"Zehntausende haben es in den Beinen"

Von Für SPOX in Göttingen: Christoph Köchy
Montag, 10.01.2011 | 11:01 Uhr
Edin Terzic (M.) ist Co-Trainer der U19 von Borussia Dortmund
© Jim Strunk
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Hannover 96 hat Europas größtes U-19-Hallenturnier, den Sparkasse-VGH-Cup in Göttingen, gewonnen. Auch eine Vertretung von Bundesliga-Tabellenführer Borussia Dortmund war dabei. SPOX nutzte die Gelegenheit und bat Co-Trainer Edin Terzic zum Interview. Terzic spricht über seine Doppelfunktion als Trainer und Scout, jugendliche Disziplin und erklärt, wie eng bei der Borussia mit der Profiabteilung zusammengearbeitet wird.

SPOX: Herr Terzic, war der Sparkasse-VGH-Cup in Göttingen nur Spaß oder Ernst für Sie?

Edin Terzic: Eine gute Mischung aus beidem. Man hat nicht den unmittelbaren Leistungsdruck, weil es nicht um Punkte geht. In meinen Augen kann man im Sport aber nur Spaß haben, wenn man erfolgreich arbeitet. Wir wollten attraktiven Fußball spielen und uns dabei nicht verletzen, denn in der Meisterschaft haben wir noch einiges vor.

SPOX: Haben Sie sich auch nach Spielern von anderen Vereinen umgeschaut?

Terzic: Ich bin ja in einer Doppelfunktion bei Borussia Dortmund angestellt. Einmal als Co-Trainer der U19 und zum anderen als Scout im Profibereich. Da achte ich natürlich immer auch auf talentierte Jungs von anderen Vereinen. So ein Turnier bietet sich an, um neue Eindrücke zu gewinnen.

SPOX: Wenn Ihnen ein Spieler vom FC Schalke auffällt, würden Sie diesen dann ansprechen und versuchen, von einem Wechsel zu überzeugen?

Terzic: Sagen wir mal so: Es ist nicht unkompliziert, aber machbar. Mittlerweile haben wir Spieler in den eigenen Reihen, die schon für S04 gespielt haben und auch auf Schalke spielen Jungs, die eine Vergangenheit in Dortmund haben. Durch die räumliche Nähe gibt es natürlich schon einmal Überschneidungen. Die Jungs von Schalke fallen uns aber nicht erst hier beim Turnier auf. Die kennen wir vorher schon gut.

SPOX: Ist Ihnen beim Turnier ein Spieler besonders aufgefallen?

Terzic: Es gab schon einige auffällige Spieler, aber in der Halle geht es viel um Individualtaktik. Wenn man sich wirklich ein Bild von einem Spieler machen möchte, dann muss man ihn auf dem Großfeld sehen.

SPOX: Sie binden Ihre Spieler langfristig an Borussia Dortmund. Wieso?

Terzic: Die meisten Spieler haben schon nach der U17 einen klaren Plan für ihre Zukunft. Bei der Borussia achten wir allerdings sehr darauf, dass auch die Schule noch mit dem Sport in Einklang gebracht werden kann. Wenn ein Spieler auf Grund eines langfristigen Vertrags nicht die Schule wechseln kann, ist das sicherlich nicht sinnvoll. Wir bieten unseren Spielern also an, bis zum Schulabschluss bei uns zu bleiben. So haben die meisten bis zur U23 Vertrag und können sich dann entscheiden.

SPOX: Welchen Spielern aus Ihrem Kader trauen Sie den Sprung in die Bundesliga zu?

Terzic: Jeder, der die Tabelle der Bundesliga West lesen kann, wird sehen, dass die Jungs sich momentan keine Gedanken darüber machen sollten ob sie irgendwann in den Profikader aufgenommen werden. Sie müssen sich jetzt einzig und allein darauf konzentrieren, ihr Potential abzurufen und konstant gute Leistungen zu bringen. Der Rest kommt dann von selbst.

SPOX: Was muss ein Nachwuchsspieler mitbringen, um bei Jürgen Klopp eine Chance zu bekommen?

Terzic: Es gibt in Deutschland Zehntausende von Jungs, die es in den Beinen haben. Es gibt aber nur sehr wenige, die es schaffen, ihr sportliches Talent mit Kopf und Herz zu ergänzen. Die Jungs müssen diesen Abschnitt wirklich als Berufsausbildung sehen und nicht als Status. Sie müssen sich jeden Tag verbessern und mit Vernunft und Leidenschaft an die Sache herangehen, dann sind sie auf dem richtigen Weg.

SPOX: Mario Götze gilt beispielsweise als sehr ruhiger, vernünftiger Typ. Ist das Grundvoraussetzung für Profis oder kann man es auch noch in Mario-Basler-Manier packen?

Terzic: Man sollte nie etwas ausschließen. Allerdings hat sich die gesamte Struktur im Jugendfußball dahingehend verändert, dass es in der heutigen Zeit Spielern wie Mario Götze sicher leichter fällt, Profi zu werden, als einem Mario Basler. Disziplin spielt schon eine sehr große Rolle. Ohne sich auf diese einzulassen können sich wirklich nur absolute Überflieger durchsetzen.

SPOX: Was passiert, wenn Sie einen Ihrer Jungs dabei erwischen, wie er bei einem Turnier das Nachtleben unsicher macht?

Terzic: Wir hatten in Göttingen einen dabei, der feierte seinen 18. Geburtstag. Da ist es wichtig, dass die Spieler das gemeinsam feiern können, denn es sind ja auch ganz normale Jungs. Allerdings wurde dann um 0 Uhr gratuliert und um 0.15 Uhr war die Feier beendet. Grundsätzlich gehört zu einer Persönlichkeitsentwicklung auch das Knüpfen sozialer Kontakte, also lassen wir den Spielern auch einen gewissen Freiraum.

SPOX: Bei anderen Vereinen wird schon mal ein Spieler aussortiert, der häufig unpünktlich ist.

Terzic: Es gibt unterschiedliche Ansätze und es ist sehr schwierig, dieser Generation Disziplin beizubringen. Uns ist wichtig, dass die Spieler eine Eigendisziplin entwickeln und sich an die Regeln halten, weil sie keine Strafe bezahlen wollen. Sie sollen ein Bewusstsein entwickeln, dass die Regeln wichtig für sie und ihre Entwicklung sind. Wenn sie das begriffen haben, ist das viel besser als wenn sie sich nur unter Androhung des Rauswurfs benehmen.

SPOX: Wie schafft es Borussia Dortmund, die ganzen jungen Wilden einzubauen und dann noch Spitzenreiter in der Bundesliga zu sein?

Terzic: Vor fünf Jahren hat sich Borussia Dortmund wahrscheinlich gefragt, was die anderen besser machen. Wir haben jetzt ein sehr gutes Trainer- und Funktionsteam mit großem Erfahrungsschatz, das es schafft, Spieler auszubilden, die eben auch mit Kopf und Herz dabei sind.

SPOX: Wie eng ist die Zusammenarbeit mit Jürgen Klopp? Haben Sie manchmal Angst, wenn Ihnen ein Spieler zu früh "weggenommen" werden soll?

Terzic: Wir haben das große Glück, dass wir Nachwuchstrainer einen sehr guten Draht zum Profibereich haben. Wenn es um unsere Spieler geht, entscheidet in letzter Instanz natürlich der Cheftrainer. Wir setzen uns aber jede Woche zusammen und besprechen einzelne Personalien und treffen gemeinsam die Entscheidung, für wen der Schritt richtig sein könnte.

SPOX: Was trauen Sie sich selbst beim BVB zu? Wäre der Chefcoach-Posten irgendwann was für Sie?

Terzic: Ich fühle mich in Dortmund sehr wohl, mag sowohl die Stadt als auch die ganze Region. Als gebürtiger Sauerländer bin ich 30 Kilometer von Dortmund entfernt aufgewachsen, war immer Fan der Borussia und in der Jugend kurzzeitig auch Spieler. Für mich ist es wunderbar, mit den Menschen zusammenzuarbeiten, die ich früher auf der Tribüne angefeuert habe. Ich versuche, jeden Tag ein Stück zum Erfolg von Borussia Dortmund beizutragen.

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