Fussball

Am Zenit des Pompösen

Von Richard Rother
© Getty

München - Während einem hierzulande die Gaspreise den Winter ganz schön vermiesen, kann man in St. Petersburg nur herzhaft darüber lachen.

Denn beim UEFA-Cup-Gruppengegner des 1. FC Nürnberg, bei Zenit St. Petersburg, rollt dank des Sponsorings durch Gazprom mächtig der Rubel.

Der russische Energie-Riese verheizt Millionen im "Venedig des Nordens" und so könnte schon bald ein überdimensionaler "Maiskolben" seinen kapitalistischen Schatten über die Eremitage werfen.

Mit einem bescheidenen 300 Meter hohen Monstrum will sich Gazprom ein Denkmal setzen, frei nach dem Motto: Was gut ist für Gazprom, ist auch gut für die Stadt.

Aber so ganz ohne prominente Schützenhilfe ist ein solches Projekt in einer Stadt, in der eine maximale Bauhöhe von 48 Metern festgeschrieben ist, dann doch nicht möglich.

Öltochter sucht Trauzeuge

Ein gewisser Roman Abramowitsch hat die Ölfirma Sibneft vor ein paar Jahren an die staatliche Gazprom verkauft. Daraus entstand die Öltochter Gazpromneft, die mit Wladimir Putin einem Sohn der Stadt schöne Augen machte.

Der russische Präsident befürwortete den Firmensitz in seiner Heimatstadt und seither sprudelt es gewaltig in der Stadtkasse - und nicht nur dort. Denn auch der ansässige Fußballverein Futbolniy Klub Zenit St. Petersburg kann seither aus dem Vollen schöpfen.

Und prompt funkelt seit zwei Wochen auch der Meister-Pokal in der 4,5-Millionen-Metropole. Zum ersten Mal seit 23 Jahren setzte sich St. Petersburg in der Premier Liga durch und verwies nicht weniger als sechs Hauptstadtklubs auf die Plätze.

Russisches Riesen-Raumschiff

Die Begeisterung der Fans kennt seither keine Grenzen - oder besser gesagt kaum Grenzen. Zwar feiern sie frenetisch den Titel, doch die Pläne des gigantischen "Maiskolben" stoßen nicht überall auf Gegenliebe.

Die antike Silhouette der einstigen Zarenstadt droht vom westlichen Kapitalismus aufgefressen zu werden. In ehemals hässlichen Vororten lassen die Neureichen aus lauter Langeweile berühmte Bauten der Weltgeschichte nachgestalten - um später ein paar Wochen im Jahr auch darin zu wohnen. Das Pentagon etwa oder die Semperoper: Die Dekadenz erreicht hier völlig absurde Maßstäbe.

Aber wie man Fußballfans in vollends glückliche und loyale Anhänger verwandelt, hat Gazprom in den oberen Etagen längst entschieden.

Ein - im wahrsten Sinne des Wortes - exorbitantes Fußballstadion mit 62.000 Plätzen wird aus dem Boden gestampft. In Gestalt eines Raumschiffs entsteht dort, wo einst das Kirow-Stadion stand, die neue Sportstätte der Blauweißblauen.

Erfolg zeugt Erfolg, wie Geld Geld zeugt

Zusammen mit diesen Planungen wurden auch die Klubs Schalke 04 und Schachtjor Donezk mit in das Energie-Imperium eingewoben. Vom ukrainischen Tabellenführer wurde gleich Anatoli Timoschtschuk nach St. Petersburg geholt. Mit 15,1 Millionen Euro ist der Nationalspieler der teuerste Transfer in der Geschichte der Premier Liga.

Gazprom will für die Investitionen Erfolge sehen. Nach dem Meistertitel konnte sich das Team von Coach Dick Advocaat in aller Gemütlichkeit auf die Partie gegen Nürnberg vorbereiten und liegt nach dem 2:2 mit fünf Punkten aus drei Spielen auf dem zweiten Platz der Gruppe A.

Die Elf von Hans Meyer hat ihr Auftaktspiel gegen Tabellenführer FC Everton 0:2 verloren. Aber nach dem Remis im eisigen Russland weiterhin alle Chancen aufs Weiterkommen.

Kapitalistisches Imponiergehabe

Gazprom brachte St. Petersburg auf die internationale Fußballbühne. Der staatliche Energie-Gigant versucht gar nicht erst den Spagat zwischen kapitalistischem Imponiergehabe und russischer Geschichte. Der Stadt wird eine pragmatische Philosophie und vielleicht ein neues Stadtbild ungefragt übergestülpt.

So könnte die Meisterschaft nur der Anfang einer neuen Vorherrschaft im russischen Fußball sein. Die Blauweißblauen sind noch lange nicht am Zenit des Größenwahns angekommen.

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