SPOX-Themenwoche, Teil 1

Die Königsposition des Fußballs

Von Alexander Marx
Montag, 19.07.2010 | 11:02 Uhr
Neuralgische Zone defensive Mittelfeld: Bei Bayern besetzt durch Schweinsteiger und van Bommel
© Imago
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Ob Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira oder die Spanier Xabi Alonso und Sergio Busquets - bei der WM in Südafrika spielten die defensiven Mittelfeldspieler entscheidende Rollen. Längst ist der Sechser kein reiner Zerstörer mehr. Die Metamorphose zum Denker, Lenker und Spielgestalter ist vollzogen. SPOX widmet sich in seiner fünften Themenwoche ausschließlich der neuen Königsposition des Fußballs. Im ersten Teil diskutieren wir mit Experten das Anforderungsprofil an den Sechser von heute.

"Wie im Schach stehen sich im Fußball zwei Mannschaften in einem abgegrenzten Feld gegenüber. Das jeweilige Ziel liegt auf beiden Stirnseiten in der Mitte, daraus leiten sich gleiche Taktiken ab. Im Schach ist es das wichtigste Merkmal, das Zentrum in den Griff zu bekommen und zu kontrollieren. Beim Fußball muss mir das ebenfalls gelingen."

Das strategischste aller Brettspiele dient Schalke-Trainer Felix Magath als perfekte Orientierung zur Umsetzung seiner fußballerischen Philosophie. Gehört das Zentrum des Spielfelds zum eigenen Hoheitsgebiet, sind die Erfolgschancen am größten.

Raum vor der Abwehr gehört dem Sechser

"Ist das Zentrum unter Kontrolle, habe ich die Kraft, das Spiel zu entwickeln. So begreift man, dass die Position vor der Abwehr extrem wichtig ist. Wenn dieser Raum dem Gegner zur Verfügung steht, hat er eine unheimliche Kraft, und die Abwehr kann im Grunde wenig machen. Umgedreht müssen die Verteidiger nicht so stark sein, wenn der Raum vor ihnen kontrolliert wird."

Der Raum vor der Abwehr gehört dem Sechser. Im Schach ist der König die wichtigste Figur. In Anlehnung an Chess-Verehrer Magath und anhand seiner Interpretationen über die Bedeutung des Sechsers, darf man im Fußball von der neuen Königsposition sprechen.

Vorstopper = Sechser?

Über Ursprung und Begriffsklärung des Sechsers gibt es unterschiedliche Ansätze und Meinungen. Im Ursystem 2-3-5 begann der Spieler mit der Nummer sechs als linker Läufer. Weil sich der Mittelläufer, später der Libero, und der rechte Läufer mit der Nummer vier in die Abwehr zurückzogen, rückte der Sechser nach innen, zentral vor die Abwehr: der sogenannte Vorstopper.

"Ich war kein Sechser, ich war Vorstopper", stellt Katsche Schwarzenbeck, Weltmeister von 1974, klar. Für Uwe Rapolder, Bundesligatrainer von Arminia Bielefeld und dem 1. FC Köln, verkörperte Schwarzenbeck indes den Prototypen des ursprünglichen Sechsers.

"Der Sechser war der Arbeiter in einem spezialisierten System. Er sollte den gegnerischen Spielmacher ausschalten und dem eigenen Spielgestalter den Rücken frei halten. Für das eigene Angriffspiel war er nicht zu gebrauchen", sagt Rapolder im Gespräch mit SPOX.

Zweikämpfe gewinnen, Bälle ablaufen. Kettenhund und Wasserträger in Personalunion, mit unbändigem Willen und Kraft ausgestattet, fußballerisch aber extrem limitiert - der Sechser bekam seinen Stempel. Er wurde respektiert, aber keineswegs geliebt oder gar verehrt.

Revolution durch Redondo und Guardiola

Mitte der 90er Jahre führten vor allem zwei Spieler die typischen Attribute des Sechsers ad absurdum. Der Spanier Pep Guardiola und der Argentinier Fernando Redondo stehen für den Wandel der Position.

"Redondo war laufstark, sehr ballsicher, sehr variabel in seinen Mitteln und er besaß vor allem eine Spielvision, die einzigartig war. Er hat das ganze Spielfeld vor sich gehabt und jeden Winkel des Platzes gesehen", schwärmt Leverkusens Trainer Jupp Heynckes. Redondo war sein Schlüsselspieler beim Gewinn der Champions League 1998 mit Real Madrid.

"Er hat seine Rolle mit seinem klugen Passspiel und seinen technischen Fähigkeiten so elegant und effektiv interpretiert, dass ich um ihn herum eine Mannschaft aufbauen konnte. Redondo war der Boss", so Heynckes.

In Deutschland beeinflusste Ottmar Hitzfeld die Metarmorphose des Sechsers. "Hitzfeld hat mit Matthias Sammer den Libero vor die Verteidiger Kohler und Cesar gestellt. Im Endeffekt war das der Ursprung des modernen Sechser in Deutschland", sagt Rapolder.

Auch Didier Deschamps gehörte zur Gattung des "neuen" Sechsers. "Als ich 1994 zu Juventus Turin kam, war ich nur ein Zerstörer. Als ich den Klub 1999 verließ, war ich versierter Schneider, der nähte und webte", sagte der Franzose einmal über sein verändertes Spiel.

Generalisierung statt Spezialisierung

Die zerstörerische Kraft des Sechsers ist mittlerweile nur noch ein Teil des Puzzles. "Das Spiel hat sich durch die Änderung von der Mann- zur Raumdeckung sehr verändert", schildert Rapolder. "Heute muss jeder Spieler offensiv und defensiv denken."

Die Spezialisierung der Spieler ist der Generalisierung gewichen. Alle verteidigen, alle greifen an. "Früher waren die Aufgaben auf die einzelnen Spieler verteilt. Ein Zehner kann aber heute nicht mehr vorne rumstehen und auf die Bälle warten. Die ganze Mannschaft muss ballorientiert verschieben, um die Kompaktheit zu halten", so Rapolder.

Dem Sechser kommt dabei entscheidende Bedeutung zu. Verteidigt die eigene Mannschaft, kann er mit zwei Verteidigern der Viererkette ein Dreieck bilden, so dass eine Überzahlsituation entsteht und der ballführende Gegenspieler von mehreren Spielern bedrängt wird, ohne dass große Lücken entstehen.

Frank Wormuth, Leiter der Fußballlehrerausbildung beim DFB, stellt fest: "Im heutigen Abwehrverhalten ist nicht mehr der Gegner das Ziel, sondern immer der Ball. Solange der Ballführer unter Druck ist, kann in der Regel nicht viel passieren."

Ball erobern, Ball verteilen

Dieses Verschieben ohne Ball erfordert vom Sechser ein hohes Maß an Laufbereitschaft, Gefühl für den Raum und taktische Disziplin. Die Spanier haben dieses Verschieben während der WM perfektioniert. "Egal ob Xabi Alonso oder Sergio Busquets: der ballführende Gegenspieler wurde vom eigenen Tor weggedrückt, ohne dabei Foul zu spielen", schwärmt Rapolder.

Zweikampfstärke bzw. -härte bleibt aber ein wichtiges Kriterium. Rapolder: "Der Sechser muss das Spiel gegen den Ball beherrschen. Vor allem, wenn man nur mit einem Sechser spielt. Er ist dann nicht so ins Offensivspiel eingebunden wie im System mit Doppelsechs. Seine primäre Aufgabe ist es, den Ball zu erobern und ihn abzuliefern."

Im von vielen Vereinen und Nationalmannschaften bevorzugten System mit zwei Sechsern kommt zudem dem Spielaufbau nach Ballgewinn eine enorme Bedeutung zu. Die Schaltzentrale liegt im defensiven Mittelfeld. Der Sechser eröffnet das Spiel selbst, um der aufgerückten Defensive des Gegners weniger Zeit zu geben, hinter den Ball zu kommen und die Anspielstationen zuzustellen.

Laut Wormuth hat eine Mannschaft im internationalen Fußball nach dem Ballgewinn nur noch vier bis sechs Sekunden Zeit, um in die "rote Zone" (Wormuth) zu kommen. Dem Ort vor dem Strafraum, aus dem der finale Pass zum Tor führen kann. "Daher geben die Trainer die Anweisung, nach Balleroberung zuerst den Blick nach vorne zu richten und zu versuchen, den vertikalen Pass zu spielen", sagt Wormuth.

"Der Sechser muss Fußball spielen können"

Voraussetzung hierfür ist gedankenschnelles Handeln, mentale Zuverlässigkeit, Ball- und Passsicherheit und ein geschultes Auge. "So banal es klingen mag: Der Sechser muss Fußball spielen können. Er muss ein Gespür für die jeweilige Spielsituation nach dem Ballgewinn entwickeln", sagt Rapolder.

Die Anforderung, permanent mit der aktuellen Spielsituation verbunden zu sein, macht den Sechser so wertvoll. "Der Sechser ist überall eingebunden. Wenn man ihn auswechselt, ist das wie eine Herz-OP ohne Narkose für das Team", sagt Ex-Spieler Edgar Davids.

Bastian Schweinsteiger gefällt sich in der anspruchsvollen Rolle. "Es ist eine Position, die immer im Geschehen ist. Man ist als Sechser nicht abhängig von den Pässen der Mitspieler wie auf der Außenbahn. Man ist immer in Ballnähe, kann stets eingreifen, das Aufbauspiel gestalten und den Takt mitbestimmen", sagte Schweinsteiger der "Welt".

Ballbesitz als Defensivverhalten

Beweglichkeit und Spielintelligenz sind in diesem Zusammenhang wesentliche Merkmale des Sechsers geworden. "Die meisten Trainer verzichten auf die absoluten Athleten. Koordination ist wichtiger als pure Kraft. Die Spanier haben hier Vorbildfunktion. Alles komplette, geradlinige Fußballer, die über die Spielintelligenz kommen und sehr ausdauernd sind. Das sind keine Zauberer, aber sie sind enorm ballsicher und haben perfekte Bewegungsabläufe", sagt Rapolder.

Die brillante Ballzirkulation ist Spaniens Defensivverhalten. Xavi, Alonso und Busquets sichern den ballführenden Spieler stets ab. Der Raum wird auch bei Ballbesitz so eng gemacht, dass der Gegner praktisch keinen Platz hat, in Ballnähe zu kommen und gezwungen wird, ständig hinterherzulaufen.

"Das ist zermürbend. Das kann dich richtig fertig machen", sagt Rapolder, der für Deutschlands Ausscheiden im WM-Halbfinale fehlende Zweikampfhärte im defensiven Mittelfeld verantwortlich macht.

"Schweinsteiger und Khedira sind zwei Sechser, die im Zweikampf nicht zugreifen. Sie sind sehr spielstark und konnten das gegen England und Argentinien kompensieren. Aber gegen Spanien hat die Härte gefehlt. Deswegen halte ich das Duo Schweinsteiger/van Bommel bei Bayern auch für effizienter als das Duo Schweinsteiger/Khedira."

Automatische Leaderrolle

Durch das permanente Eingreifen ins Spielgeschehen kommt dem Sechser zudem automatisch eine Führungsrolle zu.

Rapolder: "Durch die hohe Anzahl an Ballkontakten hat der Sechser eine hohe Verantwortung. Mitläufer kann man sich auf dieser Position nicht mehr leisten. Der Sechser kann sich nicht gegen die Leaderrolle wehren. Das hat zur Folge, dass Spieler schon in sehr jungen Jahren Verantwortung übernehmen. Wie die Bender-Zwillinge, als sie noch bei 1860 gespielt haben."

Spielintelligenz, schnelles Handeln, Zweikampfstärke, Beweglichkeit, hohe Laufbereitschaft und Verantwortung - die Anforderungen an den Sechser sind enorm gestiegen. Der König spielt im Fußball mittlerweile im defensiven Zentrum.

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