Fussball

Spätzünder im Offensivrausch

Von Oliver Wittenburg / Zakaria Mjallad
Der neue Mann beim FC Barcelona: Nelson Semedo

Ein Jahr ist es her, dass Dani Alves den FC Barcelona in Richtung Turin verließ. Neun Jahre lang war der Brasilianer eine Institution auf der rechten Seite der Blaugrana und die Lücke, die er hinterließ, war größer als befürchtet. Jetzt hat man mit Nelson Semedo den potenziellen Nachfolger geholt. Vor dem Rückspiel der Supercopa de Espana zwischen Real Madrid und Barca (23 Uhr live auf DAZN) blickt SPOX auf den jungen Portugiesen, der ein ersehnter Volltreffer sein kann - auch wenn er eigentlich nur zweite Wahl war.

Der Pass in die Tiefe gerät eigentlich viel zu steil, doch auf der Linie erreicht er ihn und hält ihn mit der Hacke im Spiel. Er sprintet zurück und bevor der Gegner an den Ball kommt, lässt er diesen mit einer perfekten Zidane-Pirouette ins Leere laufen. Sein erster, anschließender Pass-Versuch wird zwar noch abgefangen, doch der Ball landet wieder an seinem Fuß. Der Rest ist dann simpel: ein Blick, die Flanke zur Mitte, Kopfball, Tor!

Nelson Semedo steht durchaus für Spektakel und dabei ist der Mann auf der Position des Rechtsverteidigers zuhause. Doch damit ist er bei seinem neuen Arbeitgeber womöglich genau an der richtigen Adresse, denn schließlich sorgte Dani Alves außen rechts beim FC Barcelona neun Jahre lang für die große Show und wurde nach seinem Abschied im Sommer 2016 bitterlich vermisst.

Sergi Roberto und Aleix Vidal durften sich als Nachfolger des Brasilianers versuchen, doch beide genügten den hohen Ansprüchen bei weitem nicht.

Bellerin, der Auserwählte

Semedo scheint viel eher dazu in der Lage zu sein, das enorme Anforderungsprofil zu erfüllen, dabei war der 23-jährige Portugiese nur die B-Lösung.

Hector Bellerin war der Auserwählte. Der spielte als Knirps etliche Jahre bei Barca, ehe er als 16-Jähriger zum FC Arsenal wechselte. Dort ist er mit 22 Jahren inzwischen Stammspieler und glücklich genug, um dem Lockruf aus der alten Heimat zu widerstehen.

Es musste eine Alternative für Bellerin her und die wurde in Semedo schnell gefunden. "Ja, wir haben uns auch andere Spieler angeschaut, aber wir haben uns entschieden, dass Semedo derjenige ist, den wir wollen", stellte Sportdirektor Robert Fernandez klar.

Und Fernandez weiter: "Der Name von Nelson tauchte schnell auf unserer Liste auf, denn er hat technisch und körperlich die nötigen Attribute für Barcelona."

Der stürmende Verteidiger

Und da kann man dem Barca-Manager nicht widersprechen. Offensiv-Power vom Feinsten bringt Semedo mit: Er ist antrittsstark, trickreich, technisch herausragend und verfügt über eine gute Übersicht. Eigenschaften, die ihn für das Barca-Spiel förmlich prädestinieren.

Er könnte auch als Außenstürmer fungieren, der seine Gegner im Eins-gegen-eins dank seiner Schnelligkeit und Dribbelkünste vor große Probleme stellt.

Doch Semedo ist Verteidiger und als solcher bisweilen vielleicht etwas zu risikofreudig: Durch seine Läufe in die vorderste Linie besteht die Gefahr, bei einem gegnerischen Konter zu offen zu stehen.

Defensiv gesehen ist noch Luft nach oben, aber die Entwicklung stimmt, wie sein Ex-Coach Rui Vitoria feststellte: "Er hat in dieser Saison wirklich fantastische Leistungen gezeigt und spielt sehr konstant. Vor allem defensiv hat er sich enorm weiterentwickelt."

In der vergangenen Saison verbuchte Semedo in 39 Partien (Liga und Champions League) sechs Assists sowie zwei Tore. Die Statistiken belegen seine Offensivstärke. Besonders hervorzuheben ist die Anzahl von 80 Flanken aus dem Spiel heraus. Das war Höchstwert bei Benfica.

Über Umwege zu Benfica

2012, Semedo war 18 Jahre alt, kam er zu Benfica. Über Einsätze in der B-Mannschaft des portugiesischen Rekordmeisters und eine Leihe zum Drittligisten CD Fatima spielte er sich 2015 in Benficas erste Elf. Gleich bei seinem Debüt am 1. Spieltag der Saison 2015/16 gelang ihm ein Tor.

Zwei Jahre später hat er zwei Meisterschaften gewonnen, inzwischen für Portugals A-Nationalmannschaft gespielt und Champions-League-Erfahrung gesammelt und ist nach Paulinho noch Barcelonas teuerster Sommerneuzugang. 30 Millionen Euro legten die Katalanen für Semedo auf den Tisch.

Der Youngster weiß, welches Erbe er beim FC Barcelona antritt und woran oder besser: an wem er gemessen werden wird. Da trifft es sich gut, dass die beiden sich so ähnlich sind.

Dani Alves ist der Maßstab

Alves sei der Maßstab für ihn, "weil wir mehr oder weniger die gleichen Charakteristika in unserem Spiel haben. Genauso wie ich liebt er es anzugreifen und sich nach vorne einzuschalten."

Noch ist Semedo nicht der neue Dani Alves, doch vermutlich kommt er dem Original näher als die anderen Kandidaten, die Barca ausprobierte, um das Vakuum auf dem rechten Flügel zu füllen.

Zuzutrauen ist es ihm. Beobachter schätzen seine Schnelligkeit, seine Leidenschaft und seinen Tatendrang, loben aber gleichzeitig sein Gefühl für das Positionsspiel und eine gewisse Reife, die er sich in den Jahren vor seinem Debüt in der ersten portugiesischen Liga erworben hat.

Zuspruch erhält Semedo von vielen Seiten. Einer, der definitiv wissen muss, was man haben muss, um als Rechtsverteidiger bei Barca zur Legende aufzusteigen, ist Juliano Belletti. Der Brasilianer, der erst im Juli als Botschafter zu seinem Ex-Klub zurückkehrte, schoss die Katalanen 2006 zum Champions-League-Titel gegen den FC Arsenal.

"Wir wissen doch, wie schwierig es ist, einen Außenverteidiger für den FC Barcelona und seine Spielweise zu finden, aber ich glaube, er ist die richtige Wahl."

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