Freitag, 02.05.2008

Bayerns Saison endet abrupt in einem Debakel

Verschenkte Unsterblichkeit

 München - Es hätte die Saison der Rekorde werden sollen. Liga-Pokal, DFB-Pokal, Meisterschaft - das alles war schon so gut wie eingetütet. Nur der UEFA-Cup fehlte noch, dieser ungeliebte Cup der Verlierer, wie ihn Franz Beckenbauer einst nannte.

© Getty

Ein zweites Getafe sollte es in St. Petersburg werden, es wurde ein zweites Kopenhagen. 17 Jahre nach dem blamablen Zweitrunden-Aus bei B 1906 Kopenhagen (2:6) wurde der FC Bayern im Halbfinal-Rückspiel vom ersatzgeschwächten FC Zenit überfahren, blamiert, an den Pranger gestellt. 0:4. Aus. Ende.

Am Ende sprang so ein weiterer Rekord heraus - wenn auch ein unrühmlicher. Zum elften Mal mussten die Bayern im Europapokal in der Vorschlussrunde die Segel streichen, so oft wie kein anderes Team in Europa.

Noch in 50 Jahren geschwärmt

Im Anschluss gaben Spieler und Verantwortliche auch vor den Mikrophonen und Diktiergeräten der Journalisten ein blamables Bild ab. Statt sich zu schämen und zu grämen, war manch einer richtiggehend froh darum, dass die Saison im Petrowksy-Stadion ein jähes Ende gefunden hatte.

"Wir haben alle Ziele erreicht. Die Mannschaft war einfach müde. Basta", entfuhr es Manager Uli Hoeneß, durch die Unterlegenheit der Bayern-Elf offenbar weich geklopft. "Die Enttäuschung ist groß, aber sie hält sich in Grenzen. Wenn die Kräfte nachlassen, passiert so etwas eben. Das ist nicht so dramatisch."

Nicht dramatisch, wenn man die Saison so wie Hoeneß als Durchgangsstation sieht. Nur die Champions League zählt, das ist das Credo der Bayern. Und dabei verloren sie aus den Augen, was das Triple - oder Quadrupel, wenn man den unbedeutenden Liga-Pokal mitzählen mag - in der Nachbetrachtung bedeutet hätte.

Noch in 50 Jahren hätte man von einer perfekten Saison der Bayern geschwärmt. Alle Titel abgeräumt, 34 Spieltage in der Liga auf Platz eins, vielleicht sogar noch die wenigsten Gegentore für Oliver Kahn - dieses Bayern-Team hätte sich unsterblich gemacht. Das wusste auch Hitzfeld: "So eine Chance kommt alle zehn Jahre einmal."

"Triple, Viertel, Quarterback"

Doch dafür fehlten dieser Bayern-Elf die Entschlossenheit und die geistige Frische, auch noch den letzten Schritt zu gehen. "Die Kräfte schwinden. Es gibt so Tage", meinte Trainer Ottmar Hitzfeld, dem mit der Pleite der letzte große Triumph verwehrt blieb.

Für Hoeneß alles kein Problem. "Das ist so ein Ereignis der Medien, Triple, Viertel, Quarterback, das interessiert mich alles überhaupt nicht", grantelte der Manager. "Wir haben zwei Titel gewonnen, wir sind nächstes Jahr in der Champions League, wo wir schon lange wieder hingehören. Und alles andere ist mir ziemlich egal."

Oliver Kahn meinte nach seinem letzten Europacup-Spiel: "Wir haben uns lange genug den UEFA-Cup schöngeredet. Die Mannschaft soll froh sein, dass sie in der nächsten Saison wieder Champions League spielt."

Kahn exklusiv zum UEFA-Cup-Aus - Sa., 14.45 Uhr in "Das Jahr Kahn" auf Premiere

Der Blick geht voraus. Die Ära Klinsmann hat mit der Niederlage in St. Petersburg begonnen, die Ankunft des neuen Trainers wirft jetzt schon seine Schatten voraus. Doch wenn man im nächsten Jahr in der Königsklasse erfolgreich sein will, bedarf es mehr als eines Klinsmanns und eines Borowskis.

Kader muss konkurrenzfähiger werden

"Wir sind auf dem Zahnfleisch daher gekommen, im Gegensatz zum Gegner, der frischer war", meinte Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge in St. Petersburg. Aber muss es nicht der Anspruch der Bayern sein, auch nach 53 Pflichtspielen noch einen konkurrenzfähigen Kader zu haben?

Es fehlt an Alternativen. In der Innenverteidigung, im Mittelfeld, im Sturm. Hitzfelds Möglichkeiten gegen Zenit waren begrenzt. Podolski und Lell zur Halbzeit, Sosa als Dreingabe - alles keine Schlüsselspieler, die das Ruder noch mal rum reißen können.

Im europäischen Spitzenvergleich ist dieser Kader nicht konkurrenzfähig, dass weiß auch Klinsmann. In der nächsten Woche steht eine Stippvisite in München an, dann werden die Planungen fürs kommende Jahr vorangetrieben.

Lahm soll bleiben - Sagnol kann gehen

Philipp Lahm will der neue Coach in einem Vier-Augen-Gespräch zum Bleiben überreden, Willy Sagnol steht laut dem "kicker" auf der Abschussliste.

Fürs Tor ist Australiens Nationalkeeper Mark Schwarzer eine Alternative, wie Hoeneß dem Magazin bestätigte.

An Arsenals Mathieu Flamini ist man dran, Milan soll aber bessere Chancen haben.

Leisten könnten sich die Bayern weitere Stars allemal: Auf dem Bankett nach dem Spiel kündigte Rummenigge nach den 225,8 Millionen Euro der Vorsaison eine weitere Umsatzsteigerung an: "Wir machen weiter Gewinne."

Rotation zu Gunsten Klinsmanns 

Finanziell war der UEFA-Cup mit Einnahmen von 30 Millionen Euro ein Erfolg. Doch die müssen jetzt auch investiert werden.

Die Saison läuft solange aus. Und wenn Ottmar Hitzfeld ein Großer ist, lässt er in den nächsten Wochen eifrig rotieren und gibt seinem Nachfolger so schon mal einen groben Überblick, auf wen man sich verlassen kann.

Vielleicht kommt auch Nachwuchshoffnung Toni Kroos zu weiteren Bundesliga-Minuten - und kündet unter Umständen so bereits von Zeiten, in denen Bayern wieder vom Triple träumen darf.

Florian Bogner

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