Roberto Hilbert im Interview

"Das ist eine absolute Katastrophe"

Von Interview: Fatih Demireli
Freitag, 20.07.2012 | 19:26 Uhr
Roberto Hilbert spielt seit 2010 für Besiktas
© anadolu
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Roberto Hilbert erlebt bei Besiktas ein Wechselbad der Gefühle. Der Istanbuler Spitzenklub hat einen neuen Trainer, eine völlig neue Mannschaft, viele Stars sind weg und dazu wurde der Klub aus dem Europapokal ausgeschlossen. Hilbert ist als Sieger aus der Situation hervorgegangen und neuer Führungsspieler. Im SPOX-Interview spricht er über seine neue Rolle und den ausgebootenen Fabian Ernst.

SPOX: Roberto Hilbert, Sie haben nach dem Urlaub ein neues Besiktas vorgefunden. Neuer Trainer, neues Funktionsteam, viele neue Mitspieler. Hat Sie dieser krasse Umbruch in der kurzen Zeit überrascht?

Roberto Hilbert: Ja. Es war sehr ungewohnt. Viele alte Gesichter waren nicht mehr da, stattdessen sind in der Mannschaft plötzlich viele junge Spieler. Ich bin nach Ugur Boral und Ibrahim Toraman der drittälteste Spieler in der Mannschaft - das ist auch für mich eine völlig neue Erfahrung.

SPOX: Trainer Samet Aybaba ist ein früherer Besiktas-Spieler, der sehr überraschend ins Amt berufen wurde. Kanntes Sie ihn vorher überhaupt?

Hilbert: Vom Hörensagen. Nachdem ich wusste, dass er Trainer wird, habe ich mir natürlich ein paar Informationen über ihn eingeholt. Der erste Eindruck ist sehr positiv. Er ist sehr nett, was mir aber besonders gefällt ist, dass er sehr auf Disziplin setzt und der Mannschaft eine Hierarchie und eine Struktur verpassen will.

SPOX: In der neuen Hierarchie haben Sie künftig einen anderen Stellenwert. Viele Spieler sind gegangen, die früher eine Führungsrolle innehatten. Sind jetzt Sie als Leader gefragt?

Hilbert: Wenn man sieht, welche Kaliber wir im Kader hatten und welche immer wieder dazukamen und wie es jetzt aussieht, ist es natürlich eine neue Situation - auch für mich. Ich will diese Führungsspieler-Rolle annehmen. Es macht mich stolz, dass der Klub, der Trainer und die Fans honorieren, was ich hier bei Besiktas gezeigt habe. Ich bin einer von wenigen Ausländern, auf die der Klub weiter setzt. Das spricht für meine Arbeit.

SPOX: Es wird spekuliert, dass Sie in die Kapitänsriege stoßen könnten.

Roberto Hilbert bei Facebook

Hilbert: Ich habe in der Vergangenheit immer Verantwortung übernommen - ohne im Mannschaftsrat oder dergleichen zu sein. Ich war noch nie Kapitän, habe aber überall große Wertschätzung genossen. Wenn der Trainer mich in dieser Rolle sieht, bin ich bereit.

SPOX: Sie sind auch als Integrationshelfer gefragt - zum Beispiel für Olcay Sahan, der neu aus Kaiserslautern gekommen ist. Inwiefern sind Sie Ansprechpartner für Ihn?

Hilbert: Mit Olcay habe ich mich vom ersten Tag an sehr gut verstanden. Es hat sich ja angeboten, weil wir die gleiche Sprache sprechen. Das gehört sicherlich auch zu den Aufgaben eines Führungsspielers, neuen Spielern zu helfen und ihnen das Gefühl zu geben, dass sie dazu gehören.

SPOX: Nicht mit dabei ist Fabian Ernst, dem nahegelegt wurde, den Klub zu verlassen. Die Fans gingen auf die Barrikaden. Wie sehen Sie diese Entscheidung?

Hilbert: Für mich persönlich ist es sehr schade, weil ich mich mit ihm sehr gut verstehe. Letztlich ist es aber die Entscheidung des Klubs und des Trainers, die wir zu akzeptieren haben, ohne es großartig zu kommentieren.

SPOX: Hatten Sie Kontakt zu Ernst, nachdem die Entscheidung feststand?

Hilbert: Ja, natürlich tauscht man sich aus und spricht darüber. Wir hatten erst kurz vor dem Trainingsauftakt wieder gesprochen.

SPOX: Der Aderlass ist sehr groß. Neben Ernst sind Rüstü Recber, Mehmet Aurelio, Egemen Korkmaz, Ekrem Dag und Simao weg. Auch Quaresma darf gehen. Macht Ihnen der Qualitätsverlust Sorgen?

Hilbert: Es ist sicherlich ein Unterschied zu den vergangenen Jahren. Wir stehen alle vor einer neuen Aufgabe und wir müssen diese nehmen, wie sie ist. Gemessen an der Qualität, die wir in den letzten beiden Jahren in der Mannschaft hatten, kam zu wenig heraus. Von daher ist der Umbruch vielleicht auch genau das, was der Verein gebraucht hat. Wir müssen das positiv sehen.

SPOX: Gab es bei Ihnen Gedankenspiele, den Klub ebenfalls zu verlassen?

Hilbert: Nein, das war kein Thema. Es gibt immer Spekulationen - zuletzt auch wieder, aber ich fühle mich in Istanbul sehr wohl und habe noch ein Jahr Vertrag. Jetzt habe ich noch eine neue Rolle, die ich sehr gerne ausfülle.

SPOX: Stimmt es, dass Sie der Vorstand darum gebeten hat, eine Gehaltskürzung zu akzeptieren?

Hilbert: Das sind Dinge, die ich mit dem Verein bespreche. Das ist nichts für die Öffentlichkeit.

SPOX: Wie schwer traf Sie der Ausschluss von Besiktas aus dem Europapokal wegen Verstößen gegen die Bedingungen der UEFA-Lizenzierung und des Financial Fairplay?

Hilbert: Für mich persönlich ist es eine absolute Katastrophe. Ich bin es gewohnt, Europapokal zu spielen und nun müssen wir vor dem Fernseher sitzen. Wir hatten Hoffnung, dass der CAS anders entscheidet, weil Bursaspors Einspruch erfolgreich war. Ich hatte gehofft, dass unser Vorstand den CAS überzeugen kann, dass sie für die Situation nichts können. Es sollte aber nicht sein.

SPOX: Ist es vielleicht ein Vorteil, sich in der schwierigen Phase des Umbruchs nur auf einen Wettbewerb zu konzentrieren?

Hilbert: Eigentlich kann ich nichts Schönes daran finden (lacht). Zum Einstieg ist es für die jungen Spieler vielleicht ein Vorteil, aber für alle Beteiligten im Klub ist es sehr bitter.

SPOX: Die Meisterschaft ist bei Besiktas immer das selbstverständliche Ziel. Gilt das in dieser Situation weiterhin?

Hilbert: Wir sind ein großer Klub, ein Traditionsklub und wir müssen immer diese Mentalität im Kopf haben, dass wir vorne mitspielen wollen. Gerade jetzt müssen wir zeigen, dass wir trotz vieler Abgänge die Qualität dafür haben. Die Älteren haben diese Denke und auch die jungen Spieler sind heiß. Aber wir wissen auch, dass wir im Umbruch stecken, dass wir richtig hart arbeiten müssen und es nicht einfach wird.

SPOX: In der neuen Saison werden wohl keine Playoffs mehr gespielt. Begrüßen Sie die Rückkehr zum normalen Modus?

Hilbert: Die Türkei hat Potenzial, eine noch bessere Liga zu werden: noch attraktiver für Fans, aber auch für Spieler aus dem Ausland. Man will dahin kommen, wo Italien, England, Spanien und Deutschland sind. Die Bundesliga gibt es jetzt 50 Jahre und man sieht, dass das normale Ligasystem super funktioniert. Die Playoffs waren eine sehr gute Erfahrung, aber man sollte zum alten System zurückkehren - wie eben in den großen Ligen.

Der Besiktas-Kader im Überblick

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