"Brauchen Mario für den Titel"

Montag, 29.02.2016 | 15:12 Uhr
Erfolgreich bei Besiktas: Andreas Beck, Mario Gomez und Oguzhan Özyakup
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Die Türkei brennt auf das heutige Derby zwischen Fenerbahce und Besiktas (19 Uhr im LIVETICKER). Besiktas könnte mit einem Sieg einen Riesenschritt Richtung Titel machen. Dauerbrenner Andreas Beck spricht im Interview über die Titelchancen, die Rolle von Mario Gomez und über Rote Karten für türkische Schiedsrichter.

SPOX: Andreas Beck, Istanbul steht Kopf. Tabellenführer Besiktas gastiert beim Verfolger Fenerbahce. Und es wird hier in der Stadt über nichts anderes mehr gesprochen. Wie sah Ihr Gemütszustand in den letzten Tagen aus?

Andreas Beck: Wenn man das alles, was gerade in den Medien und um den Klub herum passiert, an sich heranlassen würde, wären Anspannung und Aufregung sicher enorm. Aber ich habe den Eindruck, dass bei uns im Klub alle sehr gut mit der Situation umgehen. Innerhalb der Mannschaft ist die Vorfreude mit jedem Tag gestiegen - auch bedingt dadurch, dass wir in der Hinrunde beide Istanbuler Derbys mit Bravour gemeistert haben.

SPOX: Es hat fast schon Tradition in der Türkei, dass ausländischen Spielern schon bei den Verhandlungen über einen Wechsel die Wichtigkeit der Istanbuler Derbys eindringlich mitgeteilt wird. Wie war es bei Ihnen?

Beck: Was mir damals tatsächlich sofort gesagt wurde, war, dass Besiktas die vergangenen drei Jahre kein Derby mehr gewonnen hatte. Wir haben dann in der Hinrunde sowohl Fenerbahce als auch Galatasaray besiegt - und das tat wirklich richtig gut und hat uns beflügelt für die ganze Runde. In den letzten Tagen werden wir nun ständig damit konfrontiert, dass wir seit elf Jahren bei Fenerbahce nicht mehr gewonnen haben. Das wird also immer wieder aufgerollt.

Die Süper-Lig-Tabelle

SPOX: Sie haben die beiden Derbys aus der Hinrunde angesprochen: Hat das befreiende Wirkung für Montagabend, dass man zumindest die Last des dauernden Derby-Versagens nicht mehr hat?

Beck: Dieser Druck ist erst einmal weg, das ist richtig. Wir fahren da auf jeden Fall mit viel Selbstvertrauen hin, weil es ein Duell auf Augenhöhe sein wird. Und wir fahren jetzt als Tabellenführer hin und haben noch ein Nachholspiel in der Hinterhand. Das ist ein Vorteil, - aber auch wenn wir auswärts und ohne die Unterstützung unserer Fans antreten - wollen wir das Spiel natürlich mit aller Macht gewinnen. Das sind wir unseren Fans, aber auch uns einfach schuldig.

SPOX: Ist "auswärts" überhaupt noch ein Problem für Besiktas? Seit zwei Jahren gibt es nur Auswärtsspiele, weil das neue Inönü-Stadion immer noch nicht fertig ist.

Beck: Es war sicher kein Vorteil, dass man seit zwei Jahren in Basaksehir oder im riesengroßen Olympiastadion am Stadtrand vor 15.000 Zuschauern spielt. Aber die Fans und wir haben das bisher ganz gut hinbekommen. Wenn man allerdings bedenkt, was für einen Lärm die Fans selbst dort machen und sich ausmalt, was 40.000 Zuschauer im eigenen Stadion veranstalten können... Unsere Anhänger haben viele Auswärtsspiele zu Heimspielen gemacht. Zu den Derbys dürfen keine Gästefans anreisen, daher ist das schon ein Nachteil.

SPOX: Fenerbahce ist der große Konkurrent um den Titel. Die Truppe von Vitor Pereira spielt nicht immer ansehnlich, dafür aber sehr effektiv. Macht die individuelle Stärke Fener aus?

Beck: Der Fenerbahce-Kader hat große Klasse! Sie können rotieren und erleiden dabei keinen Qualitätsverlust. Die Investitionen vor der Saison haben sich bezahlt gemacht. Beide Teams spielen eine starke Runde und es bedarf wohl 80 Punkte und mehr, um in der Süper Lig Meister zu werden. Da gab es in den letzten Jahren Spielzeiten, in denen deutlich weniger Punkte gereicht hatten.

SPOX: Individuelle Klasse ist auch ein gutes Stichwort bei Besiktas. Und da kommen wir um Mario Gomez nicht herum. Er ist der Mann der Stunde. Was fällt Ihnen zu ihm überhaupt noch ein?

Beck: Es war schon immer so, dass Mario nicht viele Gelegenheiten benötigte, um Resultate hervorzubringen. Wenn er gesund und fit ist, ist er eine Tormaschine. Das zeigt er in dieser Saison wieder und er führt auch die Torjägerliste an. Wir brauchen ihn, um am Ende den Meisterschaftspokal in der Hand zu halten.

SPOX: Sie haben ähnlich wie Gomez wenig Anlaufzeit gebraucht, um sich in der Türkei zurechtzufinden. Aber Sie interpretieren Ihre Rolle als Rechtsverteidiger jetzt doch deutlich anders, einen Tick defensiver. Stimmt der Eindruck?

Beck: Es ist eine Evolution. Es gibt Positionen im Fußball, die man sehr intuitiv spielen kann - vor allem in den kreativen Bereichen. Es gibt aber Positionen wie den Innenverteidiger, den Sechser, aber vor allem den Außenverteidiger, bei denen es viel Training bedarf, um Abläufe und Vorgehensweisen zu lernen. Gehe ich mit? Bleibe ich stehen? Hier in der Türkei gibt es so viel Qualität den Offensivbereichen, dass man abwägen muss, ob man eher Aufbauspieler bzw. Wandspieler ist oder doch offensiver agiert. Ich habe einen ganz guten Mix hinbekommen: Wir haben viel Power in der Offensive, sodass ich oft die Balance herstelle und den Jungs den Rücken freihalte. Das ist wichtig: Man gewinnt eine Meisterschaft, indem man eine Stabilität herstellt.

SPOX: War die Umstellung groß?

Beck: Ich hatte viele Trainer in meiner Karriere. Jeder hatte eine andere Anforderung, was mich und meine Aufgaben betrifft. Nochmal: Die Qualität in den Offensivreihen der türkischen Klubs ist schon enorm, sodass unser Trainer Senol Günes eine gewisse Stabilität einfordert. Einsatzminuten und Tabellenplatz bestätigen, dass wir hier einiges richtig machen.

SPOX: Sie haben mit Marcelo einen neuen Nebenmann aus der Bundesliga bekommen. Er kam von Hannover 96. Wie hat er sich eingefügt?

Beck: Man merkt ihm seine Qualität an, er ist sehr robust, er ist sehr gut geschult, hatte in Hannover auch sehr gute Trainer. Man muss sich mal vorstellen, dass unsere Stamm-Innenverteidigung aus der Hinrunde komplett weggebrochen ist. Ersan Gülüm wurde nach China verkauft, Rhodolfo hat eine sehr bittere Kreuzbandverletzung erlitten. Wir waren sehr gut eingespielt. Umso bemerkenswerter ist es, dass Marcelo, aber auch Alex Delgado, der aus Spanien kam, sich so schnell integriert haben. Ich weiß es von mir selbst, dass es Zeit braucht, sich hier zurechtzufinden.

SPOX: Marcelo hat das Thema Meisterschaft sofort offensiv formuliert. Ist der Titel alternativlos?

Beck: Jeder Spieler, der neu verpflichtet wurde, hat dies so geäußert. Ich habe es gesagt, Marcelo hat es gesagt, aber auch jeder andere Spieler, der hier schon länger spielt. Der Drang ist immens. Die Idee trägt uns und vor allem nach den Derby-Siegen haben wir gemerkt: "Da geht was!"

SPOX: Diese Zeichen, dass es klappen kann, gab es auch beim VfB Stuttgart 2007, als man am Ende sensationell Meister wurde. Gibt es Parallelen?

Beck: Es war damals eher unerwartet. Wir gewannen die letzten sieben, acht Spiele - auch gegen direkte Konkurrenten und haben uns so erst zum Titelaspiranten entwickelt. Hier ist es so, dass wir immer der Gejagte sind. Wenn man dann die schwierigen Spiele gewinnt - vielleicht auch wie damals - sammeln sich dann die kleinen Zeichen.

SPOX: Reden Sie mit Gomez darüber?

Beck: Wir werden inzwischen oft damit konfrontiert und kommen da gar nicht drumherum. Wir kennen uns schon ewig, wir haben sogar in der Schulmannschaft gemeinsam gespielt. Das verbindet.

SPOX: Über eine Sache müssen wir noch reden: Die Rote Karte für den Schiedsrichter beim Spiel Galatasaray - Trabzonspor.

Beck: (lacht) Oh ja.

SPOX: Haben Sie es gesehen?

Beck: Leider nicht live, weil wir auf dem Weg waren und ich im Hotel nur die ersten 20, 30 Minuten dieses Spiels gesehen hatte. Aber danach wurde darüber natürlich gesprochen. Ich weiß nicht, ob es so etwas schon einmal gab. Vielleicht muss man sich in die Situation des Spielers hineinversetzen, um es nachvollziehen zu können. Das geschieht sicher aus einer Emotion heraus. Das erinnert natürlich schon sehr an eine Slapstick-Einlage. (lacht)

Andreas Beck im Profil

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