Galatasaray gegen Fenerbahce

Derby jenseits der Bankrotterklärung

Von Fatih Demireli
Mittwoch, 07.12.2011 | 11:01 Uhr
Im Istanbuler Stadtderby trifft der Zweite auf den Ersten, doch der Sport steht diesmal im Hintergrund
© Getty
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Zum 368. Mal in der Geschichte des türkischen Fußballs stehen sich Galatasaray und Fenerbahce (18.30 Uhr im LIVE-TICKER) im Istanbuler Derby gegenüber. Doch noch nie war das Aufeinandertreffen der Erzrivalen sportlich so nebensächlich wie jetzt. Die Anklageschrift zum Manipulationsskandal hat das Duell Erster gegen Zweiter in den Schatten gestellt. Denn nicht nur Fenerbahce, sondern die gesamte Liga steht vor einer schweren Zukunft. Alle Fragen und Antworten.

Wie ist der Stand im Manipulationsskandal?

Das seit dem 3. Juli 2011 andauernde Chaos im türkischen Fußball hat am Samstag eine neue Wendung bekommen. Der Istanbuler Staatsanwalt Mehmet Berk übersendete die 401 Seiten starke Anklageschrift dem 16. Istanbuler Strafgericht. 93 Personen und acht Klubs werden beschuldigt, an Spielmanipulationen beteiligt gewesen zu sein. 31 dieser Personen sitzen in Haft.

Istanbul-Derby im Live-Stream: Gala - Fener - sei live dabei!

Sollte das Gericht der Anklage stattgeben, kommt es zum Prozess. Diese Entscheidung muss innerhalb der nächsten zwei Wochen erfolgen. Bis auf Weiteres haben alle Personen, gegen die Anklage erhoben wurde, das absolute Verbot, Sportanlagen zu betreten, d.h. dass beispielsweise die 14 Süper-Lig-Spieler, die verdächtigt werden, nicht einmal am Trainingsbetrieb ihrer Mannschaften teilnehmen dürfen.

Einen Tag vor der Verkündung der Anklageschrift setzte es einen herben Rückschlag für die Beschuldigten: Der türkische Präsident Abdullah Gül legte gegen eine Gesetzänderung, die geringere Strafen für Manipulationen im Sport vorgesehen hatte, sein Veto ein. Viele erhofften sich durch dieses Gesetz sogar die Freilassung vieler Verhafteter, aber der Zustimmung des Parlaments folgte nicht die nötige Zustimmung des Präsidenten. Gül begründete sein Veto mit dem Verdacht, dass die Änderung auf bestimmte Personen zugeschnitten worden sei.

Wer sind die Protagonisten?

Als Hauptverdächtige wurde Anklage gegen Olgun Peker, dem ehemaligen Präsidenten des Zweitligisten Giresunspor, sowie Fenerbahce-Präsident Aziz Yildirim erhoben. Letzterem wird neben der Gründung einer Bande in sechs Fällen Betrug, in vier Fällen Manipulation und in drei Fällen Anstiftung vorgeworfen. Die Staatsanwaltschaft fordert eine Haftstrafe zwischen 45 und 114 Jahren.

Peker wird sogar eine Gründung einer bewaffneten Organisation vorgeworfen. Wie Yildirim und Peker sind auch Besiktas-Vorstandsmitglied Serdal Adali, Besiktas-Trainer Tayfur Havutcu, Sivasspor-Präsident Mecun Odyakmaz, die Profis Iskender Alin, Ibrahim Akin (beide Büyüksehir), Korcan Celikay (Sivasspor) und viele andere weiter in Haft.

Auch gegen den aktuellen Vizepräsidenten des türkischen Verbands, Göksel Gümüsdag, wurde Anklage erhoben. Fast schon zynisch erscheint da ein Interview, das die "Hürriyet" vor zwei Wochen führte. "Die Süper Lig wird in zwei Jahren die sauberste Liga der Welt", sagte Gümüsdag. Jetzt ist er mittendrin.

In der Anklageschrift wurden zudem acht Klubs genannt, die an Spielmanipulationen teilgenommen haben sollen: Fenerbahce, Besiktas, Trabzonspor, Mersin Idman Yurdu, Manisaspor, Sivasspor, Istanbul Büyüksehir Belediye Spor und Giresunspor. Ihnen droht schlimmstenfalls der Zwangsabstieg.

Wie reagiert die Liga?

Der türkische Verband bleibt weiter in seiner passiven Rolle. Die Verkündung vom August, wonach man - sollten sich die Vorwürfe bestätigen - erst zum Saisonende Sanktionen aussprechen will, steht nach wie vor. Allerdings steht der Verband unter gehörigem Druck der Medien, aber auch von Seiten der Staatsanwaltschaft und insbesondere der Politik, die eine sehr aktive Rolle eingenommen hat.

Das Veto des Präsidenten Gül war ein deutlicher Wink, der über die Regierung bis zu den Klubs ihre Wirkung nicht verfehlte. Klubpräsidenten, die sich für mildere Strafen ausgesprochen hatten, begrüßen plötzlich die Entscheidung aus Ankara.

Eine besondere Rolle nimmt Galatasaray ein. Die Gelb-Roten sind quasi der einzige Top-Klub, gegen den nicht ermittelt wird. Aus dieser Position betreiben die Klub-Verantwortlichen eine eigene Politik, die gegen den Strom der Liga schwimmt. Deutliche Worte fand Vizepräsident Adnan Öztürk nach Bekanntgabe der Anklageschrift: "Die Liga hat ihren Bankrott erklärt. In dieser Saison kann es nur noch darum gehen, welche Klubs in den Europapokal einziehen."

Solidarisch zeigen sich indes einige Beschuldigte. "114 Jahre Haft für Aziz Yildirim? Wenn Sie jemanden in diesem Land töten, kriegen Sie nur ein Bruchteil davon", sagt Trabzonspors Präsident Sadri Sener. Auch gegen ihn wird wegen Anstiftung der Fener-Gegner ermittelt.

Galatasaray vs. Fenerbahce - Teil I:

Der Sport ist Nebensache: Der eigentliche Kampf der beiden Duellanten zeichnet sich hinter den Kulissen ab. Aus dem Fenerbahce-Lager wurden zuletzt auffällig viele kritische Töne in Richtung des Erzrivalen und seiner Abgesandten laut. So vermutet Fenerbahce hinter dem Ausschluss aus der Champions League mit Lütfi Aribogan und Prof. Dr. Ilhan Helvaci zwei Vorstandsmitglieder des Verbands als Drahtzieher. Beide sind für ihre Nähe zu Galatasaray bekannt.

Als die UEFA wenige Tage vor der Champions-League-Auslosung ihren Abgesandten Pierre Cornu an den Bosporus schickte, um Informationen einzuholen, sollen Aribogan und Helvaci Fenerbahce für schuldig erklärt haben. Der Klub hat beim internationalen Sportgerichtshof CAS längst Klage gegen Verband und UEFA eingereicht.

Verbandspräsident Mehmet Ali Aydinlar, bekennender Fenerbahce-Fan und ehemaliger Sponsor und Vorstandsmitglied des Klubs, ließ am Sonntag die Katze aus dem Sack: "Den Ausschluss aus der Champions League wollte Nihat Özdemir (Fener-Vizepräsident, Anm. d. Red.)". Ein Dementi gab es noch nicht. Und das letzte Wort ist auch noch nicht gesprochen worden.

Galatasaray vs. Fenerbahce - Teil II:

Jenseits des Trubels im türkischen Fußball stehen sich Galatasaray und Fenerbahce in der Türk-Telekom-Arena gegenüber. Damit es zu keinen Ausschreitungen kommt, haben die Klubs schon vorsorglich einen Pakt geschlossen, dass Besiktas, Fenerbahce, Galatasaray und Trabzonspor in den direkten Duellen keine Fangruppen mitnehmen dürfen.

Doch am Samstag ist das letzte Stückchen Fußball-Freude in Istanbul verloren gegangen. "Wie kann man dieses Derby und alle anderen Spiele spielen lassen, wenn acht Klubs angeklagt werden?", schimpft Ex-FIFA-Schiedsrichter Ahmet Cakar. "Macht zwei Monate Pause und schaut erst einmal, wie es weitergeht", so Cakar weiter. Die Rufe blieben unerhört.

"Wir können nur alles geben und weiter gewinnen. Dann vergisst man auch alle Sorgen", sagt Fenerbahces Torhüter Volkan Demirel. Auch Galatasaray-Trainer Fatih Terim versucht dem Ganzen nur einen sportlichen Aspekt abzugewinnen: "Wir sind dicht zusammen. Der Gewinner ist Tabellenführer. Das ist nicht unwichtig." Und dennoch droht der Manipulationsskandal die Stimmung im Stadion zu drücken.

Galatasaray-Präsident Ünal Aysal will davon nichts wissen: "Es soll ein Fest werden und wir werden unsere Freunde von Fenerbahce gastfreundlich empfangen." Ein kleiner Hauch von Normalität...

Die Süper Lig im Überblick

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