Freitag, 11.04.2008

Der Bayern-Wahnsinn in 6 Akten

Irrer geht's nicht

München - Ein Italiener hopste wie ein wild gewordenes Känguru zur Eckfahne, zehn spanische Fußballer klappten wie vom Blitz getroffen in sich zusammen und an der Seitenlinie stand ein Däne, der seinem Frust einfach freien Lauf ließ.

Kahn, Bommel
© Getty

Was sich direkt nach dem 3:3-Ausgleich des FC Bayern in der 120. Minute des UEFA-Cup-Rückspiels beim FC Getafe abspielte, hatte eigentlich fünf verschiedene Kamerapositionen und sieben Zeitlupen verdient. Die Highlights im Video!

Zumindest eine Kamera fing den Dänen, Getafe-Coach Michael Laudrup ein, wie er aufs Feld lief und in Richtung des eben Geschehenen einfach nur "Puta! Puta! Puta! Puta!" schrie. Übersetzung? Nicht nötig. Wen er damit meinte? Egal. Letztendlich war es nur der tiefe Ausbruch eines frustrierten Mannes.

Vielleicht meinte er ja seine Hintermannschaft, die so dusselig war, in letzter Minute das Weiterkommen zu verspielen. Vielleicht auch den hopsenden Italiener, Luca Toni mit Namen, der ihn mit zwei Toren um seinen Erfolg gebracht hatte. Oder auch Schiedsrichter Busacca, der Oliver Kahns Körpereinsatz weit weg von seinem eigentlichen Arbeitsplatz Sekunden vorher als tolerabel eingestuft hatte, oder vielleicht sogar den bitterbösen Fußballgott, der hier ein Spielchen mit ihm trieb.

"Wir hatten absoluten Bayern-Dusel"

Die Bayern hatten ein Spiel gewonnen, das sie niemals hätten gewinnen dürfen. Das wussten alle im Stadion, sogar der FC Bayern selbst. Uli Hoeneß war es sogar derart peinlich, dass er sofort den konsternierten Laudrup aufsuchte und ihm sein Beileid ausdrückte. "Ich habe im zum einen zur Leistung seiner Mannschaft gratuliert und zum anderen gesagt, dass es mir wahnsinnig leid tut, weil sie das Weiterkommen genau so verdient hätten wie wir", berichtete Hoeneß später.

Auch Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge sprach von eine gehörigen Portion Glück. "Ich bin kein Freund davon, dass man immer vom sogenannten Bayern-Dusel spricht. Aber heute hatten wir das absolut", meinte der Vorstandsvorsitzende.

Das Spiel hatte zu dem Zeitpunkt noch keiner richtig begriffen, wen man so ein Spiel überhaupt begreifen kann. Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld blieb sachlich: "Es war ein intensives Spiel, geprägt von vielen psychologischen Momenten." Momente, die es nur im Fußball gibt. Aber der Reihe nach. Was war da eigentlich passiert?

6. Minute, Rot für Ruben de la Red

LIVE: Klose tankt sich durch, de la Red zieht die Notbremse, Busacca zückt Rot. Tumulte um den Schweizer Referee, gellende Pfiffe von den Rängen. Erst nach zwei Minuten schleicht de la Red geknickt vom Feld.

Der aus Personalnot vom Regisseur zum Ausputzer umfunktionierte Ruben de la Red (r.) sieht Rot
Der aus Personalnot vom Regisseur zum Ausputzer umfunktionierte Ruben de la Red (r.) sieht Rot
© Getty

RELIVE: Schon in der Sekunde, als die Nummer zehn des FC Getafe vom Feld stapfte, ahnte Kahn, dass es eher den Gastgebern als seinem Team nutzen würde: "Mir war klar, dass von Getafe jetzt noch mehr Trotzreaktion, noch mehr Fight kommen würde." Hitzfeld sprach sogar von "Doping für den Gegner".

44., 1:0 durch Cosmin Contra

LIVE: Getafe spielt nach dem Platzverweis wie aufgedrehte Duracell-Häschen, bei den Bayern versandet ein Angriff nach dem anderen. Dann nimmt Contra sein Herz wie im Hinspiel in beide Hände, wieselt zwischen Mark van Bommel und Martin Demichelis hindurch in den Strafraum und hämmert den Ball unter die Latte. Das Stadion explodiert.

RELIVE: Die logische Konsequenz bayerischer Unzulänglichkeiten. Den Rückstand hätten die Bayern anschließend gelassen aufnehmen können. An der Ausgangsposition, dass sie ein Tor schießen mussten, um im Spiel zu bleiben, hatte sich nichts geändert. Und dennoch nahm es ihnen den Wind aus den Segeln. "Wir haben Nerven gezeigt", analysierte Hitzfeld die folgende zweite Halbzeit: "Es war enttäuschend, dass einige Spieler so schwache Nerven hatten und deshalb ihre Leistung nicht abrufen konnten." Auch die spielerischen Mittel blieben arm, bis...

89., 1:1 durch Franck Ribery

LIVE: Der x-te lange Hafer auf Luca Toni bringt den Bayern endlich Glück. Der Italiener legt mit Belenguer im Rücken auf Ribery, der versenkt den Ball aus 13 Metern humorlos volley rechts unten im Tor. Das Stadion ist plötzlich mucksmäuschenstill. In der Ehrenloge wendet sich Spaniens König Juan Carlos I. zu Rummenigge und flüstert ihm ein paar Takte ins Ohr.

RELIVE: Getafe am Boden, Bayern obenauf. In einem normalen Spiel wäre die Verlängerung nach diesem Erlebnis ein Kinderspiel für die Bayern werden können. Aber was ist schon normal. Rummenigge klärte später auf, was ihm der König zusteckte: "Er hat zu mir gesagt: 'It's a great game.' Ich hatte zwar eine andere Meinung, aber dem König darf man nicht widersprechen."

Der späte Ausgleich von Ribery im SPOX-Replay!

91. und 93., 2:1 und 3:1 durch Casquero und Braulio

LIVE: In Unterzahl machen die Gastgeber binnen zwei Minuten weitere zwei Dinger. Erst semmelt Casquero den Ball aus 22 Metern aus dem Stand an den Innenpfosten und rein ins Glück, dann profitiert Braulio von Lucios Ausrutscher und nagelt die Kugel aus vier Metern ins Netz.

RELIVE: "Nach dem 1:3 habe ich selbst keinen Pfifferling mehr auf unsere Mannschaft gesetzt", meinte Rummenigge. Auf die Gegentore angesprochen, sagte Kahn: "So wie wir gespielt haben, haben wir international nichts verloren - das muss man fast so krass sagen. Schon gar nicht in der Champions League."

115., 3:2 durch Luca Toni

LIVE: Hurra, sie leben noch. Getafe-Keeper Pato Abbondanzieri lässt einen harmlosen Freistoß von rechts aus seinen Händen rutschen, Toni steht wie immer goldrichtig und staubt ab. Plötzlich wieder Hoffnung für totgesagte Bayern!

RELIVE: Ohne den Fehler des Argentiniers wären die Münchner raus gewesen. "Wir hatten großes Glück, dass uns so ein Tor geschenkt wurde", meinte Hoeneß spitzbübisch.

120., 3:3 durch Luca Toni

LIVE: Die letzten Sekunden laufen, es gibt noch einmal Freistoß für die Bayern in der eigenen Hälfte. Kahn läuft nach vorne, das Stadion ächzt und raunt. Van Bommel zu Lahm, der schlägt das Ding vor. Kahn springt hoch, berührt seinen Gegenspieler, kein Pfiff. Getafe klärt nicht richtig, Sosa flankt den Ball vors Tor und Toni - wer sonst - drückt den Ball trotz zweier Gegenspieler per Kopfballaufsetzer über die Linie. Der FC Bayern ist nur noch ein jubelnder Haufen, die zehn Spanier schaffen es vor Erschöpfung nicht mal mehr, den Ball aus dem Netz zu holen und an der Seitenlinie setzt Laudrup zu seiner Schimpftirade an. Sekunden später liegen sich Hitzfeld und Kahn in den Armen. Kahn hat Tränen in den Augen. der entscheidende Treffer im SPOX-Replay

RELIVE: "Ich weiß selbst nicht, wie das Tor zustande kam. Aus dem Nichts kam der Ball und ich dachte mir, jetzt muss ich ihn reinnicken und dann war er drinnen. Wie das passiert ist? Keine Ahnung." Luca Toni, der Vollblutstürmer. Als Spieler und Vorstand später vor die Journalisten treten, sind beide Seiten blank. Was ist da passiert? Wie soll man so was einordnen? Alle scheitern. Rummenigge versucht es nüchtern: "Wir hatten einfach nur Glück. Ohne dieses große Glück wären wir nicht im Halbfinale." Hitzfeld berichtet von seinen Worten an Kahn. "Als wir uns in den Armen lagen, habe ich Oliver gesagt: 'Mensch, was wir nicht noch alles zusammen erleben müssen.'" Und Kahn? "Ich war schon überall, Manchester, Madrid, Barcelona. Aber das, das war noch nie da." Sein Schlusswort: "Der liebe Gott wollte es letztendlich nicht, dass wir ausscheiden. Mehr kann man dazu nicht sagen." Wir sagen einfach danke.

Ein Drama auch für viele SPOX-User - hier nochmal die Kommentare der letzten Nacht! 

Für SPOX.com in Getafe: Florian Bogner

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