Ganz nah dran am wirklichen Leben

Von Oliver Wittenburg
Mittwoch, 20.07.2011 | 14:52 Uhr
SPOX-Redakteur Oliver Wittenburg mit der Auswertung seines Reiss Profile Tests
© spox
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Der renommierte Mentaltrainer Peter Boltersdorf schwört auf das Reiss Profile, wenn es darum geht, die Persönlichkeit eines Menschen zu erfassen. Um nachvollziehen zu können, wie dieses Prinzip funktioniert und welche Erkenntnisse es ans Licht bringt, gibt es nur die Methode der Selbsterfahrung. SPOX-Redakteur Oliver Wittenburg hat den Test gemacht und sich von Boltersdorf, der als Gesellschafter und Master Chiefinstructor für die Reiss Profile Germany GmbH fungiert, analysieren lassen.

Ich gebe zu, ich war misstrauisch. Nicht dass ich mir angemaßt hätte, das dem Reiss Profile zugrunde liegende Verfahren im Voraus in Frage zu stellen, aber ich hegte doch meine Zweifel daran, dass ich so leicht zu durchschauen sein sollte.

Es klingt ja auch zu einfach.

Zum ausführlichen Interview mit Peter Boltersdorf

Mitte der 1990er Jahre stellte sich der US-amerikanische Psychologieprofessor Steven Reiss die Frage nach seinem Selbst und nach seinem persönlichen Antrieb. Er wollte schlicht wissen: "Warum bin ich, wie ich bin?"

Bei der Suche nach Antworten ging er streng empirisch vor, testete weit über 2000 Menschen unterschiedlichster Provenienz und fand schließlich heraus, dass es 16 Lebensmotive gibt, die jedes Individuum kennzeichnen. Es muss natürlich heißen: Er definierte 16 Motive oder basic desires.

Jedenfalls hatte er eine Methode gefunden, um die Persönlichkeit von Menschen zu erforschen und die Ursachen für Verhalten zu bestimmen.

Ermittelt werden die individuellen Ausprägungen der Lebensmotive durch einen Test, der den Probanden mit 128 Aussagen konfrontiert, also acht pro Lebensmotiv, deren Gültigkeit auf einer Skala von minus drei bis plus drei eingestuft werden soll.

Daraus ergibt sich bei der Auswertung für jedes der 16 Motive ein Mittelwert. Und fertig ist das Reiss Profile und damit die Persönlichkeitsanalyse der Testperson.

Ich mache den Test

Soviel wusste ich, als ich den Online-Testbogen öffnete und mich an die Auseinandersetzung mit den 128 Statements machte.

Der Test selbst war wenig aufregend, die Aussagen, die ich bewerten sollte, überwiegend banal. Man muss sich mit nichts Prekärem oder Schlüpfrigem beschäftigen und hat eigentlich nicht den Eindruck, viel Intimes von sich preiszugeben.

Zu einer Aussage wie "Ich esse immer mit Appetit" kann man ganz relaxt seinen Senf geben. Hin und wieder tat ich mich schwer damit, mit mir selbst im Klaren zu sein, ob ich einer Aussage eher mit +1 oder +2 zustimmen oder welchen Grad der Ablehnung ich wählen sollte. Und zugegeben: Auskünfte über mein Verhältnis zu den Motiven Macht oder Status ließen mich hin und wieder etwas länger grübeln, doch im Großen und Ganzen kam ich flüssig durch und konnte den fertig ausgefüllten Bogen schon bald wieder an den Absender zurückschicken.

Die Frage nach dem Warum?

Tags darauf ging's an die Auswertung. Ich bekam via Mail mein persönliches Reiss Profile (ein 44-Seiten-PDF) inklusive der bunten Grafik (siehe großes Bild).

Und wenig später war ich dann per Telefon mit Mentalcoach Peter Boltersdorf verbunden. Jetzt sollte ich also erfahren, was mich im Leben antreibt und warum ich so bin, wie ich bin.

"Im Grundsatz stellt das Reiss Profile die Frage nach dem Warum", beginnt Boltersdorf. "Das ist der entscheidende Punkt und gleichzeitig der Unterschied zu anderen Testverfahren, die nach dem Wie fragen."

Letztlich endet die Suche nach dem Warum immer beim "reinen Selbstzweck", erläutert er. Die Erkenntnisse über dessen Ausprägungen und deren Zusammenspiel, die liefert der Test und hilft damit, den Menschen dieses Warum klar und bewusst zu machen.

Erstaunlich nah dran

"Ihr Ankreuzverhalten wird an der kulturellen Norm gemessen. Diese Norm ist die Mittellinie. Der Test gibt an, wie sehr Sie mit diesem Mittel übereinstimmen bzw. davon abweichen", fährt Boltersdorf mit der allgemeinen Einführung fort. "Die signifikanten Abweichungen zeigen die Faktoren an, auf denen Leistung beruht."

Gelb heißt im Großen und Ganzen flexibel, anpassungsfähig und vernunftgesteuert, lerne ich, rote oder grüne Balken zeigen Lebensmotive an, bei denen man eine starke Belohnung oder eine starke Frustration erfahren kann.

"Die Belohnung geschieht in uns selbst durch körpereigene Drogen, wie wir aus der Hirnforschung wissen. Das hat scheinbar banale Konsequenzen, dass wir sagen: Das, was ich hier tue, macht mir Spaß, das ist sinnvoll, das erfüllt mich. Diese Dinge können wir mit hoher Intensität tun, eine hohe Leistung erbringen, aber es strengt uns nicht an. Motivation bedeutet also weniger, dass mir etwas Energie liefert, sondern dass mich etwas nicht anstrengt", sagt Boltersdorf.

Weitere Infos zum Reiss Profile

Umgekehrt sind Dinge demotivierend und kraftraubend, die nicht unserer Persönlichkeit entsprechen.

Ich bin immer noch etwas skeptisch, aber auch angespannt. Man entpuppt sich ja nicht gern zur Frühstückszeit als Soziopath. Wirklich nicht. Doch ich finde sehr schnell heraus, dass es nicht in Herrn Boltersdorfs Absicht liegt, mir irgendwelche Persönlichkeitsstörungen zu attestieren.

Vielmehr dauert es nicht lange, dass ich das erste Mal erstaunt bin, weil mir dieser unbekannte Herr bei der Auswertung meiner Ergebnisse Dinge auf den Kopf zusagt, die ich bestens nachvollziehen kann und exakt so schon an mir selbst beobachtet habe. Das sage ich ihm dann auch, worauf er lacht und entgegnet: "Wir sind mit dem was wir da tun, sehr nahe am wirklichen Leben."

Die Sache mit der Anerkennung

Ein sehr, sehr interessanter Punkt ist das Lebensmotiv Anerkennung. Mein Profil weist einen neutrale Ausprägung aus. Ich bin wie bei vielen anderen Punkten im gelben Bereich. Bei Anerkennung bedeutet das, dass ich grundsätzlich ein ganz okayes Selbstbild habe, aber durchaus empfänglich für Feedback von außen bin. Ich freue mich durchaus über Lob, bin aber nicht zwingend davon abhängig. Ich nehme mir Kritik zu Herzen, lasse mich davon aber nicht unbedingt fertig machen.

Menschen, die bei Anerkennung einen sehr hohen Pluswert (grüner Balken) haben, verfügen nur über sehr wenig Selbstsicherheit. Ein positives Selbstbild können sie nur mit Hilfe anderer aufbauen. Erschwerend kommt hinzu: Sie müssen sich ihre Bestätigung von außen immer und immer wieder einholen, weil die Wirkung relativ kurz ist. "Das Ergebnis ist, dass diese Menschen ein starkes Bedürfnis nach Perfektion haben", sagt Boltersdorf. Nur über perfektes Verhalten oder optimale Leistung können sie gewährleisten, dass sie den so dringend benötigten Zuspruch erhalten.

Die Folge ist: "Jede Kritik oder bereits ausbleibendes Lob haben eine starke emotionale Wirkung."

Menschen mit einem starken Ausschlag in den roten Bereich hingegen strahlen große Selbstsicherheit aus. Sie laufen dabei aber Gefahr, sich selbst zu überschätzen. "Diese Menschen hinterfragen sich selbst nicht", sagt Boltersdorf, "und sie brauchen glasklare Kritik. Sie brauchen Beweise."

Er bringt ein Anwendungsbeispiel aus dem Fußball: "Anerkennung niedrig setze ich vors Video mit der gesamten Mannschaften und alle zeigen ihm, was er falsch gemacht hat. Anerkennung hoch gebe ich das Video und er guckt sich das ganz alleine an und sagt mir anschließend, was er besser machen wird."

Gut zu wissen für einen Trainer, denke ich mir. Macht er das genau andersherum, dann passiert... was? Boltersdorf: "Das wäre eine Katastrophe für den einen und für den anderen hätte es keinerlei Bedeutung."

Bereit für die Bundesliga

Herr Boltersdorf hat noch den einen oder anderen lebenspraktischen Hinweis für mich, auch wenn das nicht der primäre Zweck des Tests gewesen war.

Der dicke rote Balken beim Motiv Status etwa bedeutet, dass ich ein großes Bedürfnis nach gesellschaftlicher Gleichberechtigung empfinde. Das wiederum ist nichts Schlimmes, doch kann es im Umgang mit Menschen, die ein hohes Statusempfinden kennzeichnet, zu Problemen führen.

Er warnt mich vor Voreingenommenheit und der Gefahr, in Fettnäpfchen zu treten. Vor meinem geistigen Auge erscheint sofort der eine oder andere Napf, in dem ich schon per A****bombe gelandet bin. Und wieder bin ich verblüfft, was ich im Test offenbar preisgegeben habe.

Am Ende will ich dann wissen, wie es mit meiner Eignung für den Profi-Fußball aussähe. Gar nicht mal so schlecht, meint Boltersdorf. Er als Trainer würde mich zwar nicht an den Elfmeterpunkt lassen, ich könnte aber durchaus eine tragende Rolle in einer Mannschaft ausfüllen.

Dafür hat sich der Test doch schon gelohnt, denke ich. Jetzt warte ich nur noch auf das passende Angebot aus der Bundesliga. Meine Bewerbung: Alter: 39. Gute linke Klebe. Physis: ausbaufähig. Besondere Stärken: Alles im gelben Bereich.

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