Freitag, 05.09.2008

Liechtensteins Stocklasa im Interview

"Spanien ist unser Vorbild"

Wenn am Samstag zum Auftakt der WM-Qualifikation Liechtenstein auf Deutschland trifft (20.30 Uhr im SPOX-TICKER), dann kommt es zu einem Duell der Gegensätze. 

Stocklasa, Martin, Liechtenstein
© Imago

Die Münchner Allianz-Arena bietet rund 69.000 Zuschauern Platz. Würde man ausschließlich Einwohner des Fürstentums Liechtenstein mit Karten versorgen, dann wäre das Stadion nur etwa zur Hälfte gefüllt.

Der Fußballverband umfasst gerade mal sieben Vereine, die aufgrund der geringen Landesgröße alle am Schweizer Ligabetrieb teilnehmen. Nationaltrainer Hans-Peter Zaugg muss fast jeden Spieler nominieren, der einigermaßen vernünftig mit dem Ball umgehen kann.

Umso erstaunlicher, dass die Nationalmannschaft des souveränen Zwergenstaates im Alpenraum zwischen Österreich und der Schweiz sich immer weiterentwickelt und zumindest anderen kleineren Nationen Paroli bieten kann.

Vor dem Duell mit der deutschen Nationalelf sind die Rollen allerdings klar verteilt. SPOX sprach mit Liechtensteins Innenverteidiger Martin Stocklasa (zum Steckbrief) über das Duell mit Deutschland, den Reformer Klinsmann und die Chance, Geschichte zu schreiben.

SPOX: Herr Stocklasa, haben Sie vor dem ungleichen Duell zwischen Liechtenstein und Deutschland schon ein wenig Bammel?

Martin Stocklasa: Nein, wir haben uns schon bei der Auslosung gefreut, als uns die Deutschen zugelost wurden. Alles unter fünf bis sechs Gegentoren wäre für uns ein großer Erfolg. Dann wäre das ganze Land stolz auf uns.

SPOX: Wie bereitet man sich auf ein Spiel gegen einen Gegner vor, der einem auf allen elf Positionen klar überlegen ist?

Stocklasa: Wir versuchen immer, uns auf die Spielweise der jeweiligen Gegner einzurichten. Wenn man gegen Deutschland spielt, muss man vor allem bei Standardsituationen höllisch aufpassen.

SPOX: In letzter Zeit erzielte Liechtensteins Nationalmannschaft beachtliche Erfolge. Unter anderem gab es in der Qualifikation zur WM 2006 gegen Portugal ein 2:2. Locker angehen lassen dürfen es die Deutschen also nicht.

Stocklasa: Meistens haben wir gut ausgesehen, wenn die Gegner uns unterschätzt haben. Portugal hat zur Halbzeit 2:0 geführt und danach nur noch eine ruhige Kugel geschoben. Hinzu kommt die Tatsache, dass wir uns weiterentwickelt haben und nicht mehr so aussichtslos in Begegnungen gehen wie früher. Vor allem in die Jugendarbeit wurde viel investiert. Gegen Aserbaidschan, Finnland oder Wales haben wir zu Hause durchaus Chancen.

SPOX: Sie spielen in Österreich beim SV Ried. Haben Sie auch in Deutschland einen Lieblingsverein?

Stocklasa: Ich bin schon seit Jahren begeisterter Anhänger von Bayern München. Als Fan sehe ich vor allem die Verpflichtung von Jürgen Klinsmann positiv. Man sollte gewisse neue Strömungen nicht aufhalten und ruhig mal alte Strukturen aufbrechen.

SPOX: Nach hohen Niederlagen bekommen Sie sicher in der Kabine ihres Vereins immer mal dumme Sprüche zu hören. Wie gehen Sie damit um?

Stocklasa: Es sind in der Regel die jungen Spieler, die dann mal ein paar Sprüche rauslassen. Die erfahrenen Spieler können die Leistung besser einschätzen. Viele, die sich über einen lustig machen, wären doch selbst froh, wenn sie schon so viele Länderspiele hätten. Die ganz hohen Resultate muss man sowieso inzwischen suchen.

SPOX: An welchen fußballerischen Aspekten muss noch gearbeitet werden, damit man sich den anderen Nationen weiter annähert?

Stocklasa: Manche Spieler sind technisch sehr gut, setzen es aber nicht in der entsprechenden Geschwindigkeit um. Die holt man sich nur durch Vereinserfahrung in höheren Ligen. Leider setzt der Spitzenverein FC Vaduz nur auf ausländische Spieler und nicht auf unsere Talente. Wir haben mit der gesamten Mannschaft während der EM einige Spiele besucht und versucht, uns einiges abzuschauen. Zum Vorbild nehmen wir uns vor allem die Spanier aufgrund der Schnelligkeit ihres Spiels.

SPOX: Ärgern Sie sich manchmal, nicht für eine größere Nation spielen zu können?

Stocklasa: Ich bin unheimlich stolz, für mein Land zu spielen. Man kann Geschichte schreiben mit Resultaten, die niemand erwartet und bekommt die Chance, sich für höhere Aufgaben zu empfehlen. Viele Fußballer würden sich doch die Finger nach einem Länderspiel lecken.

SPOX: In der Mannschaft spielen insgesamt nur elf Profis. Die meisten Spieler arbeiten bei Banken und Versicherungsgesellschaften. Wie bekommt man Job und Nationalmannschaft unter einen Hut?

Stocklasa: Ein Job bei der Bank ist in jedem Fall günstiger, als wenn man auf dem Bau schuften müsste. Die Arbeitgeber kommen unserem Team sehr entgegen. Man hat ja schließlich nur vier bis fünf Länderspiele im Jahr. Da bereitet man sich dann ganz anders drauf vor als ein Bundesligaspieler.

SPOX: Im Film "Kicken für die Krone", der in der Schweiz, Österreich und Deutschland zu sehen war, wurde Ihr Team intensiv begleitet. Vor allem die Bodenständigkeit wurde herausgehoben. Der Dokumentarfilm stellt Ihre Mannschaft als eingeschworene Truppe dar, die stolz darauf ist, mit der Krone auf der Brust gegen die ganz Großen der Fußballwelt anzutreten. Entspricht der ausgeprägte Teamgedanke auch der Realität?

Stocklasa: Für uns war es eine gelungene Abwechslung, um der Öffentlichkeit auch mal aus einem anderen Blickwinkel zu zeigen, was bei uns geschieht. In unserem Land schaut man nicht so auf die große Karriere. Eine Kameradschaft wie bei uns findet man sicher woanders nicht so schnell. Die Spieler kennen sich schon seit ihrer Kinderzeit. Man kennt sich fast zu gut. Das kann man natürlich auch negativ sehen und feststellen, dass die Mannschaft sich fast von selber aufstellt.

SPOX: Sie sind Vizekapitän der Nationalelf und waren von 2006 bis 2007 auch Kapitän von Dynamo Dresden. Wo liegt der Unterschied zwischen den Kapitänsaufgaben im Verein und in der Nationalmannschaft?

Stocklasa: Im Verein muss man auch mal dazwischenhauen und für unangenehme Situationen sorgen. In der Nationalmannschaft ist die Zielsetzung eine ganz andere. Da geht es weniger ums Dazwischenhauen, sondern hier muss ich vor allem mit meiner Leistung vorangehen.

Interview: Jörn Duddeck

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