Fussball

Der Fußball-Philosoph: Martins Welt

Von Interview: Stefan Moser
Maarten "Martin" Cornelius Jol (53) steht noch bis 2010 beim Hamburger SV unter Vertrag
© Getty

Der Hamburger SV steht trotz der 1:2-Niederlage bei Manchester City im Halbfinale des UEFA-Cups. Ein großer sportlicher Erfolg, der auch Trainier Martin Jol zuzuschreiben ist. Der Publikumsliebling zeigt im großen SPOX-Interview, dass er nicht nur von Spiel zu Spiel denkt, sondern viel Ahnung vom großen Ganzen hat.

Gegenüber SPOX sagt der HSV-Trainer: "Es ist kein Geheimnis, dass ich gerne noch drei, vier Jahre hierbleiben würde. Wenn der Vorstand das auch so sieht, ist alles in Ordnung."

SPOX: Herr Jol, vor allem nach guten Spielen Ihrer Mannschaft benutzen Sie immer wieder die Formulierung: 'Wir sind noch nicht perfekt.' Was bedeutet das?

Martin Jol: Ich meine das keineswegs zynisch, denn was ist schon Perfektion? Aber ich verrate Ihnen etwas: Wenn ich die Formulierung benutze, bin ich meistens ein wenig verärgert, weil mich die Journalisten immer fragen: 'Wie sieht's jetzt aus, Herr Jol? Gewinnen Sie den Titel?' Und dann versuche ich, ein wenig bauernschlau zu antworten: Wir sind noch nicht perfekt.

SPOX: Perfekt wäre demnach also tatsächlich nur die Meisterschale...

Jol: Perfekt ist, wenn man mehr als 80 Tore schießt. Denn dann wird man auch Meister. Aber mit 50 oder 55 Toren ist man normalerweise kein Titelkandidat. Wir müssen also noch torgefährlicher werden. Allerdings mussten wir elf neue Spieler integrieren und haben den Kader auch im Winter noch einmal verändert. Es gibt nur eine Mannschaft, die vergleichbar viele Änderungen vornehmen musste: Cottbus - und die spielen nicht gerade oben mit. Insofern zeigt meine Mannschaft eine sehr, sehr gute Leistung. Aber sie ist nicht perfekt.

SPOX: Ist Perfektion im Fußball überhaupt möglich?

Jol: Ich glaube, in seltenen Momenten gibt es manchmal Mannschaften, die fast perfekten Fußball spielen. Zurzeit ist das für mich Barcelona. Ein Traum! Vor allem die Balance, die Pep Guardiola dort gefunden hat, ist nahezu perfekt: Vier starke defensive Leute und sechs Spieler, die in erster Linie offensiv denken. Wir haben im Moment dagegen ein Verhältnis von fünf zu fünf.

SPOX: Die Bayern haben von Barca eine echte Lehrstunde bekommen. Das war beeindruckend...

Jol: Finde ich auch: Weil die sich überall auf dem Platz auf allen Positionen am Ball behaupten können. Es gibt praktisch keine Schwachstelle in der Mannschaft. Und dadurch sind sie immer dominant.

SPOX: So würden Sie auch gerne spielen...

Jol: Natürlich! Aber wir müssen immer noch überlegen: Wie spielen wir gegen Schalke, oder wie spielen wir bei Karlsruhe? Spielen wir Pressing, oder halten wir uns eher zurück? Barcelona hat die Qualität und auch das entsprechende Selbstverständnis, immer Dominanz auszustrahlen. Das gefällt mir mehr als etwa Inter Mailand, Chelsea oder Manchester City: Die haben die teuersten Spieler der Welt - aber Barcelona hat eine Philosophie. Und das fasziniert mich wirklich.

SPOX: Gibt es auch in Deutschland Mannschaften, die Sie faszinieren - abgesehen vom HSV?

Jol: Von der Balance her finde ich Leverkusen interessant: Ein sehr spezifisches Flügelspiel und zwei bewegliche Leute vorne drin. Auch Hoffenheim hat mich in der Hinrunde beeindruckt. Ralf Rangnick ist ein wirklicher Fachmann. Vor allem hat der sich auch in der Welt umgeguckt, hat sich informiert: Wie macht man das in Spanien oder wie macht man das in England. Ich finde das sehr wichtig - denn wenn man dann clever ist, dann kann man sich das Beste herauspicken.

SPOX: Was Rangnick unter anderem von seinen Auslandserfahrungen mitgebracht hat, ist eine große Verehrung für Arrigo Sacchi und Walerij Lobanowskyj. Wen bewundern Sie?

Jol: Ich bewundere Johan Cruyff - aber das ist ganz normal für einen Holländer. Das ist unser Franz Beckenbauer.

SPOX: Was fasziniert Sie an Cruyff?

Jol: Cruyff spricht viel über Spielkultur und Identität. Und ich glaube, das ist es auch, was Rangnick so fasziniert. Sacchi ist ein Phänomen, weil er mit Milan einen ganz speziellen Stil geprägt hat: Für italienische Verhältnisse ungewöhnlich offensiv, und hinten hat er mit Franco Baresi die Abseitsfalle perfektioniert.

SPOX: Und auch Lobanowski hatte eine klare Handschrift...

Jol: Ihm ging es viel um Bewegung, Tempo, Doppelpässe - den Ball spielen und sofort wieder bewegen. Das sind beides nur kleine Prinzipien, aber wenn man so eine Leitlinie hat und sie jede Woche unbedingt trainiert, dann sieht man auch: Hey, das ist Lobanowski. Oder das ist Sacchi, Luis van Gaal oder Guardiola: eine eigene Identität.

SPOX: Woher kommt Ihre Faszination für charakteristische Spielkulturen und Identität?

Jol: Vielleicht ist das ja ein Klischee, aber ich glaube, das ist typisch holländisch. Wir diskutieren einfach mehr über Fußball als über Fitness - und wir diskutieren sehr viel über Fußball. Und wir sind ein kleines Land. Es gibt bei uns nur eine Million registrierte Spieler - in Deutschland sind es 6,5 Millionen. Also müssen wir kreativ sein - und vor allem die eigene Identität behalten.

SPOX: Das zeigt sich schon in der Trainerausbildung: Die niederländische gilt als die beste der Welt...

Jol: Ich weiß nicht, ob die Ausbildung in Holland wirklich die beste ist. Aber was ich weiß, ist, dass es dort nicht so einfach ist, eine Trainerlizenz zu bekommen wie in anderen Ländern. Die Ausbildung dauert vier bis fünf Jahre, in denen man auch immer wieder praktische Erfahrung sammeln muss: Man muss zum Beispiel als Assistent arbeiten oder auch Jugendmannschaften trainieren.

SPOX: Ihre eigene Ausbildung liegt nun schon eine Weile zurück. Wie bilden Sie sich weiter fort?

Jol: Ich habe unheimlich viel gelesen. Ich lese alles über Fußball. Aber ich bin jetzt schon seit 20 Jahren dabei. Mit 53 kommt einem natürlich vor allem praktische Erfahrung zu Gute.

SPOX: Und wie sieht ein typisches Training unter Martin Jol aus? Worauf legen Sie besonders Wert?

Jol: Grundvoraussetzung ist natürlich, dass die Spieler fit sind. Aber vor allem bei jungen Spielern ist es mir wichtig, sehr viel mit dem Ball zu arbeiten. Unsere Philosophie ist es, dass ein Spieler in einer Trainingssession mindestens 500 Ballkontakte hat. Das ist überdurchschnittlich viel.

SPOX: Sie holen auch immer wieder eine Gruppe von Nachwuchsspielern ins Profitraining und arbeiten mit langfristigen Plänen...

Jol: Wir arbeiten mit detaillierten Plänen über eine Zeitspanne von jeweils vier bis sechs Wochen. Aber durch die vielen Spiele haben wir auch viele neutrale Wochen, in denen man keine hohen Intensitäten planen kann. Da heißt es nur: spielen, regenerieren, vorbereiten und wieder spielen. Das ist natürlich gerade für junge Leute tödlich. Mit denen müsste man eigentlich sehr zielgerichtet und kontinuierlich trainieren. Aber das ist fast unmöglich, wenn man an der Spitze ist. Trotzdem ist es mir wichtig, mit einer langfristigen Planung zu arbeiten.

SPOX: Nicht zuletzt für die Arbeit mit jungen Spielern haben Sie einen eigenen Technik-Trainer: Ricardo Moniz. Der hat sein Handwerk bei Wiel Coerver gelernt - einer Trainerlegende...

Jol: Es gibt einen echten Trainer-Guru: Wiel Coerver. Der beste der Welt. Er hat für sein Technik-Training eine Methode mit 93 speziellen Bewegungsabläufen entwickelt. Die er - mit über 80 - übrigens noch alle selbst ausführen kann. Andere würden sich dabei die Beine brechen! Und Coerver hatte zwei Adepten: Rene Meulensteen, der die Jugendakademie von Manchester United aufgebaut hat, - und Ricardo Moniz.

SPOX: Und dieses Wissen versuchen Sie nun weiterzugeben und wollen in Hamburg eine eigene Trainerausbildung ins Leben rufen...

Jol: Damit fangen wir gerade jetzt an. Denn wir können viel erzählen, aber wenn uns das Wissen fehlt, wenn wir die Übungen nicht haben, weil wir nicht ausgebildet sind, dann kommen wir nicht weiter. Deshalb ist es wichtig, dass wir alle dieselbe Philosophie haben.

SPOX: Eines der Lieblingsthemen von Jogi Löw. Der Bundestrainer kritisierte zuletzt, in der Bundesliga werde zu langsam gespielt, die Ballkontaktzeiten seien zu lang...

Jol: Das Problem ist: Wenn man solche Dinge gezielt trainieren will, kann das eine Mannschaft wie Bayern München einfach nicht, weil sie alle drei Tage ein Spiel hat. In einer englischen Woche - und das sind mehr als 30 pro Jahr - kann man nicht methodisch trainieren. Da kann man höchstens methodisch regenerieren. Junge Spieler können sich so im Training kaum verbessern, das geht eigentlich nur in der Vorbereitung.

SPOX: In Deutschland glaubt man aber, dass in England schneller gespielt wird...

Jol: Wer nur auf die reinen Kontaktzeiten achtet, der kommt in der dritten englischen Liga aber schon richtig auf seine Kosten. (lacht)Die geben den Ball zum Teil nach einer halben Sekunde schon wieder her - aber eben meistens dem Gegner. Oder wenn ich mir zum Beispiel Hull City gegen Stoke City anschaue, dann ist das Balltempo unglaublich hoch, die Ballkontaktzeiten liegen fast unter einer Sekunde, aber dafür verlieren die den Ball auch ständig.

SPOX: Sie glauben also nicht an einen grundsätzlichen Qualitätsunterschied?

Jol: Die Bundesliga kann man mit der Premier League nicht vergleichen. Die spielen grundsätzlich einen anderen Fußball. 7 von 10 Mannschaften spielen in England ein klassisches 4-4-2 mit Zonendeckung. Dort gibt es einfach weniger Raum. Ich habe ja nun beide Ligen kennengelernt und ich glaube nicht, dass hier grundsätzlich langsamer gespielt wird.

SPOX: Doch die Big Four sind im europäischen Vergleich deutlich erfolgreicher...

Jol: In England kommt man zu den großen Klubs nur, wenn man in zwei Jahren 70 Prozent der Länderspiele absolviert hat. Das heißt: Bei den großen Klubs spielen nur Topspieler - die haben das Geld dazu. Essien, Lampard, Ballack, der übrigens gerne unterschätzt wird, aber der läuft stolze 13 Kilometer pro Spiel: Das sind wirkliche Topspieler, fertige Spieler.

SPOX: Die sich in der Bundesliga kaum eine Mannschaft leisten kann...

Jol: Deshalb finde ich es so wichtig, dass wir in Deutschland nun über die Ausbildung der Spieler sprechen. Denn ein unfertiger Spieler kann sich in einer Spitzenmannschaft im Training kaum verbessern. Junge Leute sollten deshalb am besten mit 19 schon so ausgebildet sein, dass sie fertig sind, dass sie fit sind, dass sie so schnell spielen können. Und das ist hier noch nicht so.

SPOX: Wieder spricht der Holländer in Ihnen, richtig?

Jol: Ajax hat 1995 mit einem Durchschnittsalter von 21 Jahren die Champions League gewonnen! Das zeigt: Es geht, es ist möglich. Aber dafür müssen die Spieler frühzeitig gut ausgebildet sein. Und das ist mir in Vereinen, bei denen ich arbeite, sehr wichtig.

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