Vor ihm ist niemand sicher

Klinsmanns langer Schatten

Von Florian Bogner
Mittwoch, 09.04.2008 | 11:49 Uhr
klinsmann, bayern
© Imago
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München - Bis zu Jürgen Klinsmanns Amtsantritt an der Säbener Straße sind es noch 13 Wochen. Und doch ist der Fußballlehrer mit Wohnsitz Kalifornien beim FC Bayern bereits allgegenwärtig.

Sportlich konzentriert sich der Rekordmeister dieser Tage auf das Weiterkommen im UEFA-Cup beim FC Getafe (Do., 20.45 Uhr im SPOX-TICKER und im Internet TV), doch hinter den Kulissen schweben Klinsmanns Revolutionspläne wie ein Damokles-Schwert über dem FCB.

Als Klinsmann im Januar als neuer Bayern-Trainer vorgestellt wurde, versprach er hoch und heilig, sich bis zum Dienstantritt in München am 1. Juli rar zu machen und seine Planungen im Hintergrund voranzutreiben.

Eine ehrenhafte Haltung - nur leider beim FC Bayern nicht durchführbar. Irgendwo sickert immer etwas durch. Und Klinsmann wurde das meistens negativ ausgelegt.

Tanz auf der Rasierklinge

Die jüngsten Beispiele: In der vergangenen Woche beschwerte sich Torwart-Oldie Bernd Dreher, er sei übergangen worden, als man Walter Junghans zum neuen Torwarttrainer machte. Und Oliver Kahn war nor amused über Klinsmann Stippvisite beim Hinspiel gegen Getafe (1:1). "Das war schlechter Stil", moserte der Kapitän.

In der Führungsetage ist man derweil händeringend bemüht, der Causa Klinsmann keine Eigendynamik zu geben. Es wird dementiert und besänftigt, was das Zeug hält. Trotzdem wird man das Gefühl nicht los, dass das Engagement des neuen starken Mannes mit den revolutionären Ansätzen ein Tanz auf der Rasierklinge werden könnte.

Vor Klinsmann ist niemand sicher, das ist die Quintessenz seines Handelns. Keine Struktur ist in Stein gemeißelt, kein Spieler ist unantastbar. Diese Philosophie kennt man bereits aus seiner Zeit beim DFB - nachzufragen bei Oliver Kahn.

Doch welche Strukturen stehen im Fokus? Welche Spieler müssen sich Gedanken machen? Diesbezüglich werden die nächsten Wochen noch einige Fragen aufwerfen. Die wichtigsten fünf sind hier aufgedröselt:

Frage 1: Wer füllt das Machtvakuum nach Kahns Karriereende?

Der Titan geht, aber was kommt dann? Die größten Chancen auf das Kapitänsamt rechnen sich Lucio, Mark van Bommel und Willy Sagnol aus. Doch was plant Klinsmann? Einen klaren Favoriten kann man unter klinsmann'schen Gesichtspunkten nicht ausmachen.

Lucio weiß noch nicht, ob er nächstes Jahr überhaupt noch bei Bayern spielt. "Falls Klinsmann mit mir plant, sollte er schon mal auf mich zukommen. Noch hat er mit mir aber nicht gesprochen", sagte der Brasilianer.

Van Bommel entspricht mit seinem Hang zur Übermotivation nicht gerade dem, was Klinsmann fordert. Und Sagnol muss erst wieder an die alte Leistungsstärke anknüpfen, bevor er an das von ihm geforderte Kapitänsamt denken darf.

Vielleicht wird es ja auch keiner der drei. Außenseiterchancen hat Philipp Lahm, wenn er denn bei den Bayern bleibt. Intelligent, integriert und ohne Starallüren - das ist ganz nach Klinsmanns Geschmack.

Frage 2: Was passiert auf der Torhüterposition?

Michael Rensing hat vom Vorstand das "Go" als Kahn-Nachfolger. Doch was sagt der Trainer? Der wird sich erstmal eine neue Nummer zwei anschaffen und dann die ersten Trainingseindrücke abwarten.

Allzu sicher sollte sich Rensing seiner Sache also nicht sein. Das letzte Wort hat immer der Trainer - und der hat es bisher peinlichst vermieden, zur Torwartfrage Stellung zu nehmen. Laut Manager Uli Hoeneß hält Klinsmann aber große Stücke von Rensing.

Frage 3: Wer sind die Wackelkandidaten?

Natürlich alles reine Spekulation, aber sollte Andreas Görlitz vom KSC zurückkehren, herrscht auf den Außen ein Überangebot. Willy Sagnol hat von seinem Naturell her durchaus Konfliktpotenzial, er könnte Klinsmanns Opfer Nummer eins werden. Wenn ihn der neue Trainer nicht zum Kapitän macht, dürfte der Franzose die Nase erstmal gestrichen voll haben - Ausgang ungewiss.

In der Innenverteidigung wird Winterneuzugang Breno ab Sommer eingeplant - und damit wird die Luft für Daniel Van Buyten dünn. Interessenten aus der Bundesliga gäbe es genug.

Mit Tim Borowski steht erst ein Neuzugang und damit ein Überangebot im zentralen Mittelfeld fest. Auch Toni Kroos darf unter Klinsmann auf mehr Einsatzzeiten hoffen. Andreas Ottl müsste sich in diesem Fall gut überlegen, ob er dann noch Perspektiven hat. Jan Schlaudraff ist ebenfalls ein Wackelkandidat.

Frage 4: Auf welchen Positionen ist Bedarf?

Priorität hat die Suche nach einem zweiten Torwart. Angeblich fahnden die Bayern-Scouts nach einem erfahrenen Mann, der keine Probleme mit der Rolle der Nummer zwei hätte, aber durchaus auch als Nummer eins tragbar wäre, sollte Rensing dem Druck nicht standhalten. 

Zudem ist Philipp Lahms Verbleib an der Isar noch nicht endgültig geklärt. Dort könnte bei seinem Abgang Bedarf entstehen, der sicherlich nicht durch Görlitz' Rückkehr aufgefangen werden würde. Zudem wird Klinsmann sich genau überlegen, ob drei Stürmer für seine Ambitionen ausreichen, oder ob nicht noch ein weiterer Angreifer Sinn machen würde.

Frage 5: Was verändert sich unter Klinsmann noch?

Saisonvorbereitung, Trainingsalltag, Öffentlichkeitsarbeit - alles Dinge, die bislang noch nicht erörtert wurden. Fakt ist, dass Klinsmann den Acht-Stunden-Tag für die Spieler einführen will.

Die Profis sollen enger an den Verein und die Kollegen gebunden werden, zwischen den Einheiten wird gemeinsam gegessen und entspannt. Dafür wird mit Umbauarbeiten an der Säbener Straße Sorge getragen. Was die Bayern-Spieler und -Fans sonst noch erwartet? Vielleicht sollte man sich einfach mal überraschen lassen...

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