WM-Quali ohne Ballack und Frings

Umbruch im Herzstück

Von Stefan Rommel
Freitag, 05.09.2008 | 15:07 Uhr
© Getty
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Mit dem WM-Qualifikationsspiel der deutschen Mannschaft in Liechtenstein am Samstag (20.30 Uhr im SPOX-TICKER) beginnt auch eine neue Zeitrechnung im deutschen Mittelfeld. Längst sind dort nicht mehr alle Leistungsträger unumstritten.

Als Michael Ballack am Montag bei Oliver Kahns Abschiedsspiel groß auf der Videoleinwand der Allianz Arena zu sehen war, ging ein Raunen durchs Stadion draußen im Münchener Norden.

Vereinzelt mischten sich auch Pfiffe in die Klangmasse, aus der Südkurve waren freche Schmähgesänge nicht zu überhören.

Die Bayern-Fans mögen ihren einstigen Spieler nicht mehr leiden, nicht wenige behaupten sogar, sie mochten ihn noch nie leiden.

Im Moment, so scheint es, hat Ballack aber nicht nur bei den Fans des Rekordmeisters einen schweren Stand.

Kritik nach "Pisser-Affäre"

Der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft steht in der Kritik. Die so genannte "Pisser-Affäre" mit Teammanager Oliver Bierhoff klingt trotz des offiziell verkündeten Konsens' zwischen beiden Parteien immer noch nach.

Ballack verspürt Gegenwind von der DFB-Führung, von den Fans - und aus der Mannschaft. Das ist neu für ihn. Seit seiner starken WM 2002, bei der ihm der internationale Durchbruch gelungen war, war er der Boss. Bis 2004 teilte er die Aufgabe allenfalls noch mit Torhüter Oliver Kahn.

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Bei der WM 2006 war Ballack der Vollstrecker der Klinsmann'schen Ideen und Veränderungen auf dem Platz. Seither heißt Ballack nicht mehr Ballack, sondern Capitano.

Erste Risse der Liebesbeziehung traten vor einigen Wochen während der EM in Österreich und der Schweiz auf. Von internen Zankereien war da die Rede, Ballacks teilweise herrische Art auf und neben dem Platz stieß einigen unangenehm auf.

Ballack schätzt eine klare Hierarchie und in dieser ist er der Chef. Bisweilen lässt er das seine Mannschaft dann auch spüren - ob bewusst oder unbewusst.

Nicht immer trifft er den richtigen Ton, auch von vereinzelten Launen war die Rede. "Wenn man Führungsspieler ist, eckt man auch mal an", nimmt ihn Bierhoff zwar in Schutz, erfahrene und etablierte Mitspieler wie Arne Friedrich oder Christoph Metzelder aber hatten dem Kapitän schon damals geraten, sich zu mäßigen.

Bröckelnder Absolutismus

Der unglückliche Abgang mit dem verlorenen EM-Finale gegen Spanien und dem Streit zwischen Kapitän und Teammanager vor den Augen der Fans rütteln seitdem an Ballacks Absolutismus.

Der Zwist mit Bierhoff ist mittlerweile zwar ausgeräumt, in seiner Nachhaltigkeit aber kratzt er immer noch stark am Image des Kapitäns - und er schwächt Ballacks Position innerhalb der Mannschaft.

Vor dem ersten WM-Qualifikationsspiel der DFB-Elf in Liechtenstein musste der bald 32-Jährige wieder einmal wegen einer Blessur absagen. Seine anhaltende Verletzungsanfälligkeit tut in dieser Beziehung ihr Übriges.

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Die neue Generation steht bereit

Natürlich ist ein fitter Ballack immer noch gesetzt im deutschen Team. Dafür ist der gebürtige Görlitzer einfach zu wichtig für die Mannschaft. Dennoch lässt sich der Trend nicht leugnen, dass neue Spieler vehement in die Mannschaft drängen - und sich dadurch auch die Rollen der Führungsspieler neu verteilen.

Deutschland in Liechtenstein - so wollen sie spielen!

Bastian Schweinsteiger etwa drängt sich auf. Oder Thomas Hitzlsperger, der entgegen seiner sonst sehr zurückhaltenden Art vor dem Belgien-Testspiel (2:0) vor zwei Wochen lautstark und öffentlich Ansprüche auf einen Platz im Mittelfeld gestellt hatte. "Ich weiß, dass mit Michael Ballack und Torsten Frings noch zwei erfahrene Spieler da sind, die es zu verdrängen gilt."

"Verdrängen" formulierte der Mann vom VfB Stuttgart. Die zweite Garde will nicht einfach abzuwarten, bis Ballack und Frings nach der WM 2010 ihren Rücktritt bekannt geben.

Ausfälle als Chance

Frings sieht die Entwicklung und gibt den sanften Druck gerne zurück. "Jetzt bietet sich ja durch meine und Michaels Verletzung für andere Spieler die Gelegenheit, sich auf dem Platz zu beweisen und das, was sie fordern, mit Leistungen zu bestätigen."

Gegen Gegner wie Liechtenstein und Finnland eine durchaus lösbare Aufgabe für Schweinsteiger, Hitzslperger oder Simon Rolfes. Und vielleicht auch so etwas wie ein Start in eine veränderte Zukunft.

Nur noch Schweini ist übrig

Teammanager Bierhoff sah die Mannschaft in den letzten beiden Jahren schon "von der Person Michael Ballack unabhängig. Wir haben mit ihm gute Spiele gemacht - aber auch ohne ihn".

Jahre lang war das deutsche Mittelfeld beinahe in Stein gemeißelt. Neben Ballack und Frings waren da auch Schweinsteiger und Bernd Schneider gesetzt. In Liechtenstein wird von den vier Granden lediglich Schweinsteiger auf dem Platz stehen.

Die anderen drei sind mehr oder minder leicht verletzt. Ob Schneider je wieder zurückkehren wird, ist fraglich. Der schleichende Umbruch im Herzstück der DFB-Elf hat begonnen.

Löw muss Entscheidungen treffen

"Durch die Verletzung von Michael und auch von Torsten Frings haben nun mit Blick auf die WM 2010 andere Spieler die Möglichkeit, sich in den Vordergrund zu spielen", fordert deshalb auch Bierhoff.

Bundestrainer Joachim Löw steht auf jeden Fall eine ganz besondere Aufgabe ins Haus. Neben der direkten Qualifikation gegen den vermeintlichen Hauptkonkurrenten Russland in Gruppe vier muss er zum ersten Mal in seiner Amtszeit auch über einige Personalwechsel entscheiden.

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