Zum König auf Umwegen

Von Fatih Demireli
Freitag, 14.12.2012 | 17:02 Uhr
Galatasarays Burak Yilmaz ist aktuell bester Torschütze der Champions League
© anadolu
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Burak Yilmaz ist mit sechs Toren aktuell bester Torjäger der Champions League - gemeinsam mit Cristiano Ronaldo. Dabei verlief die Karriere des Angreifers nicht immer so berauschend. Als er bereits gescheitert schien, folgte die Wende. Wer ist der Mann, der in drei Jahren 73 Tore erzielt hat?

"Anneeeeeee!"

In diesem Augenblick kannte Burak Yilmaz keine Grenzen für seine Emotionen. Er entledigte sich seines Trikots, suchte sich die nächste Kamera und wendete sich an seine Anne. Seine Mutter. "Anneeeeeee", schrie er so laut, dass die Mikrofone donnerten und krachten.

Süper Lig, 16. Spieltag: Galatasaray - Derby-Sieg oder Krise

Mama Belgin Yilmaz fiel zu Hause vor dem Fernseher in Ohnmacht, als sie die lautstarke Message ihres Sohnes bekam. Eine Woche vorher erlitt er im Ligaspiel gegen Konyaspor eine kleine Gehirnerschütterung.

Sie, die ohnehin nie wollte, dass der Filius Fußballer wird, machte sich Sorgen. Belgin Yilmaz flehte Burak an, dass er das Ligaspiel bei Galatasaray doch sausen lassen solle. "Mama, ich werde nicht spielen. Mach' dir keine Sorgen", sagte er noch am Samstagabend am Telefon, um seine Mutter zu beschwichtigen.

Am nächsten Abend stand er in der ersten Elf, schoss das Siegtor zum 1:0 und hielt Trabzonspor im Rennen um die Meisterschaft. Es war eines von 19 Liga-Toren in jener Saison, die Burak Yilmaz erstmals wieder in den Fokus rücken ließen. Nachdem er 2012 32 Treffer nachlegte und inzwischen auch schon wieder neun Mal genetzt hat, ist er längst die unumstrittene Nummer eins der türkischen Stürmergemeinde.

"Ich will gar nicht Torschützenkönig werden"

International weit bedeutender sind aber die sechs Tore, die Burak in der laufenden Champions-League-Saison erzielte. Damit ist er gemeinsam mit Real Madrids Superstar Cristiano Ronaldo Führender der exklusivsten Torjägerliste Europas. Noch vor Lionel Messi, Robin van Persie, Robert Lewandowski und Co.

Der Angreifer hängt seinen steilen Aufstieg in Europas Stürmer-Elite aber nicht an die große Glocke: "Ehrlich gesagt habe ich mir nicht zum Ziel gesetzt, Torschützenkönig zu werden. Ich will mit meinen Toren der Mannschaft helfen. Aber eigentlich würde ich gerne auch mal ein Tor auflegen."

Eine Aufgabe, die Burak zumindest früher innehatte. Der Angreifer mit der beeindruckenden Torausbeute von 73 Toren in 86 Pflichtspielen in den letzten drei Jahren war nicht immer Stürmer, sondern ab der Jugendzeit bis weit in die Profijahre hinein ein klassischer Außenspieler, der über seine Lauf- und Zweikampffreudigkeit kam.

Im Alter von 18 Jahren debütierte er bei Antalyaspor in der Süper Lig. Dass er überhaupt so weit kam, hatte sich Burak in seiner Jugend allerdings nicht erträumt. Obwohl er in allen U-Nationalmannschaften eine feste Größe darstellte, war er einer von wenigen Spielern, die keinen Profi-Vertrag besaßen.

Ewiger Gefährte: Selcuk Inan

Dieses Schicksal teilte er mit Selcuk Inan, mit dem sich seine Wege erstmals in der U 17 kreuzten.

Das seitdem eng befreundete Duo bildet heute das gefährlichste und bestfunktionierende Paar des türkischen Fußballs seit Hakan Sükür und Arif Erdem, das Galatasaray unter anderem zum UEFA-Pokalsieg 2000 verhalfen.

Dass Burak sowohl bei Manisaspor, als auch bei Trabzonspor und jetzt bei Galatasaray den Beinamen König bekam, ist auch ein großer Verdienst seines Hintermanns Selcuk, der jeden Laufweg seines Bruders im Geiste blind kennt und zu unzähligen Toren aufgelegt hat.

Die Verbundenheit entwickelte sich womöglich auch, weil sie erst einmal nur Leidensgenossen waren. "Ich dachte mir damals, dass ich nie eine Chance auf einen Profivertrag habe, wenn schon ein so großes Talent wie Selcuk keinen Vertrag bekommt", erzählte Burak.

Ähnlich waren die Gedankengänge Selcuks. Er schmunzelt, wenn er erzählt, dass "ich mir dachte, dass ich keine Chance auf einen Vertrag habe, wenn schon eine Rakete wie Burak keinen Vertrag bekommt". Oft saßen sie zusammen und überlegten, wie es weitergehen könnte.

Eines Abends saß Burak mit seiner Mutter vor dem Fernseher und sah sich die Zusammenfassungen der Ligaspiele auf "TRT" an. Als er bei einer Eckenausführung plötzlich Selcuk am Ball sah, erschreckte sich Burak und griff sofort zum Telefon. "Bruder, ich wollte gar nicht spielen, der Trainer hat mich gezwungen", versuchte Selcuk seinen Kumpel zu beruhigen.

Aragones und Daum finden keine Verwendung

Zur Freude Buraks folgte sein Debüt in der 1. Liga nicht allzu lang später im Trikot von Antalyaspor. Drei Jahre lang war einer der begehrtesten Spieler der Liga, Besiktas benötigte drei Spielzeiten, um ihn endlich loszueisen und nach Istanbul holen zu können.

Neben seines Daseins als großes Talent war er in der Weltmetropole aber vor allem ein gefundenes Fressen für den Boulevard: Das extravagante Auftreten, die ständigen Gerüchte um neue Sternchen der Istanbuler Model-Welt und teure Autos beherrschten die Schlagzeilen.

Als in der zweiten Saison bei Besiktas mehr Schlagzeilen als Einsätze verbucht wurden, hatte man beim kriselnden Top-Klub keine Geduld mehr und schob Burak erst als Leih-, später als Tauschobjekt zu Manisaspor ab. Dort fand er wieder zu sich, schoss neun Tore und landete nur ein halbes Jahr später bei Fenerbahce.

"Diesmal will ich es wissen, ich konzentriere mich nur auf den Fußball und will hier Meister werden", sagte Burak. Doch Luis Aragones fand irgendwie keine Verwendung für den jungen Mann, den er nicht kannte und sporadisch mal einwechselte. Auch Aragones-Nachfolger Christoph Daum wurde nicht zum Burak-Fan. Und wieder ging es in die Provinz, diesmal zu Eskisehirspor, wo er abermals nicht lange blieb.

Trabzonspor fand in Fenerbahce einen Abnehmer für Gökhan Ünal. Als Tauschobjekt diente Burak, der in Eskisehir geparkt wurde. Ein Wechsel der eher zufälligen Art avancierte zum Glücksfall für das einstige Top-Talent, das kurz vor dem Scheitern stand.

Hiddink macht ihn zum Stürmer

Unter Senol Günes reifte Burak zu einem echten Profi, spielte konstant auf hohem Niveau. Wie es das Schicksal wollte, gastierte Burak mit Trabzon am letzten Spieltag der Saison 2009/2010 bei Fenerbahce. Die Istanbuler feierten schon vor dem Anpfiff die Meisterschaft, die im Idealfall sogar bei einem Remis an Fenerbahce gegangen wäre. Aber ausgerechnet Burak war es, der mit einem sehenswerten Treffer Trabzon in Führung schoss und Fenerbahce zur absoluten Panik verleitete. Das Spiel endete Remis, Meister wurde Bursa und Burak, der in Istanbul links gelassen wurde, hatte seine Genugtuung.

19 Ligatore schoss er in der Folgesaison: Viel wichtiger war aber der Wandel zur echten Sturmspitze, den vor allem Guus Hiddink in der Nationalmannschaft forciert hatte. 82 Punkte sammelte Trabzonspor und wurde nur nicht Meister, weil das punktgleiche Fenerbahce den direkten Vergleich für sich entschieden hatte.

Nach dieser Saison verließen viele Stammspieler den Schwarzmeer-Klub: auch Burak-Freund Selcuk Inan folgte dem Ruf Fatih Terims zu Galatasaray. Burak blieb - und stellte mit nunmehr 32 Saisontoren den Beweis an, dass er auch ohne seinen kongenialen Partner funktionieren kann. Längst war Burak im Visier vieler Klubs - und das europaweit.

Interesse vom BVB

Borussia Dortmund beschäftigte sich mit Burak als Nachfolger für Lucas Barrios. Michael Zorc bestätigte, dass man den Türken auf dem Zettel hatte. Für Lazio Rom war er der perfekte Partner für Miroslav Klose, das Rennen schien aber Lokomotive Moskau gemacht zu haben, das Burak ein sattes Gehalt angeboten hatte. Als der Angreifer schon im Trainingslager der Russen weilte, klopfte es nachts an der Hoteltür.

Abdurrahim Albayrak, Vorstandsmitglied bei Galatasaray, forderte Burak auf, seine Sachen zu packen und ihn nach Österreich zu begleiten, wo der türkische Meister gerade sein Trainingslager abhielt. In einer Nacht- und Nebelaktion wurde Burak Galatasaray-Spieler. Die festgeschriebene Ablösesumme von fünf Millionen Euro hinterlegte man beim Verband, weil sich Trabzonspor - trotz wasserdichter Klausel - querstellte.

"Er hat immer gesagt, dass er nach Europa will. Weit ist er nicht gekommen", sagte Trabzonspors Präsident Sadri Sener. Der Transfer sorgte für einen Bruch zwischen den Klubs. Burak dagegen ist glücklich, wieder vereint zu sein: mit Selcuk, aber auch mit Fatih Terim, der ihn als 19-Jährigen zum Nationalspieler machte.

Die wichtigste Aufgabe

"Bei ihm fühle ich mich gut aufgehoben. Ich hatte immer das Ziel, zu einem Top-Klub in Europa zu gehen. Jetzt bin ich hier und an der Spitze angelangt", sagt Burak, der nach seinen starken Aufritten in der Champions League zuletzt wieder mit Klubs wie Atletico Madrid in Verbindung gebracht wurde.

Bei Galatasaray ist er längst Publikumsliebling und Hoffnungsträger zugleich. Viele hoffen, dass endlich wieder ein Stürmer nachhaltig in die Fußstapfen der Klub-Legende Hakan Sükür treten kann.

Der Anfang ist gemacht, wobei Burak eine Aufgabe vorher noch zu erledigen hat: Ein Tor im Derby gegen Fenerbahce am Sonntag. Erst dann wird er - so befiehlt es ein ungeschriebenes Gesetz - ein echter Galatasarayaner.

Burak Yilmaz' Torbilanz

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