Die Türkei nach dem Hiddink-Aus

Der nächste Neuanfang

Von Fatih Demireli
Donnerstag, 17.11.2011 | 19:17 Uhr
Abdullah Avci ist neuer Trainer der türkischen Nationalmannschaft
© tff
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Nach dem peinlichen Aus in den Playoffs zur EURO 2012 gegen Kroatien hat der türkische Verband die Konsequenzen gezogen und Guus Hiddink vorzeitig aus seinem Vertrag entlassen. Nun soll es der Shootingstar der türkischen Trainerszene richten, doch Abdullah Avci wird alleine den türkischen Fußball nicht retten können. Zumal die Sorgen der Türken größeres Ausmaß haben.

Der 17. November 2011 sollte ein entscheidender Tag für den türkischen Fußball werden. Er hätte sogar den Einzug der Nationalmannschaft zur EURO 2012 in den Schatten gestellt, hätten es die Schützlinge von Guus Hiddink ohnehin nicht schon beim 0:3 im Hinspiel gegen Kroatien dermaßen vermasselt, dass das 0:0 im Rückspiel trotz guter Leistung zum lästigen Pflichtauftritt verkam.

An diesem 17. November, so hieß es, sollte die Istanbuler Staatsanwaltschaft die Anklageschrift bezüglich des Manipulationsskandals, der die Türkei am 3. Juli heimgesucht hatte, verlesen. Dies hätte zu Folge, dass der türkische Fußballverband Gewissheit hätte, fehlte ihr bisher doch ausreichende Akteneinsicht, um entscheidend gegen die Verdächtigen zu handeln.

Abfindung für Hiddink

Mit der Verlesung könnte der Verband, wie Anfang August vermeldet, die Betroffenen sanktionieren. Fenerbahce, Sivasspor und Mersin Idman Yurdu müssten zwangsabsteigen, hieß es zuletzt aus diversen Kreisen. Am 17. November, also am Donnerstag, sollte es dazu die entsprechende Verkündung geben, aber dass nichts kam, war fast schon zu erwarten. Dem Verband kam die erneute Verzögerung sogar ganz gelegen, konnte er so in Ruhe sportlich einiges gerade rücken.

Guus Hiddink wurde - wenig überraschend - am Mittwoch entlassen, der bis 2012 datierte Vertrag gegen eine siebenstellige Abfindung vorzeitig gelöst. Bevor der Niederländer seinen Dienst quittierte, stand sein Nachfolger quasi schon fest.

Avci bis 2015

Dazu war auch der Wink aus der Politik nicht wirklich nötig: "Ich wünsche mir, dass ein junger und ambitionierter türkischer Trainer die Nationalmannschaft übernimmt", sagte Sportminister Suat Kilic. Vorauseilend gehorsam, aber auch sportlich nachvollziehbar, wurde Abdullah Avci, bisher Trainer von Istanbul Büyüksehir Belediye Spor, bis 2015 unter Vertrag genommen.

"Es beginnt ein neuer Abschnitt im türkischen Fußball. Es ist für uns Neuanfang", sagt Verbandspräsident Mehmet Ali Aydinlar. Es ist der x-te Neuanfang innerhalb kürzester Zeit. Wie schon zuvor werden die Fragezeichen und Probleme aber dadurch nicht weniger, denn das Dilemma des türkischen Fußballs nur an Hiddink festzumachen, der nach seinem Intermezzo in den 80er Jahren bei Fenerbahce nun schon ein zweites Mal in der Türkei entlassen wurde, wäre zu einfach.

Hiddink: Keine EM, später Umbruch

Dabei hat der Trainer-Guru durchaus seinen Anteil daran, dass erstmals ein EM-Halbfinalist sich für das nächste Turnier nicht qualifizieren konnte. Hiddink, der mit Grundgehalt und Sponsorengeldern auf ein Jahresgehalt von acht Millionen Euro kam, konnte den Erwartungen nie entsprechen. "Unser Ziel war es, die EURO 2012 zu erreichen und die Mannschaft zu verjüngen", sagte Hiddink einen Tag vor seiner Entlassung. Ziel eins klappte nicht, Ziel zwei mit Abstrichen. Denn Hiddink begann mit der Verjüngungskur viel zu spät und auch nur als Reaktion auf die schwachen Ergebnisse.

"Spieler wie Gökhan Töre oder Ömer Toprak sind tolle Spieler, die der Nationalmannschaft weiterhelfen werden", sagte Hiddink zuletzt. Allerdings schenkte er diesen Jungen nie das Vertrauen. Gerade Toprak hätte der extrem schwachen Innenverteidigung, die bei jedem Quali-Spiel umgestellt wurde, viel früher helfen können. Werder Bremens Mehmet Ekici wurde im Zuge des Zwischenumbruchs im November 2010 eingeladen, überzeugte als Spielmacher beim 0:1 in denNiederlanden, war aber danach eher ein Platzhalter und zuletzt nicht einmal ein Teil der Nationalmannschaft. Dies gilt auch für Herthas Tunay Torun.

Stars vor dem Rauswurf?

Hiddink ließ sich sich offenbar auch zu sehr von seinem Co-Trainer Oguz Cetin soufflieren. Viele umstrittene Nominierungen wurden Cetin angelastet. Nicht von ungefähr wurde beim 0:3 gegen Kroatien nicht nur Hiddink, sondern auch Cetin von den Zuschauern zum Rücktritt aufgefordert. "Ich kann die Kritik an Oguz Cetin nicht nachvollziehen. Was soll er getan haben?", fragte Nationalmannschaft-Verantwortlicher Cüneyt Tanman - Cetin wurde dennoch entlassen.

Nun also Avci, der den bisherigen Teammanager Okan Buruk zur Seite bekommt. Der 48-Jährige soll den Umbruch fortsetzen, aber auch einige Brandherde löschen. So sollen Stammspieler wie Arda Turan, Emre Belözoglu oder Sabri Sarioglu gegen Kroatien absichtlich die Gelbe Karte gesehen haben, um nicht nach Zagreb reisen zu müssen.

Wie "Hürriyet" berichtete, habe Hiddink dies in einem Rapport an den Verband bestätigt. Sollte sich dies bewahrheiten, droht den Stars der Rausschmiss aus der Nationalmannschaft - für immer.

Neue Rolle für Nuri Sahin

Auch Spieler wie Volkan Demirel, der sich zuletzt mit den Fans anlegte, stehen auf der Kippe. "Wir werden wichtige Entscheidungen treffen, für einige Neuerungen sorgen und dies rechtzeitig bekanntgeben", sagt Avci.

Insbesondere im Jugendbereich will die Türkei für Neuerungen sorgen, aber dass Metin Tekin, der als Direktor für alle Nachwuchsabteilungen geholt wurde, nur eine Woche nach Amtsübernahme wieder zurücktrat, offenbart die Probleme, die der Verband intern hat.

Nun heißt der Hoffnungsträger Avci, der sich in den letzten Jahren einen sehr guten Ruf erarbeiten konnte und das Vertrauen der breiten Öffentlichkeit genießt. 2005 wurde er als Trainer der U 17 Europameister und im gleichen Jahr WM-Vierter. Spieler wie Nuri Sahin oder Caner Erkin waren damals seine Führungsspieler. Insbesondere Sahin, der unter Hiddink den Status eines talentierten Ergänzungsspielers hatte, sollte unter Avci eine viel bedeutendere Rolle bekommen.

Seit 2006 betreut Avci den Klub der Istanbuler Stadtverwaltung Büyüksehir. Ohne Fans und mit wenig Mitteln stellte Avci eine schlagkräftige - und vor allem junge - Truppe zusammen, die erneut für viel Furore sorgt und im letzten Jahr sogar das Pokalfinale erreichte. Sein neues Projekt heißt: Qualifikation zur WM 2014. Ein Neuanfang also.

Der Kader der türkischen Nationalmannschaft

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