Das Braunschweiger Dilemma

Depression an der Wiege

Von Christoph Köchy
Sonntag, 30.09.2007 | 11:24 Uhr
© Getty
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München/Braunschweig - Braunschweig, gelegen im Südosten Niedersachsens, ist eine Stadt mit großer Tradition, ihre Ursprünge gehen zurück bis ins 9. Jahrhundert.

Mehr als 300 Jahre später gewinnt sie erstmals an Bedeutung, als Heinrich der Löwe sie zu seiner Residenz wählt. Seither ist der Löwe das Wahrzeichen und Wappentier der Stadt. Fragt man in anderen Teilen Deutschlands nach Braunschweig, so sind vorangestellte Fakten das maximale Wissen, welches der Gesprächspartner parat haben dürfte.

Dass Braunschweig die längste Beziehung aller deutschen Städte zum runden Leder führt, weiß heute kaum noch jemand. Im Jahr 1874 importierte der Gymnasiallehrer Konrad Koch die Sportart aus England und fortan wurde an seiner Schule, dem Martino-Katharineum, weniger geturnt und mehr gekickt.

Belehrt darüber, dass ohne die Stadt zwischen Harz und Heideland die schönste Nebensache der Welt vielleicht nie den Weg in unser Leben gefunden hätte, fällt dem Gegenüber dann doch noch etwas ein: "Wart ihr nicht sogar mal deutscher Meister?"

Und da ist sie wieder, die Bedeutung des Fußballs für Braunschweig: Anno 1963 war der "Braunschweiger Turn- und Sportverein Eintracht von 1895" stolzes Gründungsmitglied der Bundesliga und 4 Jahre später auf dem Thron.

Absturz in die Regionalliga

In den Siebzigern wechselt Paul Breitner von Real Madrid für 1,5 Mio. DM an die Hamburger Straße, das Geld hat man nicht zuletzt dank des ersten Trikotsponsorings der Bundesliga. Mit "Hirschkopf" auf der Brust spielt der BTSV im UEFA-Cup und weitere Jahre in der Bundesliga, bevor er 1985 in die Zweite Liga absteigt und zwei Jahre später in der Bedeutungslosigkeit der Regionalliga verschwindet.

Dort ist er nach einer Katastrophensaison in der Zweiten Liga wieder angekommen und droht nun, die Qualifikation für die neue 3. Liga zu verpassen.

Warum es seit mittlerweile über 20 Jahren so schlecht läuft, kann eigentlich niemand so genau erklären. Oft bremsten die Finanzen, Eintracht saß auf einem Schuldenberg, dennoch fand man immer wieder Wege, den Spielbetrieb aufrecht zu erhalten und neue Partner zu gewinnen. Mittlerweile wird die Eintracht von mehr Braunschweiger Unternehmen unterstützt als je zuvor, in der Etat-Rangliste der Regionalliga Nord belegt sie den ersten Platz.

Machtkämpfe

Wenn es nun aber nicht am Geld liegt, dann wohl daran, wie es eingesetzt wird. Immer wieder wurden teure Spieler verpflichtet, die hinter den Erwartungen zurückblieben. Höhepunkt waren die Panikkäufe in der Winterpause der vergangenen Saison, als sehr viele Spieler, aber auch sehr wenig Punkte geholt wurden.

Finanziert wurde der Kaufrausch von Jochen Staake, seit Jahrzehnten Sponsor der Eintracht. Er habe nur helfen wollen, sagte er vor einigen Tagen auf einer Infoveranstaltung, es gehe ihm nicht um Macht, er sei einfach Fan der Eintracht.

Womit wir bei der nächsten möglichen Ursache wären: Macht. Das seit Jahren vollführte und über unterschiedliche Medien ausgetragene Gerangel in der Führungsetage kann wohl von niemandem aus dem Vorstand als gute Grundlage für sportlichen Erfolg bezeichnet werden.

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Dennoch schien sich alles zum Guten zu wenden, als für diese Saison Benno Möhlmann verpflichtet werden konnte. Das verlorene Auftaktspiel gegen Emden wurde von den Anhängern unter "typisch Eintracht" verbucht, nach der Niederlage bei den Wolfsburg Amateuren wurde die Situation schon kritischer.

In den nachfolgenden sechs Spielen holte die Eintracht auswärts drei Unentschieden, vor eigenem Publikum verlor sie jedoch drei Mal deutlich.

Diese Bilanz lässt vermuten, wo wirklich das Problem der Braunschweiger Eintracht liegt. Der eigene Anspruch ist unerreichbar weit entfernt von der Realität.

Fanliebe scheint zu lähmen

Die lange Tradition, sie ist der Grund für den großen Zuschauerzuspruch, doch scheint sie oft wie eine Bleiweste für die Spieler zu wirken. Viele Fans leben für die Eintracht, aber man hat immer öfter das Gefühl, als würden sie voller Ungeduld leicht genervt abwarten, bis man wieder da ist, wo man hingehört.

"Der BTSV ist wieder da" - so erscholl es dann beim letzten Heimspiel auch aus der Südkurve. Nicht allgemeine Erleichterung über den ersten Saisonsieg war zu verspüren, sondern vielmehr das Hochgefühl, standesgemäß gesiegt und so die Wende in dieser unsäglichen Saison eingeleitet zu haben. Nun würde man doch sicher das erklärte Ziel "Qualifikation für die 3. Liga" erreichen und der eine oder andere schaute am Abend sogar zum ersten Mal auf die Tabelle, wie viele Punkte denn der Spitzenreiter hat.

Woanders nennt man es Realitätsverlust, in Braunschweig hält man die Realität einfach für unangemessen. Wer nichts erwartet, kann positiv überrascht werden, die Eintracht lässt ihre Fans selten staunen, deutliche Heimsiege wie der über die Cottbus-Amateure werden zwar gefeiert, aber im nächsten Moment auch relativiert. Man hat schließlich nur gegen die Zweite gespielt.

Im Subtext schwingt mit, dass man sich eigentlich mit den Profis aus der Lausitz messen müsste. In der Bundesliga. Wenn alles normal laufen würde.

Zurückfinden zur Eintracht

Keine Frage: Das Publikum ist fantastisch, die Anzahl verkaufter Dauerkarten und der Zuschauerschnitt sind bundesligareif. Die Identifikation der Anhänger mit dem Verein ist nach wie vor groß, so groß, dass oftmals aber auch Entwicklungen kritisiert werden, die nötig sind, um dauerhaft Profifußball anzubieten, so z.B. die Ausgliederung des Geschäftsbereichs Fußball.

Dabei erscheint der Schritt, professionelle Strukturen zu schaffen, durchaus sinnvoll. Die Anhänger fordern neue Gesichter in der Führungsetage. Eins wird dort nicht mehr auftauchen: Präsident Glogowski wird nicht erneut kandidieren, viele Kritiker des "Braunschweiger Klüngels" sehen dies als positives Signal.

Für die Zukunft scheint es nötig, dass sowohl Vereinsführung als auch Fans akzeptieren, dass man momentan zu Recht in der Regionalliga spielt und dass der Weg in eine bessere sportliche Zukunft nur dann gelingen kann,  wenn man sich auf seine Stärke besinnt, mit der man 1967 Meister wurde und die im Vereinsnamen verankert ist: die Eintracht.

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