Der Chelsea-Touch am Schwarzen Meer

Von David Digili
Dienstag, 12.11.2013 | 16:38 Uhr
Jose Bosingwa und Florent Malouda: Sie sollenTrabzonspor zum Erfolg führen
© trabzonspor
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Mit Florent Malouda und José Bosingwa hat Trabzonspor seit Saisonbeginn die wohl bekanntesten Namen seiner Klubhistorie im Kader. Sie sollen helfen, dass der Klub aus dem Nordosten der Türkei nicht nur die Istanbuler Klubs zu ärgern, sondern auch die neue Konkurrenz fernzuhalten.

Gewonnen hatte keiner von ihnen an diesem Spieltag, doch die Laune konnte kaum besser sein. Didier Drogba, Raul Meireles, Jose Bosingwa und Florent Malouda sind beim FC Chelsea einst zu richtig guten Freunden geworden und sie freuten sich, dass man sich wieder sehen konnte.

Dafür sorgte das Schicksal, dass das Quartett seit Sommer eine gemeinsame Wahlheimat, die Türkei, haben: Drogba spielt bei Galatasaray, Meireles bei Fenerbahce, Bosingwa und Malouda kicken neuerdings bei Trabzonspor.

Trotz Galatasarays 1:2-Niederlage in Akhisar und dem Remis zwischen Fenerbahce und Trabzonspor wollten sich die Ex-Blues die Gelegenheit nicht nehmen lassen, ein Chelsea-Klassentreffen zu organisieren.

Duo wird heimisch

Über soziale Netzwerke teilten sie ihr Glück, bevor am nächsten Tag Malouda und Bosingwa wieder nach Trabzon zurückkehrten. Was Drogba und Meireles längst hinter sich haben, gelang nun auch dem Trabzoner Duo: Sie sind an der Schwarzmeer-Küste inzwischen vollends heimisch geworden.

Es war eine kleine Überraschung, als Trabzon im Sommer beide Ex-Chelsea-Spieler unter Vertrag nahm. Nach einem Jahr voller Enttäuschungen wollte der neue Klub-Vorstand ein paar Duftmarken setzen und dass in dieser Phase beide Spieler auf dem Markt waren, passte ins Konzept.

"Dies ist ein großer Tag für Trabzonspor", erklärte Präsident Ibrahim Haciosmanoglu bei der feierlichen Vorstellung der beiden Neuzugänge vor Saisonbeginn. "Ich danke diesen beiden Weltstars, dass sie sich für uns entschieden haben."

Der Kader ist nun nicht nur ausgeglichen besetzt, mit Malouda und Bosingwa wurden Spieler integriert, die Trabzon das gewisse Etwas injizieren sollen.

Malouda im Zentrum

Insbesondere Malouda hat gleich eine Führungsrolle übernommen. "Wir haben uns zusammengesetzt und die Taktik durchgesprochen. Ich denke, wir sind auf einem guten Weg, aber wir haben noch viel Arbeit vor uns" sagt der 33-Jährige immer wieder auf Pressekonferenzen und klingt so fast schon wie ein zweiter Trainer.

Auch auf dem Platz leitet der ehemalige französische Nationalspieler seine Teamkollegen an, gestikuliert, ist zur Schlüsselfigur in der Offensive geworden. Entgegen seiner Rolle bei Chelsea, wo er zu meist über die Außen kam, ist er bei Trabzon ein Fixpunkt im Zentrum.

Bosingwa dagegen hat geholfen, dass Trabzon bisher schon sechs Mal ohne Gegentor blieb und dass der Europa-League-Teilnehmer eine der besten Abwehrreihen der Liga hat.

Vormachtsstellung in Gefahr

Sie sind eine willkommene Unterstützung für einen Klub, der wieder an alte Zeiten knüpfen will und seinen Stellung nicht verlieren mag: Ein schleichender Wandel in der Liga scheint den Weinrot-Blauen dazu langsam die Position als vierte Kraft der Süper Lig streitig zu machen.

Klubs wie Eskisehir, Bursa oder nun auch Kasimpasa, der in dieser Saison um den Titel mitspielt, haben in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht und können immer besser mit der Spitze konkurrieren - nicht nur durch finanzstarke Gönner, sondern auch durch eine bedachtere Transferpolitik.

Ironischerweise ist gerade Trabzon quasi der Begründer dieser Maxime im türkischen Fußball. Immer wieder hat es die traditionsreiche Mannschaft von der Schwarzmeerküste geschafft, mit der Phalanx der "großen Drei" aus Istanbul mitzuhalten.

In der Historie stark

Neben Galatasaray, Fenerbahce und Besiktas ist Trabzon die Konstante der türkischen Liga, trotz vergleichsweise deutlich geringerer Mittel. Erstaunlich für einen Verein, der erst 1967 durch den Zusammenschluss mehrerer lokaler Klubs entstand und so auch zu den markanten Trikotfarben kam.

Bereits wenige Jahre danach erlebten die "Tiger" den Aufstieg in die höchste Spielklasse und ihre ganz große Zeit: Zwischen 1976 und 1984 feierte der Klub gleich sechs Meisterschaften. Die Mannschaft um Schlussmann Senol Günes ist heute legendär.

Günes selbst erweiterte seinen Eintrag in den türkischen Geschichtsbüchern später noch zusätzlich, als er 2002 als Nationaltrainer bei der WM in Japan und Südkorea Platz drei erreichte. Den türkischen Pokal konnte Trabzon gleich acht Mal gewinnen, zuletzt 2010.

Trabzon-Spieler im Herzen des Fußballs

Auch in den 90ern war der Klub fast durchgehend unter den Topteams der Liga vertreten, Klublegenden wie Hami Mandirali, Abdullah Ercan oder Ogün Temizkanoglu formten eine stets konkurrenzfähige, offensivstarke Mannschaft. Trabzon gilt seit jeher als Talentschmiede, als Sprungbrett für höhere Weihen.

Zuletzt schaffte Burak Yilmaz den Durchbruch als Stürmer in der 230.000-Einwohner-Stadt, ging als Torschützenkönig 2012 zu Galatasaray, wird aktuell bei europäischen Spitzenklubs gehandelt. Auch Spielmacher Selcuk Inan, Buraks Kollege in der Nationalmannschaft und bei "Cim Bom", machte zuerst in Trabzon auf sich aufmerksam.

Bemerkenswert: Bei allen drei Istanbuler Großklubs nehmen frühere Trabzon-Akteure wichtige Positionen ein: Neben Selcuk und Burak sind auch Umut Bulut (von 2006 bis 2011 im TS-Trikot) und Engin Baytar (2009-11) feste Bestandteile der Rotation bei Galatasaray, Torwart Tolga Zengin (2002-13) steht bei Besiktas zwischen den Pfosten, und Egemen Korkmaz (2008-11) ist Fixpunkt in der Abwehr von Fenerbahce.

Erfahrung für den Erfolg

Aktuell gehört der Kader mit einem Durchschnittsalter von 26,2 Jahren zu den jüngsten der Süper Lig. Malouda, der 31-jährige Bosingwa, Verteidiger Didier Zokora (32) und Spielmacher Alanzinho (30) bilden das erfahrene Gerüst. Und sie machen Hoffnung, dass Trabzon nicht nur in der Liga, sondern in dieser Saison auch in der Europa League für Furore sorgen.

Dort klappt es sogar richtig gut: Mit zehn Punkten führt Trabzon noch vor Lazio die Gruppe an und kann praktisch für die nächste Runde planen. So soll es weitergehen.

Präsident Ibrahim Haciosmanoglu gibt die Zielrichtung vor: "Wir werden nicht sterben, und wir werden auch nicht kämpfen", spielte der Unternehmer auf eine in der Türkei bekannte, martialische Redensart an, "aber wir werden alles dafür tun, unserem großen Namen gerecht zu werden. Die ganze Welt soll wissen, dass Spiele in Trabzon zu den schwersten gehören."

Trainer Mustafa Akcay betonte erst nach dem Warschau-Spiel: "Meine Spieler haben verinnerlicht, dass sie jeden Tag ihr Bestes für den Verein geben müssen, eine Einheit bilden müssen." Klingt fast wie Jose Mourinho. Bosingwa und Malouda können das bezeugen.

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