Atletico Madrids Co-Trainer German Burgos: Diego Simeones schlauer Kampfhund

Mittwoch, 16.05.2018 | 12:19 Uhr
German Burgos ist der Co-Trainer von Diego Simeone bei Atletico Madrid
© getty
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Im Europa-League-Finale gegen Olympique Marseille wird Co-Trainer German Burgos den Platz des gesperrten Diego Simeone einnehmen (20.45 im LIVETICKER). Wie Simeone gerät auch er regelmäßig mit Verantwortlichen, Schiedsrichtern und anderen Trainern aneinander. Doch hinter dem Co-Trainer steckt mehr als nur ein Krawallmacher.

Derby-Zeit in Madrid. Atletico führt gegen den Stadtrivalen nach rund einer Stunde mit 2:1, da ergibt sich plötzlich die Chance zur Entscheidung. Diego Costa geht gegen Alvaro Arbeloa am linken Strafraumeck ins Laufduell. Der Angreifer schüttelt seinen Kontrahenten ab wie eine lästige Fliege, Arbeloa hechelt hinterher, verliert das Gleichgewicht und stolpert Richtung Rasen. Costa, dem eigentlich sämtliche Türen offenstehen, sieht seine Chance gekommen, imitiert den Körperkontakt und sinkt seinerseits auf das Grün. Der Schiri lässt sich nicht beirren und entscheidet (zurecht) auf Schwalbe. Die Bank der Rojiblancos wütet.

Doch nicht Diego Simeone mimt den Chef im Ring. Dieser scheint mit der Entscheidung einverstanden und reklamiert für seine Verhältnisse nur dezent. Das eigentliche Spektakel liefert sein Co-Trainer. Dieser ist überhaupt nicht mehr einzufangen und stürmt wie ein Kampfhund auf den Unparteiischen zu. Sein Blick lässt nicht darauf schließen, dass der Coach auf einen besonnenen Dialog abzielt.

Nicht weniger als sechs Mann Atletis inklusive Simeone und Arda Turan sind nötig, um eine Eskalation zu verhindern. Mit reichlich Mühe gelingt es aber. Dieser Ausschnitt aus dem Jahr 2014 ist nur eine von unzähligen Szenen, die einen Einblick in den Gemütszustand des wohl temperamentvollsten Trainers im Fußballgeschäft gewährt. Die Rede ist von German Burgos von Atletico Madrid.

German Burgos: Operation? "Wir machen es am Montag"

Bereits in seiner aktiven Zeit als Keeper sorgte Burgos, der als argentinischer Nationaltorhüter an zwei Weltmeisterschaften teilnahm, mit seiner harten Spielweise bei den Stürmern für Angst und Schrecken. 2001 stellte er im Dress vom RCD Mallorca sein kompromissloses Auftreten unter Beweis, als er sich mit einer Attacke auf Espanyols Manuel Serrano für eine der längsten Sperren im spanischen Fußball überhaupt bewarb - mit Erfolg. Elf Spiele bekam er aufgebrummt.

In Erinnerung bleiben aber auch seine sportlichen Leistungen. Er bestach durch seine Qualitäten im Eins-gegen-eins und packte regelmäßig unkonventionelle Paraden aus. Für die Albiceleste hütete er 35 Mal das Tor, im Verein avancierte er unter anderem bei River Plate und Atletico Madrid zum Stammspieler, wobei er bei letzterem Verein im Internet Prominenz erlangte, als er 2003 im Derby einen Elfmeter von Luis Figo mit dem Gesicht abwehrte.

Auch neben dem Platz machte der 47-Jährige seinem Ruf als wenig zimperlicher Kämpfer alle Ehre: 2003 bekämpfte er erfolgreich Nierenkrebs und als ihm die Ärzte sagten, dass er sich unbedingt noch einer Operation unterziehen müsse, antwortete er: "Ich habe am Wochenende ein Spiel. Wir machen es am Montag."

German Burgos passt perfekt zu Diego Simeone

Als Burgos seine Karriere 2004 beendete, sammelte er auf einem komplett fremden Gebiet Erfolge, indem er seine Fußballschuhe gegen ein Mikrofon eintauschte. Mit Freunden gründete er die Hard-Rock-Band "Simpatia", die heute als "The Garb" bekannt ist, und stellte sich mit schwarzem Kopftuch auf die Bühne. Doch sein Ausflug in die Welt der Musik war nicht von Dauer: Simeone, der Burgos noch als Teamkollege bei Atletico erlebte, lotste Burgos zurück ins Fußballgeschäft.

Denn wenn es hart auf hart kommt, will man Typen wie Burgos auf seiner Seite wissen. Das dachte sich zumindest Simeone und engagierte seinen Landsmann als Co-Trainer. Seitdem passt zwischen die Kompagnons kein Blatt Papier. Kein Wunder, Simeones Philosophie der vollständigen Aufopferung und des unbändigen Siegeswillens passt zu Burgos wie lockere Sprüche zu Thomas Müller. Ist Simeone - wie kürzlich nach dem Ballwurf-Eklat - wegen einer Sperre verhindert, übernimmt kurzerhand Burgos die Chefrolle - so ergänzen sich beide Trainer und handeln stets als Team.

Über Catania Calcio und Racing Club bahnte sich das Gespann seinen Weg in die spanische Hauptstadt. Dort haben sie im Schatten der Königlichen eine wilde Bestie gezüchtet, die nicht nur die Hegemonie von Real und Barca zerstörte, sondern auch anderen internationalen Großmächten das Fürchten lehrte. Titel inklusive: Europa League 2012, UEFA Super Cup 2012, Spanischer Pokalsieger 2013, Spanischer Meister 2014, Spanischer Superpokalsieger 2014 - Atletico ist in den europäischen Olymp aufgestiegen.

Mehr als nur ein Krawallmacher

Es wäre angesichts der unrühmlichen Episoden einfach, Burgos als exzentrischen Krawallmacher abzustempeln, doch das beschreibt nur eine Facette: Während Simeone Fans und Spieler für gewöhnlich 90 Minuten oder länger anpeitscht, sitzt Burgos auf der Bank, macht Notizen und analysiert das Geschehen. Er ist ein cleverer und akribisch arbeitender Trainer, dessen Anteil an Atleticos Aufschwung man schlicht anerkennen muss.

Nichtsdestotrotz hat das Duo den Rahmen des Fairplays auf dem Weg in die Fußball-Elite in einer beängstigenden Regelmäßigkeit gesprengt - oder zumindest großzügiger interpretiert als der gewöhnliche Fan. 2015 bekam das Roger Schmidt in der Champions League am eigenen Leib zu spüren. Als Leverkusens Coach Burgos bat, das ständige Fordern von Gelben Karte doch bitte zu unterlassen, ging der Argentinier auf ihn los, beleidigte Schmidt laut El Mundo als "Stricher" und trat nebenbei noch gegen eine Bande.

Wie das in Madrid zum guten Ton gehört, ließ sich auch Simeone nicht zweimal bitten und eilte seinem Kumpel blind zu Hilfe. "German ist mein guter Freund. Ich habe gesehen, wie er mit dem anderen Trainer stritt. Da bin ich hin, um ihn zu verteidigen, ohne zu wissen, was passiert war", erklärte Simeone nach dem Spiel. Schmidt sah das naturgemäß aus einem anderen Blickwinkel. "Der Co-Trainer ist ja der Wahnsinn, er hat die ganze Zeit provoziert und wird immer wie ein Türsteher vorgeschickt", sagte Leverkusens Coach nach der Partie sichtlich angefressen und fügte an: "Man kennt das ja von ihm, wie er sich benimmt."

"Ich werde dir den Kopf abreißen"

Aber auch mit größeren Namen nimmt es Burgos jederzeit auf. Der Argentinier geriet einst im Derby mit Jose Mourinho aneinander und drohte dem Portugiesen in Anlehnung an dessen Finger-ins-Auge-Aktion gegen Tito Vilanova: "Ich bin nicht Tito, ich werde dir den Kopf abreißen!"

Besonders in großen Spielen geht das Temperament offenbar mit El Mono (spanisch für: der Affe), wie Burgos auf der iberischen Halbinsel wegen seiner Körpergröße von 1,88 Meter und seinem wilden Erscheinungsbild genannt wird, durch. Sollte es im Europa-League-Finale zu Meinungsverschiedenheiten kommen, dürfte Burgos nicht weit sein.

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