WM-Favorit: Brasilien im Porträt

Viva Germania!

Von Marcus Giebel
Freitag, 04.12.2009 | 12:01 Uhr
Als Aktiver betritt Carlos Dunga 91 Länderspiele für die Selecao und erzielte sechs Tore
© Getty
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Brasilien entdeckt den europäischen Fußball für sich. Seit Trainer Carlos Dunga nach der enttäuschenden WM 2006 das Zepter beim fünfmaligen Weltmeister übernommen hat, hat sich der Spielstil der Selecao enorm verändert. Weg vom Offensivfeuerwerk mit spektakulären Einzelaktionen der Stars, hin zu mehr Disziplin und Ordnung in allen Mannschaftsteilen - den typisch deutschen Tugenden. Und trotzdem haben die Brasilianer aus der Bundesliga bei Dunga schlechte Karten.

Im August 2008 lag die Selecao am Boden. Und mit ihr Trainer Carlos Dunga. "Der brasilianische Fußball, fünfmal Weltmeister, informiert darüber, dass das Team von Carlos Dunga in Peking gestorben ist", verkündete "O Globo" in einer mit großen Lettern aufgemachten Traueranzeige. Es war der Tag nach dem Halbfinalaus bei Olympia. Gegen Argentinien. Ausgerechnet Argentinien.

Dunga schien am Ende. Obwohl er ein Jahr zuvor die Südamerikameisterschaft gewonnen hatte. Obwohl er mit der Selecao Kurs Richtung WM 2010 genommen hatte. Obwohl er in drei Vergleichen mit der A-Nationalmannschaft des Erzrivalen Argentinien ohne Niederlage und Gegentor geblieben war.

Doch für die stolzen Brasilianer ist jede Niederlage wie ein Weltuntergang. Und bei Dunga kam erschwerend hinzu, dass das Spiel seines Teams nicht sonderlich ansehnlich ist. Am Zuckerhut lieben sie das Spektakel, doch der aktuelle Trainer setzt eher auf nüchterne Hausmannskost.

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Kopfbälle statt Tanzen im Bus

Damit nicht genug: Er verbot den Spielern das Tanzen im Bus auf der Fahrt ins Stadion, er unterband die üblichen Interviews seiner Akteure während der Trainingseinheiten. Und noch schlimmer: Dunga ließ ausführlich Standardsituationen einstudieren und führte die verhassten Kopfballübungen wieder ein. "Ruhende Bälle sind ein wesentlicher Aspekt des modernen Fußballs", erklärte er seinen verdutzten Landsleuten.

Wie der ehemalige Stuttgarter Kapitän war auch sein jetziger Co-Trainer Jorginho in den 1990er Jahren eine feste Größe in der Bundesliga. Die in Deutschland gemachten Erfahrungen setzt das Duo seit 2006 in der Heimat um.

Jorginho: "Nie aufgeben"

"Das habe ich in meiner Bundesliga-Zeit gelernt: Ohne Disziplin geht es nicht. Sich nicht hängen lassen, nie aufgeben", betont Jorginho, von 1989 bis 1995 für Bayer Leverkusen und Bayern München aktiv.

Sein Chef pflichtet ihm bei: "Erst in dem Moment, in dem Brasilien denselben Antrieb und dieselbe Willenskraft hat wie andere Mannschaften, wird unsere Technik den Unterschied ausmachen." Das klingt wie eine Drohung an die Löws, Del Bosques, Maradonas und Capellos dieser Welt.

Nur Josue gehört zum Stamm

Und vermeintlich wie eine Art Freifahrtschein für die heutigen Bundesliga-Brasilianer. Doch weit gefehlt. Dunga und Jorginho bedienen sich zwar der Tugenden ihrer früheren Wahlheimat, doch Spieler wie Bremens Abwehrmann Naldo oder Schalkes Außenverteidiger Rafinha haben - wenn überhaupt - nur eine Nebenrolle.

Einzig Wolfsburgs Kapitän Josue gehört zum Stamm, Hoffenheims Edeltechniker Carlos Eduardo debütierte zuletzt bei den Testspielen gegen England und den Oman. Seine Chancen auf einen WM-Platz sind angesichts der Konkurrenz im offensiven Mittelfeld mit Kaka oder Diego jedoch gering.

Hulk für Pato

Obwohl Dunga auch vor großen Namen nicht zurückschreckt: "Es gibt keine Stars und keine Stammplätze mehr", stellte der 46-Jährige bei seinem Amtsantritt klar. Diesem Leitsatz folgt er eisern. So nominierte er im vergangenen Monat auch Hulk und Michel Bastos erstmals für die Selecao, verzichtete dagegen aber überraschend auf Alexandre Pato vom AC Milan.

Ze Roberto hat auch längst ausgedient - weil der jetzige Hamburger 2007 nicht für Brasilien an der Copa America teilnehmen wollte. Dunga und Jorginho sahen darin einen Affront gegen ihre Arbeit, die Nationalmannschaft und das ganze Land.

Bei ihnen zählen frühere Erfolge nichts mehr. Anders als ihre Vorgänger wie Carlos Alberto Parreira, der (zu) lange an den Altstars wie Ronaldo, Roberto Carlos oder Cafu festhielt, stellen sie stets nur nach Leistung auf. Fixsterne in der Auswahl scheinen einzig Torwart Julio Cesar, Kapitän Lucio und Kaka, der Chef im Mittelfeld, zu sein.

Robinho: "Nicht ausruhen"

Die neue Philosophie kommt bei den Nationalspielern an. "In Europa denken die Trainer anders, sie wechseln viel und am Ende gibt es 15 oder 16 Stammspieler. Das kann auch eine neue Mentalität in der Selecao sein", unterstützt Kaka das Vorhaben seines Trainers. Und Robinho, der mehr denn je um Einsatzzeit kämpfen muss, weiß: "In unserer Mannschaft kann sich niemand auf seinen Lorbeeren ausruhen."

Dennoch sind die heimischen Journalisten noch immer nicht überzeugt vom "System Dunga". So titelte "Folha de Sao Paulo" kürzlich über die Selecao: "Der Lack ist ab." Die Sportzeitung "Lance" setzte noch einen drauf: "Die Nationalmannschaft spielt und keiner guckt hin."

Doch die Sticheleien seiner schreibenden Landsleute lassen Dunga mittlerweile kalt. Darauf angesprochen, lächelt er nur und sagt: "Ich bin nicht hier, um irgendjemand zu gefallen, um die Kritiker zum Schweigen zu bringen. Die geben nie Ruhe."

Für ihn gibt es nur das eine Ziel: den WM-Titel 2010. Dafür setzt er sich gegen alle Widerstände durch. Ob mit oder ohne Bundesliga-Profis.

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