Manipulationsskandal: Rettung statt Bestrafung

Die Ignoranz der Gerechtigkeit

Von Fatih Demireli
Dienstag, 01.05.2012 | 13:50 Uhr
Betretene Gesichter nach der Verkündung: TFF-Präsident Yildirim Demirören (2. v. r.)
© anadolu
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Zehn Monate benötigte der türkische Fußballverband, um festzustellen, ob in der Süper Lig manipuliert wurde oder nicht. Eine ausführliche Untersuchung einer eigens eingerichteten "Ethik-Komission" und die tagelange Begutachtung des Berichts von Seiten der Verbandsspitze brachte TFF-Boss Yildirim Demirören zu folgendem Schluss: Es gab keine Manipulationen auf dem Platz. Nun kommt die UEFA ins Spiel.

Yildirim Demirören verzog sein Gesicht, wechselte seinen Gemütszustand innerhalb weniger Sekunden von leicht ungehalten auf ganz schön grimmig. Hätte es der Tontechniker auch beim dritten Versuch nicht geschafft, die Mikrofone im Konferenzraum des Gloria Golf Hotels in Antalya endlich einzurichten, ohne ein ohrenbetäubendes Piepen zu produzieren, hätte Demirören wohl selbst Hand angelegt.

Beim dritten Versuch klappte es dann, der heftig schwitzende Tontechniker war gerettet, Verbandspräsident Demirören konnte mit seinen Ausführungen, auf die man in der Türkei seit zehn Monaten wartet, endlich beginnen.

Doch erst einmal wurden die Zuhörer auf die Folter gespannt, denn Demirören erzählte von den Vorbereitungen auf die U-19-Europameisterschaft der Frauen und auf die U-20-WM im Jahr 2013. Beide Turniere werden in der Türkei ausgetragen und man sei sehr zufrieden mit den Fortschritten.

Der Paragraph 58

Immer noch kein Wort davon, wie sich der türkische Verband entschieden hat, dem größten Skandal der türkischen Sportgeschichte zu begegnen und welche Konsequenzen gezogen wurden.

Denn die Vorwürfe der Istanbuler Staatsanwaltschaft sind nach wie vor gewaltigen Ausmaßes: Mindestens acht Klubs sollen im großen Stil Spiele der Süper Lig manipuliert bzw. den Versuch von Manipulationen unternommen haben.

Des Weiteren sollen in mehreren Fällen Gelder geflossen sein, um Mannschaften anzustiften, Süper-Lig-Spiele zu gewinnen.

Die Statuten des türkischen Verbands, die in Paragraph 58 festgehalten sind, lassen in all diesen Vergehen keine zwei Meinungen zu und fordern den unbedingten Zwangsabstieg jedes beteiligten Klubs sowie mehrjährige bis lebenszeitige Sperren der betroffenen Personen.

Kein 'zwingender Zwangsabstieg' mehr

Just in dem Augenblick, als Demirören auf der Pressekonferenz zum Thema Manipulationsskandal überleitete, veröffentlichte die offizielle Webseite des Verbands eine Meldung, wonach der Verband "Änderungen an den Statuten vorgenommen habe", ohne einen einzigen Hinweis darauf zu geben, welcher der 107 Paragraphen und ihrer unzähligen Unterparagraphen betroffen war.

Dies herauszufinden war keine Kunst, denn schon seit Wochen ist klar: Der Verband will den Paragraphen 58 kippen und so kam es dann auch: Das nun modifizierte Statut besagt immer noch im Falle einer Manipulation einen Zwangsabstieg, sieht nun aber je nach Schwere des Vergehens optional eine Staffelung mit Punktabzügen und/oder Geldstrafen vor.

Der Verbandsvorstand überstellte sage und schreibe 16 Klubs dem Disziplinar-Ausschuss des Verbands, der nun auf Basis der neuen Statuten Entscheidungen treffen soll. Bis auf Bursaspor und Gaziantepspor sind es alle Klubs der vergangenen Süper-Lig-Saison, darunter alle Istanbuler Klubs und Trabzonspor. Dass selbst Galatasaray mit dabei ist, sorgte für große Verwunderung.

Gibt es überhaupt noch Strafen?

Demirören erklärt: "Wir haben auch Klubs überstellt, die gar nicht im Bericht der Ethik-Komission auftauchten, aber unsere Institutionen sollen die Möglichkeit bekommen, selbst zu entscheiden."

Innerhalb einer Woche, womöglich aber schon viel früher, soll nun der Disziplinar-Ausschuss entscheiden, welche Klubs welche Strafen bekommen. Doch spätestens seit Montagvormittag ist die Frage berechtigt, ob es überhaupt noch dazu kommen wird.

Denn auch wenn Demirören auf "Unabhängigkeit des Ausschusses" besteht, sprach der Verbandsboss selbst davon, dass "Manipulationen sich nicht auf die Spiele ausgewirkt haben" und er davon ausgehe, dass die betroffenen Klubs "allesamt schuldlos" sind.

Die Ethik-Komission, die monatelang alle Dokumente und die Anklageschrift der Istanbuler Staatsanwaltschaft untersucht sowie die Aussagen aller Beteiligten eingeholt hatte, soll nach Medienberichten klar formuliert haben, dass beispielsweise Fenerbahce in vier Spielen Manipulation nachgewiesen wurde. Fener, aber auch andere Klubs, werden in unzähligen Fällen weitere Vergehen vorgeworfen, die drastische Strafen zu Folge haben müssten.

Auftrag: Dem Spuk ein Ende bereiten

Dennoch wählt der Verband nun den anderen Weg: Befreiung statt Bestrafung. Demirören, der auf Geheiß fast aller Klubs im März die Nachfolge von Mehmet Ali Aydinlar antrat, dafür sogar seinen Job als Besiktas-Präsident niederlegte, um den Spuk "Manipulationsskandal" ein Ende zu bereiten, fokussierte sich ausschließlich darauf, auch im Falle bewiesener Vergehen, verhältnismäßig straflos alle Angeklagten davon kommen zu lassen.

Viele Klubs befürchten den finanziellen Kollaps des türkischen Fußballs, sollten Klubs wie Fenerbahce in die 2. Liga abwandern müssen. Auch der Pay-TV-Sender LigTV, der jährlich mehr als 420 Millionen Dollar in die Liga pumpt und freilich sehr einflussreich ist, äußerte hinter den Kulissen immer wieder seine Befürchtungen, sollte es zu einem groß angelegten Zwangsabstieg kommen und so womöglich die Abonennten in Scharen kündigen.

Doch genau dies passierte schon zu Beginn der Saison, als am 3. Juli der Manipulationsskandal aufgedeckt worden war und schon damals Versuche gestartet wurden, die Vorwürfe unter den Teppich zu kehren.

Einen Tag nach der Verlautbarung des Verbandes gingen bei LigTV offenbar über 18.000 weitere Kündigungen ein.

Politik mischt sich ein

Über dem Verband schwebt vor allem das Damoklesschwert der politischen Intervention. Premier Minister Recep Tayyip Erdogan erklärt immer wieder, dass die betroffenen Klubs ungestraft davon kommen sollten, dafür die handelnden Personen die Konsequenzen tragen sollten. Dies teilte Erdogan auch in einem Gespräch UEFA-Präsident Michel Platini mit, stieß aber nicht auf offenen Ohren. "Das ist nicht die Vorgehensweise der UEFA", ließ der Franzose wissen.

Der europäische Fußballverband wird in den nächsten Wochen eine ganz entscheidende Rolle in der Türkei spielen. Vielmehr ist er bei den Gegnern der Demirören-Fraktion der große Hoffnungsträger. Denn die UEFA legt dem türkischen Fußballverband in aller Regelmäßigkeit nahe, in Sachen Manipulationen rigoros durchzugreifen und kein Pardon zu gewähren.

UEFA-Generalsekretär Gianni Infantino erklärte erst bei der UEFA-Generalversammlung im März, die ausgerechnet in Istanbul stattfand, dass es "klare Beweise" gebe und der türkische Verband handeln müsse. Alleine aus diesem Grund wurde Fenerbahce die Teilnahme an der Champions League untersagt.

Die große Gefahr: Ausschluss auf Jahre

Schon Demirören-Vorgänger Aydinlar scheiterte mit dem Versuch, Paragraph 58 zu kippen und mögliche Strafen abzumildern und sagt deswegen heute: "Es ist ein Witz, wie der Verband entschieden hat. Wir sind mit diesem Vorgehen bei der UEFA nicht durchgekommen. Sie werden es auch nicht."

Demirören selbst gab am Montag offen zu, mit der UEFA noch gar nicht gesprochen zu haben: "Das werden wir jetzt nachholen." Sollte der Disziplinar-Ausschuss keine angemessenen Strafen aussprechen, drohen nicht nur den betroffenen Klubs, sondern dem gesamten türkischen Fußball der Ausschluss aus allen Wettbewerben - und das für mehrere Jahre.

Genau dies ruft Galatasaray, das gemeinsam mit Bursaspor die größte Opposition für die Vorgehensweise des türkischen Verbands darstellt, auf den Plan. In einer scharfen Pressemitteilung forderte die Klub-Führung Galatasarays den Rücktritt der gesamten Verbandsspitze auf.

"Die Entscheidungen des Verbands sind eine Beleidigung für die Intelligenz der türkischen Öffentlichkeit sowie eine Ignoranz der Gerechtigkeit. Der Verband hat den gesamten türkischen Fußball einer großen Gefahr unterstellt und muss nach unserer Ansicht unbedingt zurücktreten!"

Trabzonspor will gerichtlich gegen den Verband vorgehen und zieht die Demirören-Führung in die Verantwortung, "sollte es zu gesellschaftlichen Reaktionen" auf den Straßen kommen. Zweitligist Altay, eines der größten Traditionsvereine der Türkei, erwägt sogar einen kompletten Rückzug. Das Chaos geht weiter.

Der türkische Fußball-Verband im Profil

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