Die Lehren von Helsinki

Eine Überdosis Moral

Von Für SPOX in Helsinki: Stefan Rommel
Donnerstag, 11.09.2008 | 11:30 Uhr
Enke, Tasci, Johansson, Finnland, Deutschland
© Getty
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Die deutsche Nationalmannschaft offenbarte beim aufregenden Remis in der WM-Qualifikation in Helsinki einige markante Schwächen. Wie immer gab es aber auch Lichtblicke.

Der DFB-Elf kann man ja viel vorwerfen. Aber man kann ihr mit Sicherheit nicht vorhalten, dass sie Länderspiele produziert, die keinen Stoff für Diskussionen liefern. Ausführlicher Spielbericht und Analyse

Ein weiteres Prachtexemplar dieser Gattung aufwühlender Spiele fabrizierte die DFB-Elf beim 3:3 gegen Finnland. Zuvor gab es schon reichlich Gesprächsstoff.

Die Ballack-Bierhoff-Affäre, die Gedanken der Hitlzspergers und Rolfes' über mehr Verantwortung im Team, einen Heiko Westermann in bestechender Form, einen Miroslav Klose in miserabler Form.

Hier geht's zur SPOX-Einzelkritik

Desolate Defensive

Das aufregende Remis im Olympiastadion zu Helsinki verdrehte viele der Debatten um 180 Grad. Plötzlich waren die Hitzlspergers und Rolfes wieder nur die Jungfüchse im Auszubildenden-Status, Westermann wieder auf Normalmaß geschrumpft und Klose, nun ja: Torjäger alter Prägung.

Es war ein Paradebeispiel und Anschauungsunterricht dafür, wie viel diese Elf kann - und wie viel sie noch nicht kann. Das beschränkte sich an jenem kalten Abend in Helsinki auf den ersten Blick auf eine desolate Defensivleistung.

Auch wenn Westermann, der einen gebrauchten Tag erwischt hatte und an allen drei Gegentoren beteiligt war, die Sache etwas anders sah: "Wir haben unser Spiel durchgezogen. Aber wir haben kein schlechtes Spiel gemacht."

Übler Tag für die Viererkette

Auch hier gilt: Zur Hälfte wahr, zur Hälfte eben nicht. In der Tat zog die deutsche Mannschaft ihre Philosophie bis zum Ende durch, die da heißt: druckvoll und offensiv nach vorne spielen.

Allerdings ist dies auch von Nöten, wenn man permanent in Rückstand gerät, und zwar durch undiszipliniertes und unkonzentriertes Verhalten, besonders in der letzten Instanz, der Viererkette.

Jeder der aufgebotenen Verteidiger erwischte einen üblen Tag. Philipp Lahm, von Bundestrainer Joachim Löw im Vorfeld noch als Weltklasse eingestuft, hatte enorme Probleme mit dem quirligen Johansson, Clemens Fritz ließ Kolkka vor zwei Toren völlig unbedrängt flanken, und Westermann und Serdar Tasci hatten im Zentrum auffällig oft große Abstimmungsprobleme.

Lahm konstatiert Abstimmungsprobleme

So qualifizierte zwar auch Bastian Schweinsteiger die Gegentore als "unglücklich", was vor allem beim ersten Tor der Finnen gelten mag, aber nicht darüber hinweg täuschen darf, dass den Gegentoren eine Reihe von Versäumnissen der deutschen Elf in ihrer Entstehung behilflich waren.

"Man hat gesehen, dass wir so noch nicht häufig miteinander gespielt haben. Dass da nicht alles gelingt, ist doch normal. Wir müssen uns erst noch einspielen", sagte Lahm nach dem Spiel. "Aber man muss auch sagen, dass drei Tore auswärts eigentlich schon zum Sieg reichen müssten."

Müssten sie in der Tat gegen einen Gegner, von dem es vorher hieß, er könne sehr gut verteidigen, aber nicht so pfiffig nach vorne spielen. Ein 3:3 karikiert sogar diese schlaue Erkenntnis.

Rudimentäres Passspiel

Zur teilweise chaotischen Abwehr gesellte sich noch ein defensives Mittelfeld mit Hitzlsperger und Rolfes, das das Spiel nur phasenweise im Griff hatte und nur selten jene gewinnenden Ideen produzierte, die einen kompakt stehenden Gegner öfter hätten überraschen können.

Vom propagierten Direktspiel war nur rudimentär etwas zu sehen, weil der Gegner entweder die Räume so geschickt zuparkte, dass gar kein Pass- oder Laufweg mehr frei war oder aber die Pässe zu schlampig gespielt wurden.

Erst zum Ende der Partie, als die wackeren Finnen müde wurden und Löw mit Patrick Helmes einen Spieler stur auf Rechtsaußen brachte, schnupperte die DFB-Elf am Sieg.

Moral im Taka-Töölö

Nicht wenige dachten in der schwierigen Phase in der zweiten Halbzeit darüber nach, wie jetzt wohl die Granden Michael Ballack und Torsten Frings das Spiel führen und an sich reißen würden und ob die Mannschaft in dieser Konstellation nicht doch noch eine Spur zu jung ist.

Es fehlt schlicht noch an der Konstanz, auch über mehrere Partien hinweg auf jenem hohe Level zu spielen, wie es sich der Bundestrainer wünscht. Sowohl individuell als auch im Kollektiv.

Aber immerhin zeigte sich auch, dass dort eine deutsche Mannschaft mit ihren grundfesten Tugenden auf dem Platz stand, die niemals aufgibt. So wurde die "Moral" zu einem großen Wort dieses verrückten Abends im Stadtteil mit dem verrückten Namen Taka-Töölö.

Rückkehr der Granden

Die DFB-Elf hatte nach Ansicht der Beteiligten eine Überdosis davon erwischt, so als wären sie vor dem Spiel in einen großen Topf voll Moral gefallen, wie Obelix in den Cartoons in den Zaubertrank.

"Wir haben große Moral bewiesen", lobte Löw, "und wir haben eben eine sehr junge Mannschaft, die noch viele Erfahrungen sammeln muss."

Im nächsten Qualifikationsspiel gegen Russland, dem vermeintlichen großen Gegner in Gruppe 4, wird der Bundestrainer wohl eine andere Elf ins Rennen schicken. Eine etwas erfahrenere.

Dann werden Ballack und Frings und vielleicht auch Per Mertesacker wieder dabei sein.

So steht es in der WM-Quali-Gruppe 4

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