"Hätte ich mal auf meine Frau gehört"

Patrick Helmes spielte in der Bundesliga für Köln, Leverkusen und Wolfsburg
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SPOX: Wie haben Sie das psychisch verkraftet?

Helmes: Es gab Tage, an denen ich mich damit abgefunden hatte. Aber auch welche, an denen mir die Tränen in den Augen standen und ich mich gefragt habe: war es das jetzt wirklich? Gerade bei Spielen, in denen es nicht so gut lief und ich dachte, die Mannschaft könnte mich jetzt womöglich gut gebrauchen. In diesen Momenten fiel es mir extrem schwer. Diese ganzen Emotionen an einem Spieltag werden einem erst bewusst, wenn man nicht mehr mittendrin steckt.

SPOX: Die Leidensgeschichte mit Ihrem Knorpelschaden in der Hüfte begann im Kölner Trainingslager in Österreich im Juli 2014 zu. Wie fing das überhaupt genau an?

Helmes: Ich hatte zuvor nie Probleme mit der Hüfte. Das ist ja das Wahnsinnige daran. Ich zog mir damals einen kleinen Muskelfaserriss zu. Danach trainierte ich wieder, doch nachts kamen die Schmerzen zurück. Eine genauere Untersuchung ergab dann, dass der Faserriss tatsächlich ausgeheilt war, aber auch ein Hüftschaden bestünde. Die Reha lief super an, sechs Wochen später stand ich wieder auf dem Platz. Doch ab dann begannen die erwähnten Schwankungen und hörten leider nicht mehr auf.

SPOX: Wie sehr hat Sie das im Alltag eingeschränkt?

Helmes: Enorm, es war kein normaler Gang möglich. Meine Tochter ist mir weggelaufen. (lacht) Ich bin pausenlos gehumpelt, gegen einen Ball treten war überhaupt nicht drin. Die ersten Monate hatte ich richtig schlimme Schmerzen. Es ging einigermaßen, wenn ich gesessen oder gelegen bin. Mit der Zeit schwankte aber auch das enorm: am einen Tag konnte ich kaum zehn Meter am Stück gehen, am anderen lief es total geschmeidig.

SPOX: Zuvor erlitten Sie bereits zwei Kreuzbandrisse. Den ersten zogen Sie sich als Spieler von Bayer Leverkusen im Juni 2009 in Ihrer Heimat Siegen beim Kicken mit Kumpels zu.

Helmes: Brutal gute Idee von mir, oder? (lacht)

SPOX: Wie ist das damals passiert?

Helmes: Der Kick war wirklich spontan. Ich bin nach dem Pokalfinale mit ein paar Leverkusener Jungs nach Ibiza geflogen. Dann rief ein ehemaliger Mitspieler aus Siegen an und meinte, er würde am Mittwoch heiraten und davor noch einen kleinen Kick unter Freunden organisieren. Ich bin aus alter Verbundenheit nach Hause geflogen, dort angetanzt und habe mir ohne Fremdeinwirkung das Kreuzband gerissen. Das war die dümmste Entscheidung meines Lebens. Meine Frau hat noch im Vorfeld gesagt, ich solle den Mist sein lassen und mich in der Sommerpause erholen. Hätte ich mal auf sie gehört...

SPOX: In Leverkusen haben Sie nach Ihrer Genesung nicht mehr häufig gespielt und sind im Winter 2011 zum VfL Wolfsburg gewechselt.

Helmes: Ich habe im ersten halben Jahr nach meiner Rückkehr regelmäßig getroffen, doch dann hat Jupp Heynckes damit begonnen, viel zu rotieren. Leider war ich nicht der geduldigste Spieler. Rotation kannte ich gar nicht. Ich war gewohnt, immer zu spielen und hatte damals keinerlei Verständnis für diese ständigen Wechsel. Deshalb habe ich zügig und im Grunde vom einen auf den anderen Tag entschieden, das Angebot aus Wolfsburg anzunehmen. Das war etwas vorschnell, aber ich habe damals anders als heute nicht eingesehen, dass Rotation ein probates Mittel ist.

SPOX: Wie war Wolfsburg?

Helmes: Die Stadt ist wirklich besser als ihr Ruf, man kann es dort gut aushalten. Ich wollte auch schon immer mal etwas anderes als nur das Rheinland erleben. Ursprünglich war der Plan, nach Berlin zu ziehen. Wir hatten auch schon eine Wohnung. Das Problem war, dass zehn Tage nach meiner Verpflichtung Trainer Steve McClaren und auch Manager Dieter Hoeneß gefeuert wurden. Dann kam Felix Magath als neuer Coach - und drei Wochen später haben wir entschieden, doch nicht nach Berlin zu ziehen. (lacht)

SPOX: Wegen Magath?

Helmes: Genau. Ich habe sofortige Ruhepausen gebraucht und wollte mich nicht noch täglich in den Zug nach Berlin setzen. Er hat extrem viel verlangt, mein Körper musste sich ein halbes Jahr an dieses Training gewöhnen. Das war eine gehörige Umstellung, doch dann lief es für mich unter ihm.

SPOX: Hat Sie das Ausland nie gereizt?

Helmes: Es gab jährlich Optionen. Für mich war aber die Bundesliga immer das Maß aller Dinge. Viele schwärmen vom englischen Fußball, aber was Leistungsdichte, Stadien oder Infrastrukturen angeht, ist es in Deutschland in meinen Augen am interessantesten. Weshalb also ins Ausland? Vielleicht war ich auch nicht reif genug, das kann schon auch sein.

SPOX: Im Seniorenbereich stehen für Sie in Ihrer Spielerkarriere 153 Tore in 298 Spielen zu Buche. Das ist eine stolze Marke. Glauben Sie, irgendwann mit dem vorzeitigen Karriereende abschließen zu können oder wird Sie das eher Ihr Leben lang begleiten?

Helmes: Nein. Man sollte das auch nicht zu sehr dramatisieren. Es gibt weitaus schlimmere Dinge im Leben als eine Verletzung. Ich bin weitestgehend gesund, mir geht es gut, ich habe eine tolle Familie - das ist doch genug. Ich bin dabei, alles zu verarbeiten und die Trainerkarriere hilft mir, das zu beschleunigen.

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