noch gerne an jenen Tag in Valencia zurück. "Wir waren sehr aufgeregt. Man kann schon sagen, dass wir die Hosen gestrichen voll hatten. Aber es wurde der schönste Tag unseres Lebens", erzählt der 52-Jährige im Gespräch mit SPOX. Zelaya erzielte damals in der 7. Minute den Führungstreffer für Honduras.

"Ich war Abwehrspieler und hatte da vorne eigentlich nichts verloren. Aber den Moment, als der Ball im Netz landete, werde ich nie vergessen. Ich dachte, ich träume", sagt Zelaya. Spanien kam nur noch zum 1:1 - per Elfmeter. "Wir haben uns mit allem, was wir haben, gewehrt. Der Ball flog gefühlte 1000 Mal in unseren Strafraum."

Spanien kam nach dem 1:1 nie auf die Beine, gewann nur ein Spiel und schied in der Zwischenrunde aus. Honduras holte ein weiteres 1:1 gegen Nordirland, verlor aber das entscheidende Gruppenspiel gegen Jugoslawien mit 0:1 - durch Elfmeter in der 87. Minute.

"Wir haben drei Tore kassiert, zwei durch Elfmeter. Aber wir wollen uns nicht beschweren - es waren unglaubliche Tage in Spanien", sagt Zelaya, der in Honduras nur "El Pecho de Aguila" heißt. Sein heroisches Auftreten brachte ihm den Beinamen "Adlerbrust" ein.

Schulden, Tornados, Staatsstreich

28 Jahre liegen zwischen den Heldentaten von Zelaya und seinen Kollegen und der bevorstehenden zweiten WM-Teilnahme. Honduras hat elende Phasen hinter sich und die Talsohle ist noch nicht durchschritten. Honduras ist hochverschuldet und kommt ohne finanzielle Hilfe, vor allem aus den USA, nicht über die Runden. Gegenleistungen kann man nicht erbringen.

Der mittelamerikanische Staat zählt zu den ärmsten Ländern der Welt, fast 80 Prozent der Bevölkerung (rund 7,6 Millionen Einwohner) leben unterhalb der Armutsgrenze. Naturkatastrophen wie der Wirbelsturm Mitch, der 1998 sämtliche Bananenplantagen niederwalzte, verschärfen das Leid.

Mitte 2009 kam es zu schweren Straßenschlachten, nachdem das Militär den vom Volk gewählten Präsidenten Jose Manuel Zelaya festgenommen und nach Costa Rica abgeschoben hatte. Trotz Ausgangssperre und Nachrichtenzensur versammelten sich die Honduraner tagelang auf den Straßen, um für Zelayas Rückkehr zu demonstrieren.

Sieg beim Erzrivalen

Für einen Tag im Oktober war der Putsch gegen den Präsidenten nicht Thema Nummer eins. Die Nationalmannschaft trat am 15. Oktober ausgerechnet in El Salvador zum entscheidenden Spiel in der WM-Qualifikation an. Mit dem Nachbarstaat lag Honduras 1969 für hundert Stunden im Krieg. Honduras gewann 1:0. Weil zeitgleich Costa Rica in der Nachspielzeit das 2:2 gegen die USA kassierte, fährt Honduras nach Südafrika.

"Zur Zeit des Regierungswechsels bewirkte der Erfolg der Nationalmannschaft eine große Verbundenheit der Menschen untereinander", erklärt Vania García Morales, Geschäftsträgerin a.i. der Botschaft von Honduras in Berlin, im Gespräch mit SPOX.

Übergangsstaatschef Roberto Micheletti wandte sich nach dem Triumph in einer Fernsehansprache vor honduranischer Flagge und flankiert von Mitarbeiterinnen im Nationaltrikot an das Volk. "Nur die Nationalmannschaft ist in der Lage, die Menschen in Honduras ohne Rücksicht auf Politik und Religion zu vereinen", sagte Micheletti damals.

Die Ausgangssperre wurde aufgehoben, damit die Fans die Spiele gemeinsam verfolgen konnten. Kritiker warfen Micheletti vor, den sportlichen Erfolg in politischen Krisenzeiten zu instrumentalisieren.

Garcia Morales weist darauf hin, dass die Politik eine Menge für den Sport tue: "Die Regierung stellt Fußballplätze, Turnhallen und Grünflächen zur Verfügung. Außerdem nimmt der Sport einen wichtigen Teil des Bildungsprogramms ein." Der Sportverband CONDEPAH engagiert sich für junge Leute, die Sport treiben wollen, sich das nötige Equipment aber nicht leisten können.

Suazo & Co. beim Public Viewing

Die zweite WM-Teilnahme brachte den Honduranern ein seltenes Gefühl des Stolzes. Tagelang feiertern sie friedlich ihre Helden und machten die Nacht zum Tag. Bei der WM wird es laut Botschafterin Morales mehrere Nationalfeiertage geben: "Das Land wird gespannt jede Minute der Spiele verfolgen. Es wird auch Public Viewing geben."

Da will auch Hector Zelaya dabei sein und seine legitimen Nachfolger David Suazo, Wilson Palacios oder Maynor Figueroa bewundern.

"Ich bin mir sicher, dass Honduras auch in Südafrika wieder einen großen Tag haben wird. Unsere Mannschaft ist stark genug, für Überraschungen zu sorgen", sagt Hector Zelaya. Die Honduraner sollten sich für den 21. Juni nichts vornehmen. Da spielt die Nationalmannschaft gegen Spanien.

WM 2010: Die Qualifikation der CONCACAF-Gruppe

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