Rein ins Leben

Von Haruka Gruber
Donnerstag, 03.04.2008 | 11:45 Uhr
Zyryanov, Konstantin, St. Petersburg
© Getty
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München - Vielleicht hatte er eine vage Vorahnung, dass irgendetwas nicht gestimmt hat. Vielleicht auch nicht. Es sei doch sowieso müßig, über das Vergangene zu sprechen.

"Warum soll man die Geschichte noch einmal aufwärmen? Warum soll ich ihren Eltern den ganzen Schmerz wieder in Erinnerung rufen? Warum?", sagte Konstantin Syrjanow (bekannter noch in der Schreibweise Zyryanov) vor einigen Monaten dem "Guardian". "Ich persönlich will nicht mehr in der Vergangenheit feststecken."

Es war 2002, als Syrjanow, Leistungsträger von Leverkusens UEFA-Cup-Gegner Zenit St. Petersburg, am Tiefpunkt angelangt war. Sein Vater und sein Bruder verstarben einige Jahre zuvor, aber nach diesem August-Tag sollte Syrjanows Leben nie mehr so sein, wie es einmal war.

Seine Ehefrau, 23 Jahre jung, sprang aus dem achten Stock des Hochhauses in Moskau, in der die Familie gewohnt hatte, und zog die gemeinsame vierjährige Tochter mit in den Abgrund. Die Tochter erlag noch am Abend im Krankenhaus den Verletzungen, die Mutter, zum Zeitpunkt des Sprungs offenbar stark alkoholisiert, starb einen Monat später.

Als Todesursache wurde in den Unterlagen Selbstmord eingetragen.

"Ein normaler Mensch tut das nicht"

"Sie konnte nicht bei klarem Verstand gewesen sein. Ein normaler Mensch tut so etwas doch nicht", ist das einzige, was Syrjanow dazu sagen will. "Ich habe ein neues Leben."

Ein neues Leben in einer neuen Stadt, bei einem neuen Klub, mit einer neuer Freundin. Natasha heißt sie, kennengelernt haben sie sich 2004 in Syrjanows Heimatstadt Perm.

Dort begann auch seine Profikarriere, bevor er 1999 in die russische Hauptstadt zu Torpedo Moskau wechselte. Nach dem Abstieg Torpedos wurde Anfang 2007 mit Zenit endlich ein Spitzenklub auf ihn, den damals 29-Jährigen, aufmerksam.

Spätstarter und Lieblingsschüler

Dort ist er so etwas wie der der Lieblingsschüler von Trainer Dick Advocaat. Der Star in St. Petersburg mag Stürmer Andrei Arschawin sein, doch zum russischen Fußballer des Jahres wurde Syrjanow gewählt. Auch, weil ihm vergangene Saison als gelernter defensiver Mittelfeldspieler neun Tore gelangen. In der Nationalmannschaft, in der er erst mit 28 debütiert hatte, ist er ebenfalls eine feste Größe. Das EM-Ticket hat er sicher.

"Ich weiß auch nicht, warum ich so viele Komplimente bekomme. Klar habe ich ein paar Tore geschossen, aber das liegt auch daran, dass ich eine andere Position als früher bekleide", sagt der Spätstarter. "Das ist eigentlich der einzige Grund, warum die Leute denken, dass ich besser geworden bin."

Aber könnten die jüngsten Erfolge nicht auch gleichzeitig ein Indiz dafür sein, dass Syrjanow die Tragödie verarbeitet hat? Dass er mit 30 Jahren endlich das nachholt, was ihm lange verwehrt blieb? "Warum soll man die Geschichte noch einmal aufwärmen?", würde Syrjanow wohl auf die Fragen antworten.

Er will eben nicht mehr in der Vergangenheit feststecken.

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