Argentinien: Die Rückkehr der Zombies

Von Haruka Gruber
Freitag, 09.10.2009 | 16:19 Uhr
Sorgt wieder für positive Schlagzeilen: Ex-Fenerbahce-Superstar Ariel Ortega
© Imago
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Juan Sebastian Veron, Matias Almeyda, Ariel Ortega oder Martin Palermo: Vergessen geglaubte Helden feiern in der argentinischen Heimat eine Auferstehung. Jedoch mit fatalen Folgen für Nationalmannschaft...

Rolando Schiavi saß im Bus und wusste nicht, wie ihm geschah.  Er machte sich an einem Septembertag auf den Weg zu einem Freund, als das Handy klingelte - und plötzlich Diego Maradona am anderen Ende der Leitung war.

"Ich dachte, es wäre ein Streich. Ich habe ihn direkt gefragt, ob er von der Versteckten Kamera ist", erzählt Schiavi amüsiert. Es war jedoch der argentinische Nationaltrainer höchstpersönlich, der ihn telefonisch von dessen nachträglicher Nominierung für das Qualifikationsspiel gegen Brasilien informieren wollte.

"Maradona versicherte mir, dass ich es verdient hätte", so Schiavi. "Ich habe direkt danach meine Mutter angerufen, und selbst sie dachte, dass sie auf den Arm genommen wird. Sie konnte es nicht glauben."

Nicht nur sie.

Klubs top, Nationalteam flop

Schiavis Berufung Anfang September löste in Argentinien ein mittleres Erdbeben aus, immerhin wurde der Innenverteidiger von Newell's Old Boys erstmals in die Albiceleste berufen. Mit 36 Jahren.

Ein Witz? Eine von Maradonas Verrücktheiten? Oder eine sportliche Bankrotterklärung? "Die Entscheidung zugunsten Schiavis ist symptomatisch", sagt Ex-Nationalspieler Rodolfo Cardoso zu SPOX.

Was soviel heißt wie: Der Zustand des argentinischen Fußballs ist besorgniserregend. Auf Klubebene gehört Argentinien trotz der chronischen Finanzkrise weiterhin zu den besten Nationen Südamerikas. Estudiantes de la Plata gewann zuletzt die Copa Libertadores, zudem stehen derzeit gleich drei argentinische Vereine im Viertelfinale der Copa Sudamericana, der südamerikanischen Version der Europa League.

Die Nationalmannschaft jedoch steckt in einer der größten Krisen der Geschichte. Nach drei Qualifikations-Niederlagen in Serie, unter anderem dem 1:3 gegen Brasilien, droht das Verpassen der WM. Ein Sieg in der Nacht auf Sonntag gegen Peru ist Pflicht, ansonsten könnte sogar der Playoff-Platz verloren gehen.

Es fehlen die Alternativen

Die Öffentlichkeit, die Medien, selbst ehemalige Nationalspieler ziehen Maradona zur Verantwortung und fordern seine Entlassung. Die Vorwürfe reichen von falscher Vorbereitung, fehlendem Taktikverständnis bis hin zur Kaderauswahl. Neben Schiavi berief Maradona etwa auch den 35-jährigen Martin Palermo nach zehn Jahren Abstinenz wieder ins Nationalteam.

Maradonas Nominierungspolitik mutet in der Tat kurios an - und verdeutlicht doch nur den großen Schwachpunkt des argentinischen Fußballs: Auf einigen entscheidenden Positionen fehlen schlicht hochqualitative Alternativen. Und dafür ist Maradona - anders als bei vielen anderen Entscheidungen - nur bedingt haftbar.

"Solange ich mich erinnern kann, hatte Argentinien noch nie so viele Superstars auf einmal. Lionel Messi, Kun Agüero, Carlos Tevez, Javier Mascherano oder Esteban Cambiasso. Sie können jedoch nicht die strukturellen Probleme übertünchen", sagt Cardoso.

Altersstruktur und Ausbildung

Einerseits fehlt Argentinien, von Lucho Gonzalez oder Maxi Rodriguez vielleicht abgesehen, die Generation an überdurchschnittlich guten Fußballern zwischen 25 und 30 Jahren. Cardoso: "Das ist so ähnlich wie die Lage des DFB-Teams vor zehn, elf Jahren. Die Leistungsträger sind zu alt und die Talente zu unerfahren. Die Altersstruktur der argentinischen Mannschaft stimmt nicht."

Andererseits, so meint nicht nur Cardoso, konzentrieren sich die Vereine zu sehr auf die Ausbildung ähnlicher Spielertypen. Argentinien hat einen Überfluss an wendigen und kleinen Stürmern (Messi, Agüero, Tevez, Lavezzi, Zarate, Di Maria) sowie an modernen defensiven Mittelfeldspielern (Mascherano, Cambiasso, Gago, Banega), doch in der Innenverteidigung, auf den Flügeln im 4-4-2 (offensiv wie defensiv), im Tor sowie für die Sturmmitte sucht Maradona - so wie seine Vorgänger - nach der Idealbesetzung.

"Die Klubs müssen aus der schlechten Phase der Nationalmannschaft lernen und dürfen nicht als erstes daran denken, immer nur Spielertypen zu formen, die sich vielleicht am besten in Europa verkaufen lassen", fordert Cardoso - und zeigt Verständnis für Maradona. "Was soll er denn sonst machen, außer zu experimentieren?"

Die Suche nach einem Abwehrchef

Daher auch der Versuch mit Schiavi, der mit 36 Jahren und einer Erfahrung von zwei Länderspielen plötzlich zur Stammelf gehört. Seit Roberto Ayalas Rücktritt fahndet Argentinien nach einem zuverlässigen Abwehrchef, doch weder erfahrene Kräfte (Gabriel Heinze, Walter Samuel, Nicolas Burdisso) noch betagte Debütanten wie Sebastien Dominguez (29) und Alexis Ferrero (30) oder der 21-jährige Hoffnungsträger Nicolas Otamendi boten sich nachhaltig an. Gabriel Milito ist seit eineinhalb Jahre verletzt. So stellt Bayerns Martin Demichelis die einzig fixe Konstante dar.

Ähnlich die Situation im Angriff. Es fehlt ein zuverlässiger Mittelstürmer, der für Messi, Agüero oder Tevez Räume schafft. Diego Milito überzeugt nur bedingt, so dass Palermo nach einem Jahrzehnt wieder eine feste Größe ist. Sinnbildlich, dass im Mai der wenig talentierte, dafür aber 89 Kilogramm schwere Sturmtank Esteban Fuertes mit 36 Jahren seine Nationalmannschaftspremiere feierte.

Alt-Stars: Unterschlupf in der Heimat

Es ist die Rückkehr der Fußball-Zombies. Längst abgeschrieben und nur selten vom argentinischen Volk gewürdigt, dennoch nicht tot zu kriegen. Nun sollen Schiavi, Palermo oder der erst 2008 reaktivierte und laut Maradona unersetzliche Mittelfeld-Stratege Juan Sebastian Veron (34) die Albiceleste zur WM führen. "Sie haben sich ihren Status dank der Leistungen in der argentinischen Liga erarbeitet", sagt Mardona.

In der argentinischen Liga, die zwar international erfolgreich, anders als früher aber mehr für seine vermeintlich abgehalfterten Stars als für hoffnungsvolle Talente bekannt ist.

Einem Juwel wie Eduardo Salvio (19, Lanus) oder Otamendi (Velez) stehen eine Phalanx an vergessen geglaubten Fußball-Helden gegenüber, die in der Heimat Unterschlupf fanden - und dadurch den nachkommenden Talenten den Platz wegnehmen. Die Auswirkungen reichen bis zur Nationalmannschaft.

Auch Ortega taucht wieder auf

Neben dem unumstritten Veron (Estudiantes) spielen mittlerweile so prominente Namen wie Ariel Ortega (35), Matias Almeyda (35), Marcelo Gallardo (33, alle River Plate) und Kily Gonzalez (35, San Lorenzo) wieder in der heimischen Liga. Dem ehemaligen Mönchengladbacher Federico Insua (29) gelang bei Boca Juniors sogar das Comeback in der Nationalmannschaft.

Der ehemals alkoholabhängige Ortega wurde Ende September ebenfalls nach langer Zeit von Maradona nominiert, musste wegen einer Verletzung aber absagen.

Rückschritt für Argentinien?

Herausragend spielen die Veteranen nur noch selten, aber das reicht offenbar, um sich gegen die junge Konkurrenz durchzusetzen. "Die Rückkehrwelle der früheren Stars wird von vielen als Rückschritt für Argentinien angesehen", sagt Cardoso.

Er ergänzt aber: "Ich sehe es nicht nur negativ. Es bringt doch nichts, nur aus Selbstzweck auf die Jugend zu setzen. Es muss Qualität vorhanden sein - und die stimmt bei den Älteren."

Schiavi pflichtet ihm bei: "Ich habe nicht erwartet, doch noch so spät zur Nationalmannschaft zu kommen. Aber jetzt ist ein Traum wahr geworden und ich genieße jeden Augenblick. Ich denke gar nicht daran zurückzutreten." Zombies geben nun mal keine Ruhe.

Rodolfo Cardoso: "Von Messi muss mehr kommen"

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