SPOX-Kommentar-Panel zur Sechser-Position

"Mehr mit dem Kopf als mit den Füßen"

Von Aufgezeichnet von: Jochen Tittmar
Samstag, 24.07.2010 | 10:58 Uhr
Bastian Schweinsteiger (r.) hat die Gabe, mit den Füßen und mit dem Kopf gut kicken zu können
© Getty
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Ob Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira oder die Spanier Xabi Alonso und Sergio Busquets - bei der WM in Südafrika spielten die defensiven Mittelfeldspieler entscheidende Rollen. Längst ist der Sechser kein reiner Zerstörer mehr. Die Metamorphose zum Denker, Lenker und Spielgestalter ist vollzogen. SPOX widmet sich in seiner fünften Themenwoche ausschließlich der neuen Königsposition des Fußballs. Im letzten Teil der Serie sprechen aktuelle und ehemalige Spieler über die Aufgabengebiete des Sechsers und wie sie sich mit der Zeit verändert haben.

von Karlheinz Förster (272 Bundesligaspiele für Stuttgart):

Die Position vor der Abwehr ist schon immer wichtig gewesen. Sie ist das Bindeglied zwischen Defensive und Offensive. Sie verleiht Stabilität, kümmert sich aber auch um die Spieleröffnung. Mit einer Doppelsechs sind die Räume für den Gegner viel enger, man kann mit zwei Viererketten kompakt verteidigen. Der Nachteil beim 4-4-2 ist allerdings, dass dann der Weg zwischen den zwei Sechsern und den beiden Stürmern extrem lang wird. Deswegen opfern viele einen Stürmer, dann wird daraus ein 4-3-2-1. Özil ist dafür der perfekte Spieler.

Schon in meiner aktiven Zeit war es wichtig, dass vor der Abwehr jemand spielte, der auf der einen Seite den Staubsauger machte, auf der anderen Seite das Spiel ankurbelte. In den 80er Jahren musste ein Sechser in erster Linie zweikampfstark sein und Kondition für zwei haben. Bei Ballgewinn sollte der Ball so schnell wie möglich vorne abgeliefert werden.

In der heutigen Doppelsechs müssen zwei verschiedene Spielertypen agieren. Das heißt, dass in einer Doppelsechs einer mehr offensiv und einer mehr defensiv veranlagt sein sollte. Nehmen wir das Beispiel DFB-Elf: Da waren mir Schweinsteiger und Khedira fast schon zu ähnlich. Gegen Spanien hätte man vielleicht einen defensiveren Sechser gut gebrauchen können. Einer, der den Spaniern ein bisschen mehr auf den Füßen gestanden hätte.

Bei den Spaniern hat beispielsweise Sergio Busquets im Vergleich zu Xabi Alonso den defensiveren Part übernommen. Was bei ihnen auffällig war: Der Mut, den Ball nach vorne zu spielen. Statt einen Querpass zu spielen, wurden Xavi oder Iniesta gesucht - auch wenn ein Mann direkt hinten dran stand. Das hat natürlich auch mit der individuellen Klasse dieser Spieler zu tun.

Bei uns früher hat fast jeder Gegner mit einem Spielmacher gespielt. Den galt es dann zu verteidigen, das war die Hauptaufgabe des Sechsers. So paradox es klingen mag: Heute wird auf dieser Position mehr Wert auf die Offensive gelegt.

Früher hat sich ein guter Libero im Gegensatz zu den heutigen Innenverteidigern permanent ins Angriffsspiel mit eingeschaltet und das Spiel mit gestaltet. Es ist damals kaum vorgekommen, dass bei Ballbesitz vier Mann hinten geblieben sind. Meistens waren es nur zwei: Der Vorstopper und einer der Verteidiger. Ich denke, dass die Abwehrarbeit früher viel schwieriger war, weil die defensive Grundordnung nicht so perfekt war.

von Guido Buchwald (334 Bundesligaspiele für VfB und KSC, Weltmeister 1990):

Ein Sechser hat eine unheimlich hohe Führungsposition, da er zu großen Teilen für die Ordnung und den Rhythmus im Spiel verantwortlich ist. Daher teilt man diese Position auch immer öfter auf zwei Spieler auf.

Zu meinen Zeiten war diese Position aber auch schon eminent wichtig. Man hat sie nur nicht als ganz so dominant betrachtet. Wenn ich an die WM 1994 denke, da war Carlos Dunga auf der Sechs der Garant dafür, dass Brasilien Weltmeister wurde.

Früher waren die defensiven Anforderungen an den Sechser größer, da er in erster Linie dafür da war, der Offensive den Rücken frei zu halten. Unsere Spielmacher haben damals ja kaum nach hinten gearbeitet. Der heutige Sechser macht deutlich mehr für den Spielaufbau und darf auch gerne mit Offensivdrang ausgestattet sein.

Die Wichtigkeit der Doppelsechs liegt darin begründet, dass es mittlerweile nicht mehr den typischen offensiven Zehner wie früher gibt. Die Aufgabengebiete auf den Mittelfeldpositionen sind in der heutigen Zeit generell fließender als früher. Daher würde ich den offensiven Spieler in einer Doppelsechs fast schon als einen verkappten Zehner betrachten.

von Gerald Vanenburg (Europameister 1988 mit der Niederlande):

Es ist heutzutage sehr wichtig, Spieler zu haben, die die Offensive und Defensive zusammenhalten und dort für eine richtige Balance sorgen. Man braucht aber auch bei den Spielertypen, die dort spielen, eine gute Mischung. Sie sind auf der Doppelsechs dafür verantwortlich, das Spielgeschehen zu kontrollieren. Dazu müssen beide zusammen harmonieren und immer aufeinander abgestimmt sein.

Wenn Teams mit nur einer Sechs spielen, dann ist oft zu beobachten, dass dieser Spieler defensiv deutlich stärker ist und weniger Offensivdrang ausstrahlt. Daher ist meiner Meinung nach die Doppelsechs deutlich effektiver und so geht auch die Tendenz immer mehr Richtung zwei Spieler in diesem Bereich.

von Stefan Beinlich (246 Spiele für Rostock, Leverkusen, Hertha und Hamburg):

Die Sechserposition ist mit die wichtigste Position, einfach weil sie das Bindeglied zwischen Defensive und Offensive darstellt und für die Ordnung zwischen diesen beiden Bereichen zuständig ist. Zu meiner Zeit gab es einen einzelnen Sechser nur ganz selten. Wir haben größtenteils im 3-5-2 gespielt. Da hatten wir auch zwei Spieler vor der Abwehr, doch auch damals musste einer defensiv die Position halten, während der andere sich offensiv einschalten konnte. Wenn der Spielmacher gar nichts nach hinten gemacht hat, war es deren Aufgabe, ihm lediglich den Rücken freizuhalten.

Wir haben in Leverkusen mit zwei Manndeckern und Jens Nowotny als Libero gespielt, für den jedoch immer die Möglichkeit bestand, vor der Abwehr zu spielen. Im heutigen 4-4-2 kann man mit einem Spieler vor der Abwehr und einem hinter den Spitzen spielen. Dazu braucht man aber hinter den Spitzen einen Spielertypen, der auch Spielmacherqualitäten mitbringt. Das gibt es heutzutage aber nur noch selten. Viele Vereine spielen ohne den klassischen Zehner.

Man spielt daher mit einer Doppelsechs, um eine gewisse Konstanz in der Defensive zu erreichen und das Zentrum vor der Viererkette eng zu machen. Wenn es mal gefährlich wird, dann meistens in diesem Bereich. Dennoch muss einer der beiden Spieler auch offensiv denken und sich nach vorne einschalten, da man sonst vorne in Unterzahl spielen würde.

Der andere sollte, wenn die eigene Mannschaft in der Offensive ist, bereits defensiv denken, vorausschauend beurteilen, was passieren könnte und Kontersituationen verhindern. Man braucht dort quasi einen Spieler, der mehr mit dem Kopf als mit den Füßen macht. Dort hatte man schon immer hohe geistige und taktische Anforderungen an den Spieler gestellt, da er maßgeblichen Anteil daran hatte, wie eine Mannschaft funktioniert. Daher spielen auch oft erfahrene Spieler auf dieser Position.

von Frank Baumann (290 Bundesligaspiele für Nürnberg und Bremen):

Es hat sich nun über mehrere Jahre gezeigt, dass der klassische Zehner immer mehr verschwindet und der Spielmacher heutzutage defensiver aufgestellt ist, als das früher noch der Fall war. Das liegt daran, dass sich auch der Fußball verändert hat.

Heute ist alles schneller und man hat weniger Zeit und Platz, wenn man am Ball ist. Daher ist die Grundausrichtung eher einen Tick nach hinten in die Defensive gerutscht, da auch die Spielmacher durch diese Entwicklung weniger zur Entfaltung kamen.

Das bedeutet im Vergleich zu früher, dass man auf der Sechs weniger Defensivzweikämpfe führt, da man durch die Auflösung des klassischen Spielmachers auch keinen direkten Gegenspieler mehr hat. Man muss sich mehr im Raum bewegen und kann bei einer entsprechenden Antizipation viele Bälle ablaufen.

In meinen Augen ist man mit einer Doppelsechs auch unberechenbarer, da man nie weiß, welcher Spieler sich in welchen Situationen nach vorne einschaltet und welcher defensiv bleibt. Die Doppelsechs entstand in meinen Augen dadurch, dass man die defensive Stabilität über alles andere gestellt hat und es als wichtig betrachtet hat, das defensive Zentrum extrem kompakt zu halten.

Ein entscheidender Faktor dafür, ob man mit einem oder zwei Sechsern spielt, ist auch, wie man sich davor aufstellt. Es ist zu beobachten, dass man immer mehr zu einem 4-2-3-1 tendiert, um defensive Kompaktheit zu erreichen und alle Räume besser zu besetzen.

Meiner Meinung nach geht dies aber auch auf Kosten der Offensive. Wenn das Mittelfeld schnell überbrückt wird, agiert man ganz vorne oft in Unterzahl und ist weniger präsent vor dem Tor.

von Peter Niemeyer (32 Bundesligaspiele für Bremen, 106 Einsätze für Twente):

Der größte Unterschied auf dieser Position im Vergleich zu früher ist, dass man nicht nur defensiv abräumen muss, sondern auch eine wichtige Rolle bei eigenem Ballbesitz spielt. Bei den Torhütern sagt man ja auch immer, dass sie mitspielen müssen. Das galt über die Jahre auch immer mehr für den Sechser.

Mit einer Doppelsechs ist man flexibler - solange sich die beiden Spieler auch ideal ergänzen und ein gewisses Wechselspiel stattfindet. Das hört sich einfach und machbar an, allerdings ist ein sehr gutes Verständnis für das Spiel und den Mitspieler nötig. Klappt dies, ist man deutlich weniger ausrechenbar.

Für uns in Bremen ist es auf dieser Position wichtig, die richtige Balance zwischen Abwehr und Angriff zu gewährleisten. Das bedeutet, dass wir im Defensivbereich unbedingt richtig stehen müssen, aber auch nicht zu tief, damit der Weg nach vorne nicht zu groß und unüberbrückbar wird.

von Eugen Polanski (65 Bundesligaspiele für Gladbach und Mainz):

Ich weiß nicht, ob man die Sechser-Position als Königsposition bezeichnen sollte. Jeder Spieler hat sein Aufgabengebiet und wenn er seine Pflichten nicht erledigt, bekommt die gesamte Mannschaft Probleme. Da ist es prinzipiell egal, ob es der Linksverteidiger oder der Sechser ist.

Es ist aber klar, dass die Mitte immer am wichtigsten ist. Über außen kann generell weniger passieren als durch die Mitte. Daher geht die Tendenz immer mehr zur Doppelsechs, da man dadurch die Räume im Zentrum sehr eng machen kann.

Mit zwei funktionierenden Spielern auf der Sechs verleiht man einer Mannschaft auch ein höheres Sicherheitsgefühl in der Defensive. Dazu muss es aber zu einem harmonischen Wechselspiel zwischen diesen beiden Spielern kommen.

Jeder muss intuitiv wissen, was er zu tun hat, wenn sich der andere in gewissen Spielsituationen befindet. Hoch stehen, tief stehen, klug verschieben - all das muss abgestimmt werden, sonst bringt auch die Doppelsechs keine Stabilität für das Zentrum.

Zu den heutigen Anforderungen an diese Position gehört auch das Verteidigen "nach vorne": Nicht abwarten, sondern zupacken und den Gegner vom eigenen Tor fernhalten. Dazu bedarf es enormer Laufarbeit.

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