Fussball

FC Barcelona: Die neue Offensive mit Antoine Griezmann und Frenkie de Jong in der Analyse

Von Ben Barthmann
Neuzugänge unter sich: Frenkie de Jong und Antoine Griezmann trainieren beim FC Barcelona.

Der FC Barcelona hat mit den Transfers von Antoine Griezmann und Frenkie de Jong ein neues Level der Variabilität erreicht. Die Abhängigkeit von Lionel Messi und die Jahre taktischer Graufarben sollen der Geschichte angehören. Nun gilt es, der neuen Barca-Offensive Leitplanken an die Seite zu stellen.

Ohne Dreierreihe in Großbuchstaben ging in den letzten Jahren beim FC Barcelona nicht viel. 2009 war es die Achse HME (Thierry Henry, Lionel Messi, Samuel Eto'o), mit der Barca die Champions League gewann. Es folgte die Achse MVP (Messi, David Villa, Pedro) und 2015 unter Luis Enrique war der offensive Dreizack MSN (Messi, Luis Suarez, Neymar) europaweit gefürchtet.

In der vergangenen Saison aber fehlte Ernesto Valverde ein derartiges Trio. Das lag einerseits an den vielen Verletzungen von Ousmane Dembele und andererseits an den Formschwächen von Philippe Coutinho und Luis Suarez. Aus einer Dreierreihe in Großbuchstaben wie DCM oder CSM wurde oft nur ein zwar immer noch großes, aber doch zuweilen sehr einsames M: Lionel Messi.

Kein Wunder also, dass der FC Barcelona mit 120 Millionen Euro bei Atletico Madrid vorstellig wurde und Antoine Griezmann verpflichtete. Der Franzose verspricht einerseits neue Dynamik in der Offensive, kommt aber andererseits aus einer Mannschaft mit einem gänzlich anderen strategischen Anspruch.

Kaderplanung beim FC Barcelona noch nicht abgeschlossen

Mit Frenkie de Jong wurde ein für sein Alter (22) extrem reifer und kluger Ballverteiler für das Mittelfeld verpflichtet, der in den Niederlanden schon jetzt so etwas wie der Heilsbringer für den nationalen Fußball ist. De Jong und Griezmann: Zwei Transfers, die dem Team ein neues Gesicht geben und zugleich etwas von der in der abgelaufenen Saison deutlich spürbaren "Messidependencia" - der Abhängigkeit vom argentinischen Superstar - nehmen sollen. Dabei ist die Kaderplanung noch gar nicht abgeschlossen.

Die Gerüchte um Neymar halten sich zwar weiterhin hartnäckig, dürften angesichts des unvorstellbaren finanziellen Aufwands aber mehr Traum als Realität sein. Eine Möglichkeit zur Finanzierung stellen Abgänge von Dembele und Coutinho dar. Dembele soll laut offiziellen Aussagen allerdings nicht abgegeben werden. Bei Coutinho ist die Situation zumindest undurchsichtig. Der Brasilianer Malcom gilt derweil als sicherer Streichkandidat.

Der Status quo ist somit nur vorübergehend. Doch die große Frage stellt sich schon jetzt: Wohin mit Griezmann? Während de Jong auf der linken Acht gesetzt sein dürfte, ist unklar, wie sich die Etablierung von Griezmann ins Barca-Gefüge auf den Rest der Mannschaft auswirken wird.

Neue Möglichkeiten in der Offensive dank Antoine Griezmann zahlreich

Was jedoch relativ schnell klar wird, ist die Tatsache, dass für Coutinho kaum mehr Platz ist. Der Brasilianer fand sich auf dem linken Flügel überhaupt nicht zurecht, die Minuten im Mittelfeld werden nach der Verpflichtung von de Jong knapper und knapper. Barcelona müsste sich schon vom 4-3-3/4-4-2-Ansatz von Valverde verabschieden, um Coutinho einen Neustart zu ermöglichen.

Im 4-3-3 stehen die meisten Positionen für Offensivspieler zur Verfügung. Das heißt aber nicht, dass alle Spieler auf ihren bevorzugten Positionen spielen werden. Dembele spielt bekanntlich lieber rechts als links, dort ist aber Messi viel unterwegs. Suarez weicht aus der Mitte gerne aus, gleiches gilt für Griezmann. Dieser kann zwar auch über den Flügel kommen, spielt dort aber nicht alle seine Qualitäten aus.

Die Möglichkeiten sind entsprechend zwar zahlreich, aber in den meisten Konstellationen auch nicht ideal. Ob nun bald GMD, GSM, DGM, DSM oder gar GSD-M hängt auch sehr stark von der restlichen Aufstellung ab.

Die Transfers des FC Barcelona im Sommer 2019

ZugängeAbgänge
Antoine GriezmannAtletico MadridJasper CillessenFC Valencia
Frenkie de JongAjax AmsterdamAndre GomesFC Everton
NetoFC ValenciaDenis SuarezCelta Vigo
Marc CucurellaSD EibarThomas Vermaelen-
Moussa WagueFC Barcelona BDouglas-
Kevin-Prince BoatengUS Sassuolo
Jeison MuriolloFC Valencia

Rolle von Jordi Alba ist mitentscheidend für den Linksaußen

Einer der wichtigsten Spielzüge Barcelonas in den vergangenen Jahren war die Verlagerung auf den vorstoßenden Jordi Alba. Derartige Läufe kann der Linksverteidiger aber nur machen, wenn der Linksaußen vor ihm den Raum öffnet. Und wer spielt diese Bälle am besten? Natürlich Messi. Es wäre demnach sinnvoll, den Argentinier weiterhin rechts oder halbrechts zu halten.

Das reduziert jedoch andere taktische Möglichkeiten bereits: Nelson Semedo und Sergi Roberto erreichen auf der rechten Seite nicht das Niveau von Alba, was unter anderem die Asymmetrie im Barca-Spiel verursacht. Unter Valverde wurde oftmals rechts gearbeitet und links der Durchbruch erzielt. Griezmann über links macht demzufolge als erstes Gedankenspiel wohl am meisten Sinn, weil der Franzose nach innen tendiert und so den für Alba benötigten Raum schaffen kann.

Sich voll entfalten kann der Neuzugang aber eher als unterstützende Neun. Barcas Gretchenfrage lautet dann: Wer ist dann eigentlich die echte Neun? Suarez erlebte zum wiederholten Male eine wechselhafte Saison, der alternde Stürmer ist zwar beim Trainer noch unumstritten, kann diese Stellung sportlich aber nicht immer rechtfertigen.

Sollte neben Griezmann tatsächlich noch der Transfer von Neymar realisiert wären, könnte der Uruguayer - und das wird bisher in den Medienberichten gänzlich ignoriert - durchaus auf die Abschussliste geraten. Sportliche Leistung und Jahresgehalt stehen bei ihm aktuell in keinem guten Verhältnis und Neymar wäre sehr wahrscheinlich links gesetzt. Das würde Griezmann zu einem unmittelbaren Konkurrenten für Suarez machen.

Antoine Griezmann und Lionel Messi im Zusammenspiel zentral?

Die Neunerposition würde Messis Qualitäten hingegen nicht wirklich entsprechen. Wie es aber dennoch funktionieren kann, machte Pep Guardiola zu seiner Zeit bei den Katalanen vor, als er Messi und Cesc Fabregas im ständigen Positionswechsel aufgeboten hatte. Das wäre auch mit Griezmann vorstellbar und würde Räume schaffen, wenn einer der beiden einen der Innenverteidiger aus der Kette ziehen kann und der andere mit Tempo dahinter entwischt.

Das Problem liegt dann allerdings an anderer Stelle: Spielt Barcelona mit den Spitzen Messi und Griezmann fallen Suarez und teilweise auch Dembele raus, denn auf den Flügelpositionen im 4-4-2 wäre der Franzose nicht mehr so passend einsetzbar wie als "echter" Flügelstürmer.

Darüber hinaus fiele im zentralen Mittelfeld eine Position weg. Bei der großen Auswahl aus Sergio Busquets, Frenkie de Jong, Arthur, Arturo Vidal, Ivan Rakitic, Carlos Alena, Riqui Puig oder eventuell auch Sergi Roberto wäre das eine Entscheidung entgegen der aktuellen Kaderplanung.

Koordinationsverluste beim FC Barcelona sind unvermeidlich

Die Frage muss also erlaubt sein, ob sich die individuelle Leistung der verschiedenen Stürmertypen des FC Barcelona einfach so aufsummieren lässt. Tatsächlich ist das wohl nicht der Fall, in vielen Konstellationen wird es zu Koordinationsverlusten kommen.

Den Katalanen muss dies allerdings beim Griezmann-Transfer bewusst gewesen sein. Warum also entschieden sie sich doch für die Verpflichtung des 120-Millionen-Franzosen? Ein neues Level der Variabilität eröffnet sich Valverde dadurch ohne Frage. Zumal der Trainer im vergleichsweise bedeutungslosen Endspurt der Saison unter anderem auch ein 3-5-2 testete.

In diesem Fall wäre die Dynamik wieder eine gänzlich andere. Die Gedankenspiele sind anhand der Spieler nahezu endlos. Fakt ist aktuell nur: Barcelona wird nach zwei Jahren taktischer Graufarben wieder deutlich schwerer ausrechenbar sein. Zumal die Breite in der Offensive es den wichtigen Spielern ermöglicht, sich in einigen Ligaspielen guten Gewissens Ruhephasen zu nehmen.

Neue Flexibilität und Rotationsmöglichkeiten für den FC Barcelona

Die Dauerbelastung war insbesondere in der vergangenen Saison ein großes Thema. Suarez wurde sofort nach dem gefühlten Saisonende (dem CL-Aus gegen Liverpool) operiert, er spielte ebenso mit Schmerzen wie Messi. Der Argentinier kämpfte mit starken Beschwerden am Schambein und hatte angesichts der Copa America nur wenig Zeit für eine ausreichende Regeneration.

Alba ging gegen Saisonende sichtlich auf dem Zahnfleisch, weil es schlichtweg keine Alternativen zum 30-Jährigen gab. Dazu kamen noch die Verletzungen von Dembele und Malcom war oftmals bemüht, erreichte aber maximal die nötige Schnelligkeit für den Barca-Kader, nie aber den Spielwitz und Kreativität, die ein Flügelspieler auf höchstem Niveau bei den Katalanen verkörpern muss.

Mit Griezmann sieht das schon anders aus, zumal aus dem Zentrum wieder mit mehr Zuspielen zu rechnen ist. Dafür ist de Jong zuständig, der Rakitic wohl den Rang ablaufen wird. Beide Transfers bedeuten demnach auch eine Rückkehr zum vermehrten Spiel durch die Mitte und weniger über die Flügel.

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