Fussball

LaLiga: Die bewegende Geschichte von Atletico Madrids Thomas Partey

Von Daniel Nutz
Thomas Partey spielt bei Atletico Madrid mittlerweile eine immer größer werdende Rolle.
© getty

Thomas Partey trifft mit Atletico Madrid im Achtelfinal-Rückspiel der Copa del Rey auf den FC Girona (JETZT live auf DAZN). Alltag. Mittlerweile zählt Partey zum Stammpersonal der Rojiblancos. Um das zu erreichen, musste er sogar die eigene Familie ahnungslos zurücklassen.

Es ist ein heißer Tag in Odumase Krobo. Die Sonne brennt vom Himmel, auf den Straßen werden die für die Stadt im Südosten Ghanas bekannten Glasperlen verkauft, als ein Spanier einen einheimischen jungen Mann anspricht. Es war ein Gespräch, das von einer Sekunde auf die andere alles verändern sollte.

Der Spanier war ein Spielerberater und der junge Einheimische war Thomas Partey. "Ich wurde in ein Auto gepackt, sie haben mich in die Hauptstadt gefahren, mir den Pass in die Hand gedrückt und gesagt: 'Deine Reise findet heute statt!'', erinnerte sich der heutige Profi von Atletico Madrid einst in der Marca an jenen Tag im Jahr 2011 zurück, der sein Leben auf den Kopf stellte.

"Mein Vater war nicht zu Hause, keiner von meiner Familie wusste etwas davon, als ich in den Flieger nach Spanien stieg", beschrieb Thomas die Umstände. "Es dauerte einige Zeit, bis die Leute merkten, dass ich nicht mehr in Ghana war."

Ganz ohne Wissen war seine Familie jedoch nicht. Als Scouts Thomas einige Wochen vorher entdeckten, sprachen sie mit seinem Vater und fragten diesen, ob er mit einem Probetraining des Schützlings in Europa einverstanden wäre. Als Papa Partey das Okay gab, wurde alles weitere in die Wege geleitet.

Zwei Punkte blieben dabei allerdings offen: Zeitpunkt und Klub. Folglich kam die spontane Abreise für alle Mitglieder der Partey-Familie quasi aus heiterem Himmel. Das Ziel? Atletico Madrid.

Für die Karriere des Sohnes gab Vater Partey alles

Bereits als junger Mann ließ Thomas also ließ alles stehen und liegen, um seinen großen Traum zu verwirklichen. Fußballprofi zu werden, war ein Teil dieses Traums, sein tatsächlicher Antrieb ein anderer. Thomas wollte etwas zurückgeben.

Über den Agenten erfuhr er, dass sein Vater weder Kosten noch Mühen scheute, um dem Sohnemann die bestmöglichen Chancen zu gewähren. "Sie haben Geld geschickt, dass ich mir neue Fußballschuhe kaufen kann", erzählte der mittlerweile 25-Jährige. Woher dieses Geld stammte, wusste er damals nicht.

"Er hat viel investiert und Wertgegenstände verkauft, um mir die nötigen Papiere oder eben neue Schuhe zu besorgen", weiß Partey inzwischen. Dass ihm sein Vater das verheimlichte, lag vor allem daran, dass er das Geld sonst niemals angenommen hätte.

Steven Gerrard war Thomas Parteys Vorbild

Bei den Rojiblancos angekommen erkennt man das Potenzial des Jungen schnell. Aufgrund seiner Fähigkeiten wird bereits in den ersten Einheiten klar, dass es sich um einen Spieler für die Zukunft Atleticos handeln könnte.

Als Thomas schließlich in einem Freundschaftsspiel der Jugendmannschaft als Bindeglied zwischen Offensive und Defensive auf seiner Lieblingsposition im zentralen Mittelfeld brillierte, war die Entscheidung des Klubs gefallen.

Thomas war von nun an also Teil von Atletico Madrid, einem Klub, den er in seiner Heimat nicht wirklich verfolgte. "Dort haben wir normalerweise die Premier League geschaut", verriet er einst gegenüber Goal und SPOX. "Aus Spanien interessierte man sich eigentlich nur für Barcelona und Real Madrid, manchmal noch für Sevilla, aber nicht für Atletico."

Deshalb lag es auf der Hand, dass eines seiner größten Vorbilder auch auf der Insel kickte. Während seiner Kindheit habe er zu Steven Gerrard aufgeschaut, erwähnte er damals. Auch Yaya Toure und natürlich Landsmann Michael Essien waren Stars, an denen er sich spielerisch orientieren wollte.

Zwei Leihen verhelfen Thomas Partey zum Atletico-Durchbruch

Über sieben Jahre sind nun vergangen, seit sich Thomas Hals über Kopf in das Abenteuer Europa stürzte, und er wurde für diesen Schritt belohnt. Mittlerweile ist er Stammspieler unter Trainer Diego Simeone, wurde mit dem Klub Europa-League-Sieger und gehört zu den wertvollsten Spielern auf der zentralen Position vor der Abwehr.

Doch es war ein steiniger Weg, den er zu bestreiten hatte. Thomas musste sich zunächst über die zweite Mannschaft empfehlen. Im März 2013 wurde er erstmals in den Profikader berufen, zum Einsatz kam er jedoch nicht. So sollte es noch bis November 2015 andauern, bis Thomas nach zwei erfolgreichen Leihen in einem Pflichtspiel für Atletico auflaufen durfte.

Die Spielzeit 2013/14 verbrachte er beim Zweitligisten RCD Mallorca, wo er auf Anhieb Stammspieler wurde. In der darauffolgenden Saison feierte er sein Debüt in LaLiga, die Station bei UD Almeria verhalf ihm zum nächsten Schritt seiner Entwicklung.

Im Sommer 2015 kehrte er schließlich in die Hauptstadt zurück, wo er sich immer mehr zu Simeones Allrounder entwickelte. 23 Pflichtspieleinsätze standen in seiner ersten echten Saison bei den Atletico-Profis zu Buche. Höhepunkt war dabei seine Einwechslung im Champions-League-Finale 2016, das man erst im Elfmeterschießen gegen den Stadtrivalen Real verlor.

Seitdem hat sich Thomas stetig gesteigert. Er hat sich zum Nationalspieler entwickelt und gehört in den vergangenen Monaten fast immer zur ersten Wahl Simeones. Seine eigenen Ansprüche hat Thomas dementsprechend angepasst, wie ein Interview nach dem 1:0-Sieg gegen Espanyol im Dezember zeigt.

"Manchmal fühle ich mich unglücklich bei Atletico", sagte er damals. "Du musst in den wichtigen Partien spielen, um glücklich zu sein und dich stark zu fühlen." Dabei stand er beispielsweise in fünf von sechs Spielen in der Königsklasse in der Startelf.

Thomas Partey sieht Zukunft bei Atletico Madrid

Möglicherweise war das auch ein Grund dafür, seine aus der Emotion heraus getroffenen Aussagen wenig später zu relativieren. "Atletico ist der Klub, bei dem ich sein möchte, bei dem ich mich als Spieler weiter entwickeln will", schrieb er bei Instagram. "Es stimmt, dass ich meiner Meinung nach eine noch wichtigere Rolle einnehmen könnte, aber dafür arbeite ich jeden Tag hart. Ich werde mich nicht auf dem Erreichten ausruhen."

Thomas hat seinen Traum verwirklicht. Er ist längst auf der strahlenden Bühne des Profifußballs angekommen - und, für ihn noch wichtiger, er konnte seiner Familie etwas zurückgeben. Heute weiß er: Es hat sich gelohnt, damals in einen fremden Wagen einzusteigen - und einfach zu verschwinden.

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