Davide Santon, der schwarzblaue Maldini

Von Christian Bernhard
Donnerstag, 11.06.2009 | 22:52 Uhr
Davide Santon wechselte 2005 als 14-Jähriger von Ravenna Calcio zu Inter Mailand
© Imago
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Der erst 18-jährige Italiener Davide Santon steht in Marcello Lippis Kader für den Confederations Cup. Der Verteidiger von Inter Mailand hat sich in den vergangenen Monaten zum Lieblingsschüler von Jose Mourinho entwickelt und die italienische Fußballfachwelt mit seiner Ruhe und Abgeklärtheit begeistert - auf und neben dem Platz.

An Marco Tardellis ekstatischen Jubel nach seinem Tor im WM-Finale 1982 gegen Deutschland erinnern sich die meisten Fußballfans heute noch.

Zum dritten Mal in ihrer Geschichte kürten sich die Italiener damals in Spanien zum Weltmeister. Mittendrin: der 18-jährige Giuseppe Bergomi, der später zum Inter-Kapitän aufsteigen sollte.

27 Jahre später macht sich erneut ein 18-jähriger Inter-Verteidiger auf, Italiens Fußballwelt zu erobern. Sein Name: Davide Santon.

"Ich habe bereits gesagt, dass er eine Ausnahmeerscheinung ist. Jetzt, wo ich ihn aus der Nähe gesehen habe, kann ich das nur bestätigen." Diese Worte stammen nicht von irgendwem, sondern aus dem Mund von Italiens Nationalcoach Marcello Lippi.

Der Weltmeistertrainer verhalf Santon Ende Mai gegen Nordirland zu seinem Debüt im Dress der Azzurri und nominierte ihn postwendend für den anstehenden Confederations Cup.

"Ein neuer Facchetti, Zanetti oder Maldini"

"Ich kann das alles kaum glauben. Vor einem Jahr habe ich noch für Inters A-Jugend-Team gespielt, jetzt stehe ich im Kader der Nationalmannschaft und habe in der Champions League gegen Cristiano Ronaldo gespielt", erzählt der Außenverteidiger, der zu Beginn des Jahres erstmals in einem Pflichtspiel für die Nerazzuri auflief.

"Übermorgen spielst du von Beginn an, aber sage es niemandem, nicht einmal deinen Eltern", hatte ihm Inter-Coach Jose Mourinho vor dem Pokal-Match gegen den AS Rom mitgeteilt. Es sollte der Beginn einer großen Liebe sein.

"Santon ist ein Phänomen. Nach seinem Spiel gegen die Roma war mir klar, dass ich in jedem Spiel auf ihn bauen kann - auch in der Champions League", schwärmt der Portugiese.

"Ich bin mir sicher, dass er in zehn oder 15 Jahren 200 bis 300 Spiele für Inter gemacht haben wird und ein neuer Facchetti, Zanetti oder Maldini ist."

18 Jahre und schon ein Mann

Anders als sein Kumpel und Alterskollege Mario Balotelli ist Santon Mourinhos Lieblingsschüler. The Special One nennt ihn nur "bambino" - den Jungen. Und der Junge bedankt sich artig: "Das alles verdanke ich hauptsächlich Mourinho. Er hat mir vertraut und in vielen wichtigen Spielen auf mich gebaut."

Anfänglich als Backup von Maicon eingeplant, fügte sich der gelernte Rechtsverteidiger nach einer Schwächephase von Stammverteidiger Maxwell wie selbstverständlich auf der linken Seite ein und überzeugte seitdem vor allem durch seine Ruhe und Abgeklärtheit - nicht nur auf dem Rasen.

"Wenn ein 18-Jähriger bereits ein Mann ist, ist es für einen Trainer leicht, auf ihn zu setzen. Außerhalb des Platzes ist Davide unauffällig, auf dem Grün das genaue Gegenteil", erzählt Mourinho.

Weiche Knie nach dem Derby

Mit dieser Meinung steht der exzentrische Inter-Coach nicht alleine da. In den vergangenen Monaten prasselte förmlich ein Lobesregen auf Santon ein. Ex-Teamkollege Figo beschreibt ihn als einfachen Jungen, der fleißig ist und jeden Tag dazulernen möchte; sein Nationalmannschafts-Kapitän Fabio Cannavaro bescheinigt ihm jetzt schon "die Abgeklärtheit eines großen Spielers".

Und Milan-Monument Paolo Maldini antwortete bereits vor mehreren Wochen auf die Frage, wer denn sein Nachfolger werden könnte: "Santon gefällt mir sehr. Er hat Persönlichkeit."

Maldini und Persönlichkeit - zwei Wörter, die regelmäßig mit Santon in Zusammenhang gebracht werden. "Ich hoffe, Inters Maldini zu werden. Ich werde mich immer an ihm orientieren, aber ich würde mich bereits damit begnügen, nur halb so viel wie er zu erreichen", sagt Santon. "Als mir Paolo nach dem Derby sein Trikot in die Kabine gebracht hat, zitterten meine Beine wie verrückt vor Aufregung."

Immun gegen Verlockungen

Ein Einzelfall, denn der Außenverteidiger, der im Alter von zehn Jahren bei Inter vorgespielt hatte, mit 14 schließlich zu den Nerazzurri kam und bald darauf auch von Manchester United und Chelsea umgarnt wurde, überrascht mittlerweile niemanden mehr mit seiner Ausstrahlung und starken Persönlichkeit.

"Ibrahimovic? Zlatan ist ein großer Champion und ich hoffe, dass er bleibt. Sollte er aber keine große Lust dazu haben, ist es besser, wenn er woanders hingeht", so Santons trockener Kommentar zum Wechsel-Hickhack um Inters Topstar.

Die Verlockungen der modernen Fußballwelt scheinen an Italiens neuer Hoffnung einfach abzuprallen. Santon hat den großen Rummel um seine Person bisher gut weggesteckt, die Wörter Hektik und Hochmut existieren in seinem Vokabular nicht.

Materazzi: "Dann kannst du gleich vom Balkon springen"

"Ich freue mich immer noch auf Omas Lasagne. Wieso sollte ich auch abheben? Ich stehe ja gerade erst am Anfang meiner Karriere und muss noch viel lernen", so Santon. "Lippi hat mir bereits gesagt, dass es schwierig ist ins Nationalteam zu kommen, aber noch schwieriger, dort auch zu bleiben. Alles, was ich mir in den vergangenen Monaten aufgebaut habe, muss ich Tag für Tag über Fleiß und Arbeit aufs Neue bestätigen. Das habe ich mir geschworen."

Weise Worte, jetzt liegt es am "bambino". Er hat es selbst in der Hand, ein Großer zu werden - das weiß auch sein Mannschaftskollege Marco Materazzi. Santon erzählt schmunzelnd: "Marco hat mir gesagt, dass ich gleich vom Balkon springen kann, sollte ich nächstes Jahr nicht zur WM fahren."

Confederations Cup: Die Teilnehmer. Der Spielplan

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