WM-Comeback: Nordkorea im Porträt

Mr. Rooney, übernehmen Sie!

Von Anant Agarwala
Freitag, 04.12.2009 | 12:03 Uhr
Jong Tae-Se hat in dieser Saison dreizehn Treffer in 28 Spielen für seinen Klub Kawasaki erzielt
© Imago
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Die gesellschaftliche Wahrnehmung von Nordkorea in Deutschland wurde in den letzten Jahren von negativ besetzten Themen geprägt: Atomwaffenpolitik, totalitärem Sozialismus, Kim Jong Il. Mit der Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika besteht für die nordkoreanische Nationalmannschaft nun die Chance, positive Schlagzeilen zu produzieren. Es ist die erste Endrunden-Qualifikation seit 1966 - Nordkorea ist die Comeback-Nation von Südafrika. Die Defensive ist ihr Trumpf, ein Wayne-Rooney-Verschnitt ihr Star.

Asiens beste Torschützen werden in Südafrika fehlen. Sarayoot Chaikamdee aus Thailand und Maksim Shatskikh, Usbekistan. Beide acht Treffer, beide nicht dabei. Denn Tore allein sind im Fußball nicht immer entscheidend. Beweis gefällig? Das WM-Comeback von Nordkorea.

Zwar hieß es aus Sicht Nordkoreas 4:1 und 5:1 nach 180 gespielten Minuten in der WM-Qualifikation, die Mongolei war torreich und überzeugend ausgeschaltet worden. Doch in den anschließenden Gruppenphasen zeigte Nordkorea sein wahres Gesicht.

Fünf Nullnulls in vierzehn Spielen, eine mehr als zufällige Häufung: Nur drei Mal erzielten die Mannen von Trainer Kim Jong-Hun überhaupt mehr als ein Tor, mit 1,25 Toren pro Spiel haben sie den niedrigsten Durchschnitt aller qualifizierten Nationen. Nordkorea - das Minimalistenteam Asiens. Und gleichzeitig die große Überraschung.

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44 Jahre Warten sind vorbei

Schließlich wurden Favoriten wie der Iran und Saudi-Arabien hinter sich gelassen, schließlich ist es ein Comeback nach 44 Jahren WM-Abstinenz. "Der Glaube an uns selbst wurde zu der vereinigenden Kraft, die unsere Spieler inspiriert hat", gab sich Jong-Hun nach der erfolgreichen Qualifikation pathetisch-philosophisch.

Profaner betrachtet legte eine exzellente Defensivleistung den Grundstein des Erfolgs. Mit lediglich fünf Gegentreffern in den Gruppenspielen stellte Nordkorea, nach den "Neu-Asiaten" aus Australien, die zweitbeste Abwehr.

Unglaubliche zehn Spiele behielten Stammkeeper Ri Myong-Guk und sein erst 19-jähriger Stellvertreter Ju Kwang-Min eine weiße Weste.

Bekanntester Spieler Nordkoreas ist aber kurioserweise ein Stürmer: Jong Tae-Se, J.League-Profi der Kawasaki Frontale. Tae-Se verdankt diesen Status einerseits seinen Qualitäten als Mittelstürmer, andererseits seiner bewegten Vergangenheit.

Drei Nationen standen zur Wahl

Als Kind einer südkoreanischen Mutter und eines nordkoreanischen Vaters wuchs Tae-Se im japanischen Nagoya auf und stand im Februar 2008 plötzlich im Rampenlicht, als er bei der Ostasien-Meisterschaft sowohl gegen Japan als auch gegen Südkorea traf. Tore gegen Nationen, deren Trikots auch er hätte tragen können.

"Ich fühle mich als Nordkoreaner", war sich Tae-Se trotz seiner verschiedenen Einflüsse früh sicher. Selbst gelebt aber hat er nie in der Demokratischen Volksrepublik Korea, wie das von Despot Kim Jong-Il "regierte" Land offiziell heißt.

"Er ist schnell und unglaublich kopfballstark, außerdem sehr robust, athletisch, kämpft um jeden Ball", zählt Volker Finke im Gespräch mit SPOX die Vorzüge Tae-Ses auf. Die Freiburg-Legende ist derzeit Trainer der Urawa Red Diamonds und kennt die Qualitäten des 25-Jährigen aus den direkten Duellen mit Kawasaki.

"Wayne Rooney Asiens"

Zu Finkes Beobachtungen passt, dass Tae-Se auch als "Wayne Rooney Asiens" bekannt ist. Kein Wunder, dass er sagt: "Ich würde mich nur zu gern in der Premier League beweisen." Mit seinen akrobatischen Salti nach erzielten Toren befände er sich auf der Insel in spektakulärer Gesellschaft.

Einzelne Spieler wie Tae-Se seien für den Erfolg der Comebacker aber von untergeordneter Bedeutung, so Finke: "Als Kollektiv sind sie unglaublich stark und an guten Tagen immer für eine Überraschung gut; vor allem wegen ihrer überragenden körperlichen Verfassung und ihrem starken Willen." Trotzdem sei ein Einzug ins Achtelfinale unwahrscheinlich, ja "eine Sensation."

Schon einmal gelang die Sensation

Eben diese aber gelang Nordkorea schon einmal, 1966, bei der ersten und einzigen Weltmeisterschafts-Teilnahme überhaupt.

Die 0:3-Pleite im ersten Spiel gegen den großen kommunistischen Bruder, die Sowjetunion, schien alle Prognosen zu bestätigen: Nordkorea, das Kanonenfutter.

Doch was für ein Comeback: Der Klatsche folgten ein 1:1 gegen Chile und der sensationelle 1:0-Sieg gegen das Italien um Milan-Superstar Gianni Golden Boy Rivera - Nordkorea stand im Viertelfinale.

Eusebio beendete den Traum vom Halbfinale

Die nächste Schlagzeile schien festzustehen, als man in jenem Viertelfinale Portugal, nach 25 Minuten stand es schon 3:0, förmlich überrannte. Doch dann kam Eusebio. Mit einem Viererpack und einer Vorlage führte der frisch gewählte Fußballer Europas sein Land quasi im Alleingang zum 5:3-Endstand.

Das Ende des Traums vom Halbfinale und der Beginn einer 44 Jahre dauernden Abwesenheit vom interkontinentalen Kräftemessen.

Nun also die Rückkehr auf die große Bühne. Kommt es in Südafrika zur Wiederholung von 1966? Zumindest acht Tore in einem Spiel mit Nordkoreas Beteiligung scheinen ausgeschlossen. Ein Sieg gegen einen Favoriten aber nicht, meint Finke: "Dank ihrer Willensstärke können sie für 90 Minuten über sich hinaus wachsen, und dann ist alles möglich."

Die Devise wird lauten: Hinten dicht machen, vorn wird's "Wayne Rooney" schon richten.

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