Süper Lig: Der 3. Spieltag in der Nachbetrachtung

Twitter, Missverständnisse und viel Geschrei

Von Cihan Acar
Dienstag, 31.08.2010 | 15:15 Uhr
Alex de Souza spielt seit 2004 für Fenerbahce
© Getty
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Twitter sorgt für Chaos in der Süper Lig: Ein Fan meckert als Sercan Yildirim getarnt über dessen Trainer, Alex wird missverstanden und ein Argentinier aus Liverpool kündigt sich in Istanbul an. Ein Sieg von Gala sorgt inzwischen für Ärger beim Gegner, und Fener-Präsident Aziz Yildirim hat endlich die Lösung für seinen Problemfall. Bei Besiktas dagegen haben sich alle lieb.

Twitter-Fall 1: Meister Bursa hat mit 2:0 in Sivas gewonnen, noch kein Gegentor kassiert und grüßt erneut vom Tabellenthron. Bei soviel Sonnenschein kam folgender Skandal am Wochenende doch etwas überraschend: Stürmer Sercan Yildirim, gegen Sivas nur auf der Bank, teilte nämlich per Twitter gegen seinen Coach aus: "Entweder spiele ich seit zwei Wochen schlecht, oder es gibt ein Problem. Ich verstehe das nicht. Meine Geduld ist am Ende."

Doch die Sache war schnell geklärt. Die Person, die sich da über das Dasein als Bankdrücker beschwerte, war nicht der Bankdrücker selbst, sondern ein weiblicher Fan des Bankdrückers, der über dessen Dasein als Bankdrücker verärgert war. Sercan klärte die Geschichte dann auch schnell mit Trainer Saglam und in Bursa herrscht wieder eitel Sonnenschein.

Harmonie: Doch so gut die Stimmung in Bursa auch ist, an die Harmonie, die zurzeit bei Besiktas herrscht, kommt zurzeit niemand heran. Vor allem Ricardo Quaresma hat es allen angetan. Der spielt nicht nur Spiel für Spiel die Gegner schwindlig, inzwischen glänzt "Q7" auch noch durch seine Barmherzigkeit. So sagte er nach dem Sieg in Karabük am Sonntag zu Kapitän Ibrahim Üzülmez, der hinter ihm auf der linken Seite spielt: "Ich komme nicht rechtzeitig nach hinten und helfe dir nicht genügend in der Defensive aus. Das tut mir Leid."

Doppeltorschütze Nobre erzählte außerdem bei der Pressekonferenz nach dem Spiel, dass Quaresma zwar für die Ausführung des Elfmeters zum 3:1 vorgesehen war, seinen Platz aber für Guti freimachte, damit der zu seinem ersten Ligatreffer kommt. Da wundert es keinen mehr, dass Üzülmez auf die fehlende Defensivarbeit des Portugiesen ziemlich sanft reagierte: "Mach du bloß so weiter. Ich verteidige gerne für dich mit." Ob er dann dem verlegen grinsenden Quaresma den Kopf tätschelte, ist nicht bekannt, würde aber in das harmonische Gesamtbild bei Besiktas in diesen Tagen passen.

Twitter-Fall 2: Man nehme Alex de Souza, gewürzt mit portugiesischer Sprache, ein paar türkische User ohne Portugiesisch-Kenntnisse, und mische das alles im Internet, und schon hat man den nächsten Twitter-Skandal. Alex schrieb nämlich nach dem Heimsieg gegen Manisa folgendes in seinem Account: "3 prontos e um bom jg.rapaziada,o presidente n quer me mandar embora.minha relacao com o clube e mto boa."

Aufmerksame Follower des Brasilianers warfen diesen Satz in den Google-Übersetzer und bekamen ziemlich viel unverständlichen Kauderwelsch, aber eben auch den Satz "the president wants to send me" heraus. Danach war der Aufschrei groß und die Schlagzeile perfekt: Alex verlässt Fener in der Winterpause!

Der Vereinsdolmetscher bei Fener löste das Sprachrätsel dann auf. Der Eintrag war nämlich, richtig übersetzt, ziemlich harmlos: "Gutes Spiel und 3 Punkte. Leute, die Gerüchte, dass der Präsident mich wegschicken will, sind gelogen. Mein Verhältnis mit dem Verein ist sehr gut."

Geschrei: Galatasaray hat zwar endlich gewonnen, der Katastrophenstart in die Saison lässt die Löwen aber immer noch nicht los. Sogar der erste Dreier der Saison hat einen faden Beigeschmack, denn: eine Heimniederlage gegen Gala, die früher unter "Standardniederlage gegen einen der Großen aus Istanbul" abgehakt wäre, sorgt inzwischen für Chaos beim Gegner. So weit ist es also schon gekommen.

Die Fans ins Eskisehir waren über das 1:3 so erbost, dass sich Eskisehir-Trainer Riza Calimbay gegen Ende der Partie sogar "Riza raus!"-Rufe anhören musste. Dessen Antwort auf die Proteste war dann aber wohl das, was man "Eiskalt abserviert" nennt:

"Das Geschrei von ein paar Leuten ändert gar nichts. Wenn du gewinnst, schreien sie, wenn du verlierst, schreien sie auch. Das Geschrei der Zuschauer ist unwichtig." Bei soviel Gleichgültigkeit wird den Schreihälsen der nächste Schmähruf wohl im Hals stecken bleiben.

Twitter-Fall 3: Bevor alle türkischen Fans und Journalisten Twitter als die Ausgeburt der Hölle und Lügengenerator verfluchen, kam letzte Nacht mit Emiliano Insua der Beweis dafür, dass man Twitter ab und an auch Glauben schenken darf. Der Argentinier vom FC Liverpool sorgte nämlich mit einem Eintrag letzte Nacht für die dritte Twitter-Nachricht in den türkischen Medien. "Ich bin auf dem Weg nach Istanbul, um meine Zukunft zu klären. Hoffentlich verläuft alles gut", schrieb Insua dort.

Oder was es doch wieder jemand anderes? Meinte er damit vielleicht nur einen Kurztrip? Doch diesmal war alles echt. Kein weiblicher Teeniefan im Hintergrund, keine Übersetzungsprobleme. Noch in der Nacht stand Insua am Flughafen in Istanbul, um die Verhandlungen für ein Engagement bei Galatasaray aufzunehmen, und alle Twitter-Paralysierten atmeten erleichtert auf.

Pragmatik: Fener gewann nach der enttäuschenden letzten Woche zuhause mit 4:2 gegen Manisa, wird aber eine andere, große Enttäuschung einfach nicht los: Daniel Guiza. Der Spanier spielt in den Plänen von Trainer Aykut Kocaman keine Rolle mehr, ist bei den Fans unten durch und stand in dieser Saison noch nicht einmal im Kader. Die Lage ist einfach: Fener will Guiza nicht mehr, Guiza will Fener nicht mehr, doch auch kein anderer will Guiza. Als letzter Interessent ist Hercules Alicante abgesprungen, die stattdessen David Trezeguet verpflichtet haben.

Präsident Aziz Yildirim war die gebotene Ablösesumme von 4 Millionen Euro zu wenig: "Ich habe ihn für 14 Millionen geholt. Wenn ich ihn für 4 Millionen verkaufe, zerreissen mich die Medien!"

Als sich Yildirim und Trainer Kocaman über den spanischen Problemfall unterhielten, schlug der Präsident dem Coach eine erstaunlich einfache Lösung vor: "Ich werde ihn nicht los. Lass ihn doch einfach spielen!"

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