Sechsertypen - Von Pirlo bis Makelele

Klavierträger und hässliche Entlein

Von Stefan Moser
Donnerstag, 22.07.2010 | 13:35 Uhr
Im vierten Teil der Themenwoche beschäftigen wir uns mit den verschiedenen Sechser-Typen
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Das hässliche Entlein - Jan Wouters

Jan Wouters pflügte mal wieder zünftig durch die Szene. Diesmal allerdings nicht mit den Stollen voraus - seine Grätsche war rein verbaler Natur: "Herr Ribbeck, Sie sind der einzige beim FC Bayern, der vom Fußball keine Ahnung hat." Damit sprach der Niederländer aus, was zwar alle dachten. Doch nur Wouters hatte die Stirn, es seinem Chef auch ins Gesicht zu sagen. Auch rhetorisch erledigte der Europameister von 1988 also die Drecksarbeit für seine Kollegen. Und tatsächlich fiel Ribbeck über das ausgestreckte Bein, wenig später musste er gehen.

Eine typische Anekdote, denn Wouters übernahm gerne die Initiative - immer und überall. Dabei war er in der Wahl seiner Mittel nicht wählerisch, hatte aber stets das große Ganze im Blick. Vor allem natürlich auf dem Platz. Zur Hälfte ein ruppiger Vorstopper, zur anderen ein umsichtiger Ballverteiler; von außen ein Fleischhauer, von innen ein Staatsmann und Philosoph:  Wouters war der Chef im Mittelfeld. Ein Chef freilich, der sich am liebsten um alles persönlich kümmerte. Er räumte den gegnerischen Spielmacher aus dem Weg, klaute vor der Abwehr die Bälle, inszenierte eigene Angriffe mit strategischen Kurzpässen oder präzisen Flanken und suchte immer wieder auch selbst den Abschluss aus der zweiten Reihe.

Neben seinen krummen Beinen, die den in Wahrheit erstaunlich guten Techniker manchmal etwas grob aussehen ließen, war sein wichtigstes Arbeitsgerät die Pferdelunge. Mit seiner Vielseitigkeit hob er das Spiel des Sechsers nicht zuletzt läuferisch auf ein neues Niveau und setzte Maßstäbe für die gesamte Zunft. So leitet Huub Stevens seine Definition des perfekten defensiven Mittelfeldspielers noch immer von Jan Wouters her: "Ein Spieler mit fußballerischen Fähigkeiten und einem guten Auge, der sich aber auch jederzeit den Arsch für seine Mannschaft aufreißt."

Weitere Vertreter: Jens Jeremies, Carlos Dunga, Emmanuel Petit

 

Box-to-Box-Player - Paul Scholes

Als Michael Ballack 2006 einer der bestbezahlten Fußballer der Welt wurde, rümpften gerade in Deutschland viele Kommentatoren etwas überrascht die Nase. Doch abgesehen von der Binsenweisheit vom Propheten im eigenen Land erklärt sich ein Jahresgehalt von rund zwölf Millionen Euro auch aus der Tatsache, dass England damals verrückt war nach Spielertypen wie Ballack: durchtrainierte Laufwunder, zweikampfstark, hinten humorlos und vorne torgefährlich.

Spieler, die sowohl im eigenen als auch im gegnerischen Strafraum ihre Stärken hatten - und zudem ausreichend Einstellung und Kondition mitbrachten, um auch abwechselnd an beiden Enden des Platzes ihrer Arbeit nachzugehen, waren auf der Insel schwer en vogue. Extra für Figuren wie Ballack erfanden die Briten den Ausdruck "Box-to-Box-Player", mittlerweile etwas hölzern ins Deutsche übersetzt als: Strafraumpendler.

Die Neuentdeckung dieser Rolle im modernen Fußball gebührt wie so oft im englischen Fußball der Jahrtausendwende Manchester United und Sir Alex Ferguson. Er traute sich, den eigentlich sehr offensiven Paul Scholes anstelle des defensiv denkenden Nicky Butt an die Seite von Roy Keane zu stellen.

Während Keane, obschon selbst ganz ordentlich mit fußballerischem Talent gesegnet, vor der Abwehr noch eher klassisch den gemeingefährlichen Abräumer mimte, verband Scholes sein taktisches Geschick mit seinen Offensivqualitäten und suchte auf Geheiß von Sir Alex den Weg in die Spitze.

Immer wieder nutzte er die so entstandene Überzahl und erzielte in bislang 441 Liga-Spielen satte 101 Tore - ohne freilich dabei seine Aufgaben in der Defensive und im Spielaufbau zu vernachlässigen. Und trotzdem stand er bei United immer im Schatten von David Beckham oder Ryan Giggs - Bescheidenheit, Teamgeist und Opferbereitschaft gehören eben auch zum Repertoire eines Weltklasse-Sechsers.

Weitere Vertreter: Michael Ballack, der frühe Steven Gerrard, Sami Khedira

 

Aggressiv Leader - Roy Keane

Als sich das defensive Mittelfeld in den 90ern immer mehr als Königsposition des modernen Fußballs etablierte, kristallisierten sich dort zusehends auch Spielertypen heraus, die nicht nur gut am Ball, hart im Zweikampf und strategisch im Denken waren, sondern ihre Mannschaften auch mit Charisma und Autorität anführten - und wenn nötig auch mit roher Gewalt.

Zum Standardrepertoire deutscher Fußballkommentatoren gehört noch immer die lobende Floskel: "Einer, der mal dazwischen haut!"  Ottmar Hitzfeld prägte als Bayern-Trainer dafür eigens den Begriff des "Aggressiv Leader", um Spieler wie Mark van Bommel zu erklären; den Prototypen des charismatischen Gewaltherrschers lieferte indes Roy Keane in den 90ern bei Manchester United.

Die Bundesliga scheint seither regelrecht besessen vom van-Bommel-Prinzip. Vor allem in München erschrecken Eltern ihre Kinder immer noch mit jener Anekdote, die Mehmet Scholl einst über seinen Kollegen Jens Jeremies in Umlauf brachte: "Einmal haben wir in der Champions League beim FC Arsenal gespielt, die haben da richtig Dampf gemacht. Und plötzlich rauscht Jens Jeremies dem Patrick Vieira im Mittelfeld in die Beine, aber wie! Die beiden stehen wieder auf, da geht Jerry zu ihm hin und zeigt mit seinem Arm auf die Mittellinie. 'Siehst du die Mittellinie? Kommst du drüber, macht es aua! Hier drüben aua, da drüben gut!'"

Weitere Vertreter: Mark van Bommel, Gennaro Gattuso, Edgar Davids

 

Hier geht's zum ersten Teil: Klavierträger und Spielmacher

Hier geht's zum zweiten Teil: Dominator und Metronom

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