Fussball

Zinedine Zidane und Ernesto Valverde: Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen

Von SPOX
Ernesto Valverde vom FC Barcelona und Zinedine Zidane von Real Madrid verstehen sich bestens
© getty

Der Clasico zwischen dem FC Barcelona und Real Madrid ist auch immer ein Duell der Trainer. Am Sonntag (20.45 live auf DAZN und im LIVETICKER) treffen Ernesto Valverde und Zinedine Zidane erneut aufeinander.

Gewöhnlich ist eigentlich ein Wort, das im Zusammenhang mit dem Clasico nicht fallen sollte. Und doch ist vieles am spanischen Spitzenduell in der laufenden Saison alles andere als außergewöhnlich. Das Topduell zwischen Barcelona und Real ist abgekühlt und längst nicht mehr so heiß wie noch vor einigen Jahren.

Das liegt unter anderem an der recht entspannten Ausgangslage. Der FC Barcelona hat die Meisterschaft schon gesichert, das einzige, was Real noch tun kann, um die Feierlichkeiten zu verderben ist, den traditionellen Spalier zu verweigern.

Ein nicht unwesentlicher Diskussionspunkt in Spanien, der doch noch ein wenig an hitzige Duelle der Vergangenheit erinnert. Die Zeit von Roten Karten, Trainern auf der Tribüne, langen medialen Duellen oder diversen Fingern in Augen, die ihnen nicht gehören, sind vorbei.

Zidane und Valverde sind langweilig

Nun ist daran nicht alleine die Tabelle schuld. Tatsächlich heißen die Hauptgründe dafür Valverde und Zidane, die dem Spiel keine derart emotionale Bedeutung zumessen, wie es beispielsweise Jose Mourinho und Pep Guardiola getan haben.

Beide Trainer sind nicht darauf aus, die Stimmung aufzuheizen. Auch deshalb findet der Clasico in Spanien bisher vergleichsweise wenig medialen Anklang. Anders ausgedrückt: Zidane und Valverde sind zu langweilig, um für gute Schlagzeilen zu sorgen.

Die beiden kleiden sich wie Gentlemen und verhalten sich auch so. Das geht so weit, dass die eigene Mannschaft vor dem Duell um Spaniens Krone, in diesem Jahr zumindest eine Krone gebaut aus Ehre, schnell zum Underdog gemacht wird.

Zidane und Valverde: "Wir sind gut, aber der Gegner auch"

Zidane und Valverde halten ihre Pressekonferenzen ganz nach dem Motto "Wir sind gut, aber die Gegner sind auch gut". Sie haben sich angepasst an die aggressive Medienlandschaft ihrer Liga. Hier werden Wörter auf die Goldwaage gelegt und ein falscher Satz kann wochenlang ausgeschlachtet werden.

Jede Formulierung will wohlüberlegt sein, Angriffsfläche wollen die Trainer auf keinen Fall bieten. "Jetzt reicht es mir aber mit dem Pasillo. Wir beenden das hier, so wichtig ist das auch nicht", sagte Valverde nach zahlreichen Fragen zum Spalier - das darf für seine Verhältnisse schon als emotionaler Ausbruch gelten.

Gleiches vollführt Zidane auf der königlichen Seite, die aus dem Mund des Franzosen gar nicht so königlich klingt. Er hat es geschafft, sein eigenes Team zu einem Underdog zu reden. Das tat er gegen den FC Bayern München und vollführte das Kunststück auch gegen den FC Barcelona.

Die Stationen von Ernesto Valverde als Spieler

VonBisStation
07/198306/1985Deportivo Alaves
07/198506/1986Sestao River
07/198606/1988RCD Espanyol
07/198806/1990FC Barcelona
07/199006/1996Athletic Club
07/199606/1997RCD Mallora

Zidane und Valverde: Autorität fußt auf verschiedener Basis

Echte Gentlemen also neben dem Platz. Auf dem Platz wird ein solches Benehmen allerdings oft schnell vergessen. Nicht so bei Valverde und Zidane. Sie coachen in Anzügen, eine Hand locker in der Tasche abgelegt, die andere zeigt würdevoll auf den Platz. Wutausbrüche sind selten, gejubelt wird nicht minder zurückhaltend.

Beide strahlen sie große Autorität und Souveränität aus. Hier trennen sich aber die Wege der Trainer. Zidane baut in Sachen Autorität sehr stark auf seine Vergangenheit als Real-Legende. Er kennt den Verein, er spielte auf höchstem Niveau, er wäre wahrscheinlich rein technisch ein Upgrade zu vielen Spielern seines Kaders.

Valverde hingegen definiert sich anders. Der Baske scherzt mit seinen Spielern, hat aber doch klare Regeln im Spiel- und Trainingsbetrieb. Er greift auf seine Führungsspieler zurück und kommuniziert fast durchgehen mit Spielern wie Gerard Pique, Sergio Busquets oder Lionel Messi.

Cristiano Ronaldo identifiziert sich mit Zinedine Zidane

Niemand bei Real Madrid würde auf die Idee kommen, Zidane auf dem Meisterbus die Tür zuzuhalten. Pique hat es getan, er sperrte Valverde ins untere Geschoss des Fahrzeugs und lachte sich mit seinen Mitspielern schlapp. Auf dem Platz würden sie es aber nicht wagen, die Anweisungen Valverdes zu missachten.

Ob Zidane nun im Umkehrschluss seine Mannschaft rein autoritär führt? Sicher auch nicht. Aber er greift auf seine Erfahrung und sein Standing zurück, um Spieler wie Cristiano Ronaldo davon zu überzeugen, dass die Ideen des Trainers nicht verkehrt sind.

Zidane erklärte dem Portugiesen er könne seine Karriere verlängern, sollte er sich gelegentlich eine Pause gönnen. Und er überzeugte CR7 davon, Freistöße abzutreten, indem er ihn zu einem Duell auf dem Trainingsplatz herausforderte und gewann. "Ich identifiziere mich mit ihm", sagte Ronaldo über seinen Trainer.

Die Leistungsdaten von Zinedine Zidane bei Real Madrid

WettbewerbEinsätzeToreAssists
Primera Division1553744
Copa del Rey1930
Champions League45919

Balance im Clasico das wichtigste Gut

Zidane nun als "gewöhnlichen" Trainer abzutun, wäre damit falsch. Warum also die gewöhnlichen Gentlemen? Valverde und Zidane sind keine Taktik-Pioniere, keine radikalen Vordenker oder wissenschaftlichen Vorreiter.

Sie wissen schlicht, welche Qualitäten sie in ihrem Kader finden und versuchen sich dann an einer passenden Balance für das Team. Ballbesitz ist möglich genauso wie schnelles Konterspiel. Hohes Pressing wird manchmal gebraucht, manchmal lauern die Teams aber auch etwas tiefer.

Valverde und Zidane sind in diesem Punkt gewöhnlich und das nicht in einem abwertenden Sinn. Sie gehen keine großen Experimente ein, weil der Raum für Fehler auf ihrem Niveau minimal ist. Einfaches Trainerhandwerk, das gut implementiert wird, gleichwohl aber weit entfernt von strategischen Gerüsten a la Guardiola ist.

FC Barcelona und Real Madrid: Wie das 4-4-2 wieder aktuell wurde

Natürlich haben beide Mannschaft ihre Eigenheiten, definieren sich aber zu einem großen Teil auch darüber, wie sie die große individuelle Qualität einsetzen. Zidane setzt auf einen sicheren Aufbau mit großer Überzahl und zieht dabei Toni Kroos und Luka Modric immer wieder zurück in die erste Aufbaureihe.

Valverde hat die Verbindung zwischen Lionel Messi und Jordi Alba nochmals gestärkt und setzt immer häufiger auf zwei zentrale Mittelfeldspieler. Hier findet sich eine nächste Parallele: Beide Trainer haben das selten gewordene flache 4-4-2 wieder in ihren Werkzeugkasten aufgenommen.

Die Interpretation ist unterschiedlich, wenngleich aber nicht unähnlich. Während Valverde durchaus mit dem 4-4-2 als Grundordnung beginnt, hat Zidane die Formation eher als Mittel zur Umstellung in einer Partie in Petto.

Gentlemen: Ernesto Valverde und Zinedine Zidane

Die Gründe liegen auch hier auf der Hand: Balance, einfache Abstimmung und eine Anpassung an die gegebene Qualität im Kader. Das 4-4-2 eignet sich gut für aktives und doch sicheres Pressing, mit einfachen Anpassungen kann es auch in Ballbesitz effektiv genutzt werden. Die Außenverteidiger können hinterlaufen, während die Außenmittelfeldspieler nach innen ziehen oder das Spiel in die Breite ziehen.

Die Möglichkeiten sind breit gefächert und machen eine gewöhnliche Spielanlage zur Möglichkeit für zwei der besten Teams der Welt. Gut möglich also, dass der Clasico am Sonntag auch dadurch entschieden wird, welches Team zuerst aus der Balance gerät.

Die Trainer werden ganz sicher ihre Balance halten. Sie werden sich vor Spielbeginn umarmen, einen zuvor bereitgelegten Witz erzählen, kurz höflich lachen und dann ihrer Wege gehen. Ganz gewöhnliche Gentlemen eben. Nur dass sie anschließend für Erfolg und Misserfolg im spanischen Spitzenduell verantwortlich sind.

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