Das riskante Projekt

Von Fatih Demireli
Freitag, 09.07.2010 | 18:22 Uhr
Aziz Yildirim (l.) schenkt Aykut Kocaman das Vertrauen: Der Vertrag geht erst einmal über ein Jahr
© anadolu
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Aykut Kocaman hat bei Fenerbahce die Nachfolge des entlassenen Christoph Daum angetreten. Die Entscheidung, den bisherigen Sportdirektor zum Trainer zu machen, war keine Überraschung, sondern nur eine Frage der Zeit. Kocaman wird mit so viel Macht ausgestattet wie nie ein Fener-Trainer zuvor. Der Klub hat ein neues Modell im türkischen Fußball geschaffen. Viele Fragezeichen bleiben dennoch.

Aykut Kocaman war die Veranstaltung unangenehm. "Ihr kennt mich, ich will nicht viele Worte verlieren, sondern arbeiten. Wir haben zu tun", sagte der neue Fenerbahce-Coach bei seiner Vorstellung in der vergangenen Woche.

Präsident Aziz Yildirim saß nach den wochenlangen Querelen um die Entlassung Christoph Daums endlich wieder einmal gut gelaunt neben seinem neuen Coach und nickte zustimmend.

Vorbild Premier League

Vor fast genau einem Jahr hatte der mächtige Vereinsboss das Fan-Idol Kocaman als Sportdirektor geholt, nun ist dieser auch der Trainer des Klubs. Ein Modell, das es im türkischen Fußball bisher so nicht gegeben hat: ein Teammanager nach dem Vorbild der Premier League.

Dass ausgerechnet Fenerbahce hier die Vorreiter-Rolle in der Türkei übernimmt, überrascht.

Welche Rolle spielt Kocaman?

Für einen Klub, der in den vergangenen Jahren fast monarchisch geführt wurde, bei dem alle Entscheidungen letztlich der Präsident traf und Alleingänge des Bosses zur Tagesordnung gehörten, wirkt der Schritt wie eine riskante Expedition, neue Sphären des modernen Fußballs zu entdecken.

"Im Gegensatz zum vergangenen Jahr habe ich jetzt klare Aufgabengebiete und Kompetenzen", sagt Kocaman. Lange war nicht klar, welche Rolle Kocaman als Sportdirektor überhaupt inne hatte.

Sowohl die Verpflichtung als auch die Entlassung des Trainers Daum gingen vom Vorstand aus. Die Spielertransfers wurden bisher mehr oder weniger von der Yildirim-Crew abgewickelt.

Daum wollte einen Bierhoff

Kocaman wirkte als ehemaliger Fenerbahce-Stürmer und erfahrener Trainer eher als Berater des Vorstands in sportlichen Fragen.

Ihm blieben Aufgaben wie die Sichtung von möglichen Trainingslagern. Auch Daum sah Kocaman nicht immer als seinen Vorgesetzten. Das Duo geriet immer wieder in ein Kompetenzgerangel.

Dass sich Daum in einem Interview einen Manager wie Oliver Bierhoff wünschte, durfte ohne Zweifel als Frontalangriff gegen den eigenen Sportdirektor gelten.

"Aykut hat wie ein Trainer gedacht"

Kocaman erwägte sogar mehrmals seinen Rücktritt, der aber vom Vorstand nie angenommen wurde. Am Ende gewann Kocaman den Machtkampf mit Daum, der für 2,3 Millionen Euro Abfindung das Weite suchte.

Der Deutsche sieht seinen Nachfolger nicht schuldlos an seiner Demission. "Aykut war für mich immer wie ein professioneller Trainer. Er hat immer wie ein Trainer gedacht und gehandelt, aber zwei Trainer in einem Klub - das geht nicht", so Daum.

Geschlossen hinter dem neuen Chef

Von Machtkämpfen will man bei Fenerbahce nichts mehr wissen. "Wir haben großes Vertrauen in seine Person. Ich hatte in der vergangenen Saison angekündigt, dass Kocaman spätestens in drei Jahren die ganze Verantwortung in der Profi-Abteilung übernehmen wird. Es ist sehr erfreulich, dass dies jetzt schon eingetreten ist", frohlockt Präsident Yildirim.

Sowohl Fans als auch Mannschaft stehen hinter Kocaman. Im Einklang loben alle Spieler den neuen Trainer.

Kocamans erste Erfolge

Leistungsträger Emre Belözoglu nannte Kocaman schon Trainer, als Daum noch im Amt war. Auch Kapitän Alex, der kein großer Daum-Freund war, stellt sich demonstrativ hinter den neuen Coach: "Er hat meine voller Unterstützung."

Hoffnung machen die vergangenen Wochen, in denen Kocaman Verhandlungen mit seinen Wunschspielern führte und diese auch teils verpflichtete. So geht der Transfer von Chelseas Miroslav Stoch, den auch Galatasaray unbedingt haben wollte, auf das Konto Kocamans. Im Visier hat er als nächstes Milos Krasic von ZSKA Moskau.

Güiza soll weg, Semih bleibt

Daniel Güiza, bei Daum noch unangefochtener Stammspieler, wird abgeschoben. Semih Sentürk zog sogar eine Klage gegen den Verein, der den Vertrag des Stürmers durch eine umstrittene Vertragsoption um ein Jahr verlängerte, freiwillig zurück.

"Ich hoffe, dass Fenerbahce hinter Aykut stehen wird und Geduld aufbringt. Dann wird er auch Erfolg haben", sagt Hakan Sükür, der ein enges Verhältnis zu Kocaman pflegt.

CL-Quali als erster Prüfstein

Doch was, wenn kurzfristig der Erfolg ausbleibt? "Momentan sieht alles sehr positiv aus, aber wenn Fener die Qualifikation zur Champions League verpassen sollte, werden schwere Zeiten für ihn anbrechen. Dann darf er sich nicht mehr viel erlauben", schreibt "Milliyet"-Kolumnist Mehmet Demirkol.

Der letzte Versuch, ein Fenerbahce-Idol zum Trainer zu machen, scheiterte indes grandios. Ridvan Dilmen, der 1999 mit viel Lob und Konfetti ins Amt gehievt wurde, durfte nach nur vier Spieltagen seine Papiere abholen.

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