Fussball

Barca-Neuzugang Jean-Clair Todibo: Vom Rosenkrieg auf die Schulbank

Jean-Clair Todibo hat bis 2023 beim FC Barcelona unterschrieben.

Talent zum Spottpreis: Der FC Barcelona hat den halben Kontinent im Werben um Jean-Clair Todibo ausgestochen. Der 19 Jahre alte Innenverteidiger verließ Toulouse im Rosenkrieg. Bei Barca winkt nun der Neustart für den Mann mit Narben - wenn auch zunächst auf der Schulbank.

Armut, Gewalt, Drogenhandel: Der Pariser Vorort Saint-Denis hat einen nebulösen Ruf. Trotz attraktiver Immobilienpreise und boomender Industrie stehen hier Existenzen vor dem Scherbenhaufen.

Einer dieser Scherbenhaufen gehörte Todibo. Er war acht Jahre alt. Die Scherben, das waren Todibos eigene Knochensplitter. Er war gerade auf dem Weg zu seinem Judotraining, als ihn ein Auto erfasste. Ein dumpfer Aufprall, der die Karriere des jungen Franzosen noch vor deren Beginn hätte zerstören können.

"Ehrlich gesagt, waren wir uns nicht wirklich sicher, ob er jemals wieder Fußball spielen würde", sagte sein Jugendtrainer Dylan Greneche später gegenüber La Depeche. Und das ist nicht übertrieben. Todibos linkes Bein war hinüber. Er erlitt mehrere Knochenbrüche in Schien- und Wadenbein, vom Knie bis zum Knöchel.

Die Konsequenz: ein Jahr Pause. Ein Jahr ohne Judo oder Fußball. Als würde man einem Hund nicht nur den Knochen wegnehmen, sondern ihm auch noch einen Hundetrichter verpassen. "Ich habe die Narben noch immer, aber es ist lange her", sagt Todibo heute über seinen glücklicherweise nicht ganz so folgenschweren Unfall.

Todibo verlässt Toulouse mit Pauken und Trompeten

In diesem Winter kam eine weitere Narbe dazu. Sie holte sich Todibo im Rosenkrieg mit seinem Ex-Klub Toulouse. Anfang November noch als Entdeckung der Saison gefeiert, wurde der Innenverteidiger eine Woche später suspendiert. Toulouse-Trainer Alain Casanova sprach gar von einem "Gefühl des Verrats".

Was war passiert? Die Violets hatten Todibo bereits im August einen Profivertrag vorgelegt. Die Vertragsgespräche gestalteten sich jedoch schwieriger als gedacht. Todibo wollte einfach nicht unterschreiben. Selbst als Toulouse dem damals noch 18 Jahre alten Verteidiger laut Vizepräsident Jean-Francois Soucasse ein für Toulouse-Verhältnisse "beispielloses Gehalt" anbot, ließ dieser das letzte Ultimatum verstreichen.

Der Klub strich Todibo aus dem Profikader. Seit dem 3. November absolvierte er kein Spiel mehr für die Violets. Er stand bis zu seiner Unterschrift bei Barca lediglich noch zwei Mal für die französische U20 auf dem Platz.

"Er kommt schon jetzt, weil wir ihn beschützen mussten. Die Situation in Toulouse war nicht gut", erklärte Barcas Sportdirektor Eric Abidal. Eigentlich sollte Todibo erst im Sommer nach Katalonien kommen. Diesen Deal hatte Barca schon zuvor mit dem Talent ausgehandelt. Allerdings ohne das Wissen des FCT. "Das Leben kann dir Überraschungen bescheren, selbst die unangenehmsten", sagte Toulouse-Präsident Olivier Sadran der L'Equipe und warf Barca Arroganz vor. Eine solche Transferabwicklung gehöre sich nicht für einen solch großen Klub.

Ein Wechsel, der Toulouse wohl um einige Millionen Euro brachte. So ist Todibo ein 1-Millionen-Euro-Schnäppchen für Barca - mit einer Ausstiegsklausel von 150 Millionen Euro. Ein Wechsel mit fadem Beigeschmack.

Todibo ist Barcas neuer Musterschüler

Auf Todibo wartet nun die Ruhe nach dem Sturm. Pragmatisch betrachtet wird sich an seiner Situation wohl vorerst nicht viel ändern. Unter der Woche: Trainingsplatz. Am Wochenende: Tribünenplatz.

Denn Fakt ist: Todibo ist Barcas sechster Innenverteidiger. Und vielleicht vorerst die vierte Option für den Platz neben Gerard Pique. Zwar ist Sorgenkind Samuel Umtiti noch immer verletzt. Doch tummeln sich mit den Neuzugängen Clement Lement und Jeison Murillo (bis Sommer von Valencia ausgeliehen) sowie Thomas Vermaelen noch drei relativ zuverlässige Verteidiger in Barcas Kader.

"Ich habe mich für Barca entschieden, um von den Besten zu lernen. Ich glaube nicht, dass ich gleich in der Startelf stehe. Aber ich kann lernen und helfen", sagte Todibo bei seiner Vorstellung, gleich nach den Worten "Kindheitstraum" und "Ehre".

Zeit zu lernen wird er genügend haben. Selbst ein Raphael Varane, mit dem Todibo in Frankreich verglichen wird, stand nach seinem Wechsel zu Real erstmal drei Jahre lang in der zweiten Reihe. Ähnliches blüht wohl Todibo. "Er ist ein Schlüsselspieler für die Zukunft", sagte Abidal, der wisse, dass Barcas Neuzugang "sehr unerfahren" ist.

Dennoch hat Spaniens Tabellenführer da einen echten Coup gelandet. Nicht ohne Grund war halb Europa hinter Todibo her (Bayern, Dortmund, Juventus, Liverpool, uvm.). "Er hat nur zehn Spiele bei Toulouse gemacht, aber wenn man ihn in einem sieht, reicht das als Überzeugung", sagte Abidal.

Ab Sommer verändert sich Todibos Situation

Einerseits ist Todibos Potenzial schwer abzuschätzen. Andererseits zeigt seine Entwicklungskurve in den vergangenen beiden Jahren steil nach oben.

Todibo ist gelernter Sechser. Seine Technik ist ein Trumpf im Spielaufbau sowie in Drucksituationen. Defensiv überzeugt Todibo vor allem durch seine Lufthoheit. 1,89 Meter Körpergröße helfen. Seine langen Beine weiß er aber auch im Zweikampf einzusetzen: Selbst wenn ein Angreifer mal schneller ist, bekommt Todibo immer einen Fuß dazwischen.

Aufgrund seiner Stärke am Ball hat Todibo jedoch einen Hang zur Risikofreude. "Er muss etwas einfacher spielen, manchmal ist er etwas zu launisch", meint Gael Vena, Kapitän der Toulouse-Reserve. Das weiß Todibo. Deshalb betonte er bei seiner Vorstellung nochmal: "Im Moment möchte ich in diesen ersten drei Monaten von meinen Mitspielern lernen."

Im Sommer will Barcas neuer Musterschüler dann seinen Abschluss machen. Dann winken auch deutlich mehr Einsätze. Schließlich kehrt Murillo nach Valencia zurück und der Vertrag von Vermaelen läuft aus (und wird wohl nicht verlängert). Todibo war ursprünglich ohnehin erst ab Sommer eingeplant. So hat er eben eine verlängerte Eingewöhnungsphase, die sicher nicht schadet.

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