Fussball

FC Barcelona: Antoine Griezmanns beschwerlicher Weg nach oben

Von Oliver Maywurm
Antoine Griezmanns Weg nach Barcelona war steinig.

Lyon, Saint-Etienne, Montpellier - egal, wo es Antoine Griezmann als Jugendspieler versuchte, er erhielt eine Absage. Bis ein Scout von Real Sociedad ihn sah.

Nachts in San Sebastian. Vor irgendeiner Mauer stand Antoine Griezmann, gerade 16 Jahre alt, und wusste nicht so recht, warum. Eigentlich hatte er schon geschlafen. Doch sein Gastvater weckte ihn und nahm ihn hierher mit. Und hier stand er nun in der Dunkelheit. Also beinahe ganz dunkel war es, die Scheinwerfer des Autos spenden ja Licht.

"Er schoss den Ball gegen die Wand und ich musste ihn abfangen oder passen", erinnert sich Griezmann, vor ein paar Tagen für 120 Millionen Euro von Atletico Madrid zum FC Barcelona gewechselt, in der Netflix-Doku "Antoine Griezmann - eine Legende wird geboren". Er, das war Eric Olhats, sein Gastvater. Und Scout von Real Sociedad.

"Schon bevor der Ball auftrifft, musst du dich bewegen und ihn fordern. Und mit deinem Talent wirst du ihn dann nicht mehr hergeben", trichterte er ihm ein und ließ ihn die einfache Übung bis zum Abwinken ausführen. Zwei Jahre zuvor hatte Olhats den damals 14-jährigen Griezmann zu Real Sociedad gebracht. Um ihm die Chance zu geben, die dem heutigen Weltstar in Frankreich offenbar kein Klub geben wollte.

"Die Hinfahrt immer fröhlich, die Rückfahrt immer traurig"

Von vorn: Griezmann wächst in Macon auf, spielt für kleinere Klubs aus der beschaulichen Stadt im Osten Frankreichs. Doch er will höher hinaus, will mit allen Mitteln Fußballer werden. Immer wieder drängt er seinen Vater, ihn zu Probetrainings bei den Profiklubs zu fahren. Mal sind es kürzere Strecken, mal richtig lange.

Olympique Lyon, AS Saint-Etienne, FC Sochaux, AJ Auxerre, FC Metz, ja sogar ganz im Süden bei HSC Montpellier versucht er sein Glück. "Ich habe, glaube ich, bei acht Klubs vorgespielt", erinnerte sich Griezmann mal bei Herald Sun. Doch niemand wollte ihn. Er sei zu schmächtig, physisch nicht stark und nicht schnell genug, so die Begründungen.

"Von ein paar Vereinen war ich ziemlich enttäuscht", sagt sein Vater Alain. "Am Ende des Probetrainings trifft man den Trainer. Es heißt, wir melden uns in 14 Tagen schriftlich. Es vergehen zwei, drei, vier Wochen. Dann bereitet man seinen Sohn auf eine Absage vor." Und Antoine selbst ergänzt: "Stundenlange Autofahrten, immer zusammen. Die Hinfahrt immer fröhlich, die Rückfahrt immer traurig."

Eric Olhats verändert Antoine Griezmanns Leben

Die Vereine legten bei der Ausbildung die gleichen Maßstäbe an wie der französische Verband, schauten mehr auf Schnelligkeit, Dynamik und körperliche Vorzüge als auf Technik und Raffinesse. Und Griezmann fiel daher immer wieder durchs Raster.

"Er ging oft zu Boden, weil er nicht kräftig genug war", erinnert sich Olhats an den Tag, an dem er Griezmann entdeckte. Der nahm gerade mit einer Jugendmannschaft von Montpellier an einem Turnier teil, um sich zu empfehlen. Er fiel auf. Zumindest Olhats. Nicht nur, weil er zwischen den Spielen eben nicht wie die anderen Jungs Trainingsjacken von Montpellier anhatte.

"Seine technischen Fähigkeiten waren von einer Art, die man jemandem nicht beibringen kann", sagt Olhats. Also sprach er Griezmann an, redete auch mit dem Vater, nahm wenig später noch einmal Kontakt zur Familie auf. Die kam da gerade aus dem Kroatien-Urlaub zurück, als Olhats per Zettelnachricht an der Tür um ein Treffen bat. Er wollte Griezmann unbedingt zu Real Sociedad holen.

Anfängliche Probleme bei Real Sociedad

"Antoine nervte so lange, bis ich Olhats anrief", blickt Griezmann senior zurück. Er war ob der vielen Absagen, die sie über die Jahre hinnehmen mussten, skeptisch. "Ich fahre nicht 900 Kilometer für nichts", sagte er. Doch Olhats versicherte ihm, dass in Spanien andere Kriterien wichtig wären, wenn man Nachwuchsspieler bewertet. Dass es mehr um das Fußballerische und weniger um die Athletik ginge.

Und Griezmann wurde genommen, wechselte zu Real Sociedad. Endlich hatte er das, was er immer wollte, spielte bei einem Profiklub. Leichter wurde es nun aber keineswegs.

Mit 14 ging er in ein fremdes Land, weit weg von Familie und Freunden. Er tat sich schwer, vor allem anfangs, im Mannschaftsbus wurde nur spanisch oder baskisch gesprochen. "Ich saß ganz alleine da, hörte Musik, konnte mich nicht unterhalten", sagt Griezmann.

Er wohnte bei Olhats, der ihn zunächst nur für ein paar Monate bei sich aufnehmen wollte. "Letztlich blieb er, bis er 18 oder 19 war", lacht er. Nur dreimal im Jahr kann Griezmann für längere Zeit nach Hause, vermisst das Leben in Macon. Und das Zermürbendste für ihn ist: Er spielt nur wenig. "Seine Eltern kamen mal zu einem Turnier her", erinnert sich Olhats. "Aber es lief nicht gut, er spielte nicht eine Minute."

Vom Aussortierten zum Weltmeister

Am Ball war Griezmann schon immer einer der Besten. Es war das Spiel ohne Ball, das ihn zurückwarf. Sein Vater wollte das Experiment Real Sociedad daher nach rund zwei Jahren schon abbrechen. "Wenn mein Sohn nicht Profi werden soll, kann er auch nach Hause kommen", dachte er. Doch Olhats überzeugte ihn davon, Antoine noch ein Jahr zu geben, noch ein Jahr Geduld zu haben.

Wie sehr ihn dabei nun die nächtlichen Trainingseinheiten mit Olhats weiterbrachten, lässt sich freilich nicht genau sagen. Aber dieses eine weitere Jahr Geduld sollte sich tatsächlich auszahlen. Griezmann wurde immer besser, spielte immer mehr. Noch mit 18 debütierte er für die erste Mannschaft von Real Sociedad, die damals in der zweiten Liga spielte. Auf Anhieb wurde er Stammspieler, trug sechs Tore zum Aufstieg in LaLiga bei. Der Rest ist nur zu gut bekannt.

Die Scheinwerfer von Eric Olhats Auto, die jene Mauer irgendwo in San Sebastian erleuchteten, gingen irgendwann aus. Die Batterie war leer. "Er rief einen Freund an, der dann kam und uns nach Hause brachte", sagt Griezmann mit einem breiten Grinsen. Wohlwissend, dass er es vom Jungen, den niemand wollte, weit gebracht hat. Zum Weltmeister. Und zum neuen Star bei Barca.

Antoine Griezmann bei Atletico: Statistiken 2018/19

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