"Fußballer sind moderne Gladiatoren"

Von Daniel Reimann
Norbert Elgert (l.) begleitete zahlreiche Stars auf ihrem Weg zu den Profis
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SPOX: Sie haben Meyer einst eine hohe "mentale Geschwindigkeit" attestiert. Wie genau definieren Sie diese?

Elgert: Es geht darum, dass taktische Anpassungsfähigkeit, also situatives Taktikverständnis, in den letzten Jahrzehnten immer wichtiger wurde. Spieler müssen Situationen schneller erfassen. Wo sind Mitspieler, Gegenspieler und Ball? Jede Bewegung auf dem Platz verändert das Szenario sofort. Wer das nicht begreift, versteht das Spiel nicht und kann all die Wahrnehmungen nicht in sinnvolle Aktionen umsetzen. Was nützt mir der schnellste Spieler auf dem Platz, ein Usain Bolt, wenn er im Kopf nicht schnell genug ist? Dagegen steht der langsame Spieler schon längst dort, wo er stehen muss, weil er mental schnell genug reagiert hat. Das bedeutet mentale Geschwindigkeit.

SPOX: Wie lässt sich diese denn trainieren?

Elgert: Spitzenspieler bringen in dem Bereich schon extrem viel mit. Aber es ist auch trainierbar. Man muss Druck durch Raum, Zeit und Gegner simulieren. Man muss viele Positionsspiele mit Kontaktbegrenzung anbieten und da immer wieder Variablen einbauen. Dazu gibt es einzelne Übungen, um die Wahrnehmungs- und Handlungsschnelligkeit zu verbessern.

SPOX: Bei der körperlichen Geschwindigkeit ist der Mensch von vornherein limitiert, jeder hat seine eigene Grenze. Gilt das auch für mentale Geschwindigkeit?

Elgert: Es gibt in der Ausprägung durchaus große Unterschiede. Man kann es zwar trainieren, aber jeder Spieler hat persönliche Grenzen. Man kann nicht aus jedem einen Xavi, Iniesta oder Özil machen.

SPOX: In Ihren knapp 20 Jahren als A-Jugend-Coach hat sich in Training und Nachwuchsfußball viel verändert. Fällt es Ihnen leicht, sich selbst und Ihre Lehre vom Fußball an die Veränderungen anzupassen?

Elgert: Es macht mir nichts aus, mit der Zeit zu gehen. Ich will morgen ein besserer Trainer sein als ich es heute bin, das ist zwingend erforderlich. Das Leben ist Evolution, alles entwickelt sich weiter. Bleibst du stehen, bist du erledigt. Gehst du zurück, dann erst recht.

SPOX: Seit 2013 ist nun auch die Youth League ein Teil des Nachwuchsfußballs. Sie haben sich oft kritisch dazu geäußert. Hat sich denn Ihre Haltung im Laufe der Zeit gewandelt?

Elgert: Ich muss zugeben, dass ich anfangs sehr skeptisch war. Aber heutzutage bin ich es nicht mehr, das macht die Erfahrung. Das Messen mit solch starken Gegnern bringt die Spieler enorm weiter. Genauso wie das Reisen mit den Profis, das hat für sie tatsächlich Champions-League-Niveau. Aber die hohe Belastung der Spieler halte ich für problematisch. Gerade bei denjenigen, die noch beim DFB im Einsatz sind oder die sich zwischen U 19 und Profimannschaft bewegen. In der Liga haben wir 26 Spiele. Wenn dann wie letztes Jahr nochmal 22 Spiele hinzukommen, ist das zu viel. Denn so schön es war, in der Youth League für Furore zu sorgen, im Final Four dabei zu sein, es hat uns mindestens einen deutschen Titel gekostet.

SPOX: Wie viel Zeit bleibt eigentlich, um im Training noch Abläufe und Dinge dieser Art zu optimieren?

Elgert: Wenn man als Team an drei oder vier Wettbewerben teilnimmt, gibt es kaum noch die Möglichkeit eines Korrektivs durch Training. Es ist mehr Regeneration als Training, da herrscht ein Steuerungschaos. Das ist ein zentrales Problem, das man auf Dauer lösen muss. Denn dieser Schuss kann nach hinten losgehen.

SPOX: Nun will Michel Platini die Anzahl der Teilnehmer von 32 auf 64 erhöhen. Geht Ihnen das zu weit?

Elgert: Ich finde es gut so, wie es jetzt gespielt wird. Diesen Plan, daran jetzt schon wieder etwas zu ändern, halte ich für sehr ambitioniert. Denn irgendwann ist das Ende der Fahnenstange erreicht.

SPOX: Sie trafen in der Vorrunde unter anderem auf die U 19 von Maribor. Wie bereitet man sich denn als A-Jugend-Coach auf ein solches Spiel adäquat vor?

Elgert: Es gibt viele Möglichkeiten. Wir tauschen zum Beispiel Videos und Aufzeichnungen mit den gegnerischen Trainern aus, damit der Gegner analysiert werden kann. Das ist selbstverständlich. Das Konkurrenzdenken ist zwar groß, aber wir sitzen auch alle im gleichen Boot. Wir alle arbeiten nicht nur für unsere Arbeitgeber, sondern auch für dieses wunderbare Spiel Fußball. Und wenn ich keinem helfe, hilft mir auch keiner.

SPOX: Eigentlich war es ja gar nicht Ihr Plan, noch immer auf Schalke zu arbeiten. 2013 sagten Sie im SPOX-Interview, dass Sie ab 2015 etwas anderes machen wollen. War ein Wechsel damals schon fest in Planung.

Elgert: Ich dachte ursprünglich tatsächlich an einen Abschied von Schalke. Ich stand mit Hansi Flick wegen eines Postens als U-Trainer beim DFB in Kontakt. Ich war interessiert, denn das klang sehr reizvoll. Dazu hatte ich die Möglichkeit, für einen anderen großen Bundesligisten in gleicher Position zu arbeiten. Es gab verschiedene Optionen und ich habe mit diesem Gedanken eines Wechsels gespielt.

SPOX: Wie kam letztlich die Trendwende?

Elgert: Der Verein hat mir sehr ernsthaft versichert, dass man mich hier noch benötigt. Und solange meine Arbeit wichtig ist, solange ich sie zu 90 Prozent so ausführen darf, wie ich es mir vorstelle, bin ich der Richtige. Ich bin ja nicht nur Angestellter, sondern auch Fan von Schalke. Hinzu kommt, dass ich mich sehr gerne in Gelsenkirchen und Umgebung aufhalte. Meine Tochter und mein Schwiegersohn wohnen hier, letztes Jahr bin ich Großvater geworden. Wenn ich meine Familie nicht mehr um mich habe, bin ich unglücklich. Meine Familie steht über allem.

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