Harez Habib - Wir sind Helden

Von Christoph Köchy
Montag, 19.11.2007 | 17:39 Uhr
© Getty
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Ich habe diesen immer wiederkehrenden Traum, den jeder Junge kennt, der jemals gegen einen Ball getreten hat. Die Nationalhymne erklingt, die Kamera fährt von links nach rechts. Erst der Kapitän, dann der Torwart, ein Spieler neben dem anderen.

Die Blicke sind konzentriert, wie auf ein fernes Ziel gerichtet. Ein erhebender Zustand der Ruhe vor dem Sturm. Die Kamera erfasst den letzten Spieler und ich sehe mich selbst. Meistens wache ich dann auf, weil ich den Moment vor dem Spiel unbeschreiblich ergreifend finde. So auch an diesem Morgen. Ich schaue auf die Uhr und sehe, dass ich los muss, denn ich treffe mich mit jemandem, der genau diesen Traum erlebt hat.

Es ist ein ganz normaler Montag auf dem Campus der Uni Göttingen. Fahrrad lehnt an Fahrrad, schnellen Schrittes versuchen die einen noch pünktlich zum Seminar zu kommen, die anderen eine Marke für die Mensa zu ergattern.

In diesem bunten Treiben treffe ich Harez Habib. Ein ganz normaler Student im siebten Semester auf dem Weg zum Diplom der Sozialwissenschaften.

Der König der Uni-Liga

In Göttingen kennen ihn die Fußballbegeisterten aus der Uni-Liga, zwei Mal führte er sein Team "Strandfußball" in den letzten drei Jahren zum Sieg. Auffallend dabei seine überragende Technik, sein Spielverständnis, das Auge für den besser postierten Mitspieler.

Auffallend selbst für einen Oberligaspieler, momentan schnürt der 25jährige Afghane für den FSC Lohfelden die Schuhe. Wie kommt man aus der Oberliga Hessen in die Nationalelf Afghanistans frage ich - und der Traum beginnt erneut.

Im Juni sieht Harez noch wenig von den Schatten, die das große Ereignis voraus werfen wird. Er ist zu Gast in Hamburg, wo die größte afghanische Gemeinde ein Turnier veranstaltet. Nach einem seiner Spiele kommt er ins Gespräch mit Ata Yamrali vom ASV Bergedorf 85, einem Hamburger Oberligisten. Für Harez bleibt es vorerst ein normales Gespräch unter Fußballern.

E-Mail aus Tadschikistan

Wochen später debütiert Yamrali in der Nationalmannschaft. Am Rande des WM-Qualifikationsspiels gegen Syrien erzählt er dem deutschen Trainer Klaus Stärk von Harez und dessen Mitspieler Yusuf Barak.

Stärk, der 2003 vom Deutschen Olympischen Sportbund und DFB nach Afghanistan entsandt wurde und dort neben der Nationalelf weitere Entwicklungsprojekte betreut, erkundigt sich bei Trainerkollegen in Deutschland, bei Medienvertretern und direkt beim FSC Lohfelden über die beiden.

Zehn Tage vor dem Rückspiel gegen Syrien erhält Harez die E-Mail, die sein Leben verändern sollte. Stärk nominiert ihn für die Nationalmannschaft. Er schaut ungläubig auf den Bildschirm, schließt die Email, öffnet sie noch einmal. Aber da ist es nach wie vor, schwarz auf weiß.

Zeit zum Verarbeiten bleibt allerdings keine, Stärk ist bereits mit dem Team in Tadschikistan und kann von dort aus weder Flug noch sonstige Unterlagen organisieren.

30 Stunden Odyssee

Also stellt Harez Anträge, besorgt Genehmigungen und versucht einen Flug zu buchen. Ein Flug nach Tadschikistan, wo das Spiel aus Sicherheitsgründen ausgetragen wird, ist jedoch alles andere als leicht zu bekommen. Nach stundenlangem Hoffen und Bangen in Telefonschleifen reserviert eine türkische Airline Plätze für Harez und Yusuf. Die Odyssee dauert 30 Stunden, es geht von Hannover über Istanbul nach Duschanbe, der Hauptstadt Tadschikistans.

Die Jungs kommen am Donnerstagmorgen an und werden vom Trainerstab in Empfang genommen. Die Begrüßung der Offiziellen ist herzlich, bei den Mitspielern herrscht noch leichte Skepsis. Verständlich, wie Harez findet, da kommen auf einmal Spieler aus Deutschland und nehmen die Plätze weg.

Die Distanz verringert sich jedoch bereits beim ersten Training, Harez und Yusuf integrieren sich schnell, es kommt Ihnen zugute, dass sie die Sprache fließend beherrschen.

Es steht noch ein Empfang beim Botschafter auf dem Programm, danach fallen die beiden totmüde ins Bett. Schon am nächsten Tag findet das Spiel statt und zwar mittags. Ursprünglich war es am Abend angesetzt, doch das Flutlicht entspricht nicht den Fifa-Statuten, sodass es von den rund 40.000 Karteninhabern nur wenige ins Stadion schaffen werden.

Repressalien der Taliban

Als Harez im Bett liegt, lässt er die Vergangenheit Revué passieren. Drei Jahre ist er alt, als seine Familie nach Deutschland flüchtet. Dennoch bekennt er sich zu seinem Land, auch wenn es oft schwer fällt. Auf dem Bolzplatz konfrontieren ihn andere Kinder mit der harten Wahrheit: "Ihr habt noch nicht einmal eine Nationalmannschaft."

Die Regierung der Taliban verhinderte von 1984 bis 2002 jegliche sportliche Entwicklung, erst mit dem Sturz des Systems durch die USA begannen FIFA und westliche Staaten mit der Förderung des Fußballs als Breitensport. Fünf Jahre später versucht die Nationalmannschaft nun, sich für die WM in Südafrika zu qualifizieren.

Harez weiß, dass es schwer wird. Nach der 0:3-Niederlage im Hinspiel muss schon ein Fußballwunder her, doch in diesem Moment ist es für ihn schon ein Wunder, dass er überhaupt dabei sein darf.

Hier geht's weiter zu Teil 2: Wir sind Helden

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