Freitag, 02.05.2008

Die Lehren aus dem Petersburg-Debakel

Klinsi, bitte kommen!

München - Aufstehen, Kaffee trinken, Zeitung lesen. 9 Uhr schon durch? Jetzt aber schnell den Fernseher an und die Bayern in St. Petersburg geguckt. Ohje. Vielleicht doch noch mal ins Bett.

© Imago

So oder so ähnlich dürfte der Vormittag im Leben von Jürgen Klinsmann am Donnerstag zwischen 9.30 Uhr und 11.30 Uhr kalifornischer Zeit verlaufen sein. Was sich da auf der anderen Seite der Weltkugel im Petrowsky-Stadion zu St. Petersburg abspielte, konnte nicht nach dem Geschmack des neuen Bayern-Trainers gewesen sein. Oder etwa doch?

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Immerhin hat ihm Ottmar Hitzfeld durch das 0:4-Debakel "nur" eine Menge Arbeit statt einem schwer zu überbietenden Triple hinterlassen. Und er hat ihm damit ein bisschen mehr Zeit rausgeholt. Denn statt am 14. Mai - dem Tag des UEFA-Cup-Finals - beginnt die Klinsmann-Zeitrechnung an der Säbener Straße nun schon am 2. Mai, am Tag nach der Schmach am anderen Ende der Welt.

Wo ist die Entwicklung?

Dass die Niederlage von St. Petersburg ein Ausrutscher aufgrund von Müdigkeit war, dürfen sich die Verantwortlichen beim FCB nicht vormachen. Sie war vielmehr die logische Konsequenz der bisher gezeigten Auftritte auf europäischer Bühne, bei denen die Bayern immer wieder eklatante Abwehrschwächen und die Abhängigkeit von ihren zwei Ausnahmekönnern Luca Toni und Franck Ribery offenbart hatten.

Ungefährdete Meisterschaft, Liga-Pokal, DFB-Pokal, UEFA-Cup-Halbfinale. Auch wenn alles nach einem guten Jahr für die Bayern klingen mag, ist es bei genauerer Betrachtung ein verlorenes gewesen. Zum einen, weil die Ziele (Triple!) de facto nicht erreicht wurden. Zwei gewonnene Double hatte man auch schon unter Felix Magath.

Zum anderen aber, weil es Hitzfeld auch zehn Monate nach dem Umbruch mit neun neuen Spielern nicht gelungen ist, eine homogene Mannschaft zu formen. Die Neuzugänge haben eine Anhebung der individuellen Klasse bewirkt. Aber das Spiel der Bayern ist deshalb nicht besser geworden. Man vermisst einen Entwicklungsprozess. Das sieht auch ein Großteil der mySPOX-User so. Hier einige Beispiele.

So reagierten die mySPOX-User auf Bayerns Ausscheiden:

Prody1987: "Diese Mannschaft hat Potenzial aber kein Konzept. So traurig es ist, hat es Hitzfeld nicht geschafft eine Mannschaft zu formen. Ottmar mach's gut, die Zeit war schön. Es wird Zeit für die Ära Klinsmann, Mit ihm wären die Spieler anders auf den Platz gegangen."

Burt_Mancuso: "So lange Spieler wie Schweinsteiger, Lahm, Lell und Podolski die Hoffnungsträger sind, sehe ich schwarz. Jetzt kommt auch noch der WM-"Trainer" und hält noch mal eine Saison an diesen Spielern fest. Ob das gut geht?"

Kristantras: "Wer ernsthaft auch nur jemals eine Sekunde daran dachte, dass der FCB nächste Saison mit diesen im internationalen Vergleich allenfalls mittelmäßigen Transferaktivitäten eine große Rolle spielen könnte, dem ist nicht mehr zu helfen. Auch ein Jürgen Klinsmann wird da nächste Saison keine Wunder bewirken können. Ich bin gespannt ob sein Trainerteam mehr schafft als zu pushen, sondern die Spieler auch insbesondere taktisch weiterbringt."

Sack: "Ottmar Hitzfeld - so sehr ich ihn früher geliebt habe - hat die ganze Saison kein taktisches und spielerisches Konzept gehabt und die individuelle Entwicklung der Spieler (Lahm, Schweini, Poldi, etc.) total vernachlässigt. Statt auf die Entwicklung und Eingliederung der Spieler in ein taktisches und auch zukunftorientiertes Konzept zu achten, wollte er nur souverän, konservativ und sicher die Titel verwalten. Das ist ihm jetzt zum Verhängnis geworden."

Klinsmann muss WM-Helden neu aufbauen

Eines wurde am Donnerstag schon mal klar: Vom klinsmann'schen Systemfußball war es Lichtjahre entfernt, was die Bayern-Elf da auf dem holprigen St. Petersburger Rasen anbot. Vor allem die Nationalspieler waren ein Schatten ihrer selbst und liefen ohne Auftrag übers Feld.

Marcell Jansen und Philipp Lahm ließen sich auf links von einem No-name wie Schulbuben ausspielen, Bastian Schweinsteiger gewann keinen offensiven Zweikampf und Miroslav Klose und Lukas Podolski wirkten im Angriff behäbig bis abwesend.

Kaum zu glauben, dass eben diese fünf bei der WM vor zwei Jahren unter Klinsmann noch Begeisterungsstürme entfachten. Seine Jungs, die WM-Helden von damals, wird Klinsmann erneut neu aufbauen müssen.

Die Erfolge in der Bundesliga und im DFB-Pokal verschleiern, dass auf die Bayern viel Arbeit wartet.

Die Alarmglocken schrillen

Im Verlauf des diesjährigen UEFA-Cups war schlichtweg kein Team so clever, das so schonungslos aufzudecken wie Zenit St. Petersburg. Die Mannschaften in der Champions League, in der der FC Bayern in der nächsten Saison wieder angreifen will, wissen das nur allzu gut.

Und genau da liegt der Hund begraben: Am Donnerstagabend präsentierten sich Uli Hoeneß und Co. zwar enttäuscht, aber durchaus zuversichtlich, was die neue Saison anbelangt. Dass der Kader weitere Auffrischungen braucht, kam niemandem über die Lippen. Dabei sind die Signale eindeutig.

Hoeneß' Aussage, die Mannschaft sei vier Wochen vor Saisonende, nachdem man sich relativ unspektakulär und unversehrt durch die Bundesliga- und Pokal-Saison manövriert hatte, "körperlich und geistig am Ende", müssten eigentlich die Alarmglocken in den höchsten Tönen schrillen lassen.

Die Mängelliste ist lang

Doch außer dem Trainer-Team und Tim Borowski gibt es noch keine Neuzugänge. Und die Mängelliste ist lang.

Sollte Lahm gehen - Barcelona ist interessiert - klafft auf den Außenpositionen ein großes Loch. Zumal Willy Sagnol höchstwahrscheinlich ausgemotzt hat.

Hinter Michael Rensing, der seine Stammelf-Tauglichkeit erst noch beweisen muss, ist noch keine Nummer zwei gefunden. Im Mittelfeld fehlen die Alternativen, vor allem wenn es um die Offensive geht.

Toni Kroos wird eine glorreiche Zukunft vorausgesagt - höchstwahrscheinlich aber noch nicht in der kommenden Saison. Warum sich also nicht um einen Spieler vom Kaliber Deco bemühen? An dem waren die Bayern ja schon vor vier Jahren dran.

So lässt sich die Liste fortsetzen. Und wenn Jürgen Klinsmann in der nächsten Woche zu Gesprächen an der Säberner Straße eintreffen wird, geht es bestimmt auch um die ein oder andere Personalie.

Florian Bogner

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