Der Fehler im System

Mittwoch, 16.03.2016 | 12:09 Uhr
Sergio Busquets kam aus der Barca-Jugend in die erste Mannschaft
© getty
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Sergio Busquets ist einer der besten Mittelfeldspieler der Welt und erhält beim FC Barcelona inzwischen die Aufmerksamkeit, die ihm zusteht. Im Duell mit dem FC Arsenal wurde wieder einmal klar: Der Katalane gehört nicht in diese Fußball-Welt.

Der Fußball hat sich verändert. Hin zu einem Chaos aus bunten Lichtern, blitzenden Farben, einem steten Gemurmel und nie einhaltendem Hintergrundgeräusch. Er ist laut, schnell, nicht aufzuhalten. Wie ein riesiger Sturm, der übers Land zieht, hat er Stück für Stück alles eingenommen.

Keine Sekunde vergeht ohne neue Meldungen, neue Gerüchte, neue Posts auf Instagram oder Facebook. Keine Sekunde vergeht ohne Wasserstandsmeldung, wilde Spekulation oder Breaking News. Keine. Einzige. Sekunde. Nicht einmal wird kurz inne gehalten, nicht einmal wird einfach nur genossen.

Die Zeit rennt von Spieltag zu Spieltag, von Partie zu Partie. Wer sich in den Weg stellt, wird mitgerissen, landet in einem Wirbelsturm aus Designerklamotten, übergroßen Kopfhörern, teuren Autos und glitzernden Schuhen. Irgendwo tief drin, ist aber alles still.

Die Ruhe im Sturm

Das Auge des Sturms ruht. Nicht viele erreichen diesen Punkt, die meisten scheitern weit, weit davor. Es gibt sie noch, diese Momente, die den Sport ausmachen. Die alles zum Verstummen bringen. Ein kurzer Moment, der danach in einen noch größeren Sturm übergeht.

Momente, in denen sich das Stadion Reihe für Reihe erhebt. In denen Gespräche plötzlich enden, die Zeit langsamer läuft und sich die Hände mit Bier oder Stadionwurst senken. Seltene Augenblicke sind es, produziert von den Besten ihres Fachs. Jeder hat seine eigenen Mittel und Wege und doch produziert sie niemand so zuverlässig wie Sergio Busquets.

Der Katalane hat seine ganz eigenen Methoden gefunden, um zu faszinieren. Sieht man sein Spiel, möchte man es mit leisen Streicherklängen unterlegen. Er spielt nicht wie aus einem Guss, ganz im Gegenteil. Jede Bewegung scheint staksig und unbeweglich, nicht gemacht für einen Fußballer.

"Ich bin hier für Lösungen"

Sein hoher Körperschwerpunkt lässt Busquets aussehen wie einen Basketballer, der in der falschen Sparte gelandet ist. Doch es geht nicht um die Beine in seinem Spiel. Es geht um den Kopf, um jeden Schulterblick und um jede rasche Bewegung der Augen. Johan Cruyff sagte einst, Schnelligkeit finde zu allererst im Gehirn statt. Wer 90 Minuten lang das Spiel von Barcas Schaltzentrale verfolgt, weiß, was der Niederländer meinte.

"Ich bin hier für Lösungen", erklärte Busquets selbst gegenüber El Pais. Diese Lösungen nehmen im Kopf ihre Form an. Sein Spielverständnis ist hervorragend, er antizipiert gegnerische Züge wie kaum ein anderer und erstickt viele Angriffe schon, bevor sie überhaupt ins Rollen kommen.

Wie ein Schachspieler könnte man meinen, doch die Nummer fünf der Blaugrana beschränkt sich nicht auf das Vorausahnen einzelner Züge, sie erkennt das große Ganze. Zweikämpfe klärt Busquets oft schon mit dem ersten Kontakt, er erkämpft Bälle nicht, sondern fängt sie ab und leitet sie direkt vom gegnerischen Fuß weiter zu seinen Mitspielern.

Multitasking ohne Platz für Fehler

Nicht selten muss er riesige Räume alleine übernehmen, gleichzeitig das Spiel aufbauen und Verbindungsstelle zwischen verschiedenen Mannschaftsteilen sein. "Wenn ich den Ball verliere, erzeuge ich ein großes Problem für die Mannschaft", ist er sich der Last auf seinen Schultern bewusst.

Unter Luis Enrique sind noch mehr Aufgaben hinzugekommen für den 27-Jährigen. Immer öfter sieht man ihn unterstützend auf beiden Flügeln, immer weiter stößt er in Ballbesitzphasen mit nach vorne. Gerade im Gegenpressing rutscht er weit nach vorne und ist nicht mehr der Anker, der er einmal unter Pep Guardiola war.

Alte Kompetenzen hat er nicht verloren. Die Pässe landen noch immer mit viel Präzision zwischen den gegnerischen Linien, selbst unter Manndeckung oder besonderer Bewachung, wie sie seit Jahren regelmäßig angesetzt wird, hält er den Ball und leitet ihn erfolgreich weiter.

Kann er den Ball nicht behaupten oder den gegnerischen Angriff nicht unterbinden, greift Busquets zum leichten Faller oder dem taktischen Foul. Er ist kein Engel, kein Außerirdischer. Er ist nur Fußballer, wenn auch ein außergewöhnlicher.

Der Fehler im System

In diesem Sport, der immer mehr geprägt wird vom Umschaltmoment, der physischen Komponente des Spiels, Datenanalysen und Verwissenschaftlichung ist er der große Fehler im System. Busquets nimmt sich Zeit, im Notfall verlangsamt er sie. Er muss nicht nach jedem Ballgewinn schnell nach vorne spielen, er muss keine Sprintduelle gewinnen.

Sein Spiel ist nicht in Zahlen festzuhalten. Eine Passquote sagt nichts über die Leistung von Busquets aus, ebenso wenig wie die Anzahl an gewonnen Zweikämpfen oder gar der Torbeteiligungen. Als "gerissenster Spieler des Kaders" wurde er einst von Xavi bezeichnet.

Er ist der Beweis, dass man trotz aller Bemühungen im Fußball nie alles ausmessen können wird. Eine Skala für Pressingsresistenz ist schlichtweg nicht definierbar.

Vielleicht ein Grund, warum man ihm nachsagt, nicht die Anerkennung zu ernten, die ihm zusteht. Für das von der UEFA ausgerufene Team des Jahres stand Busquets nicht zur Wahl, auf individuelle Auszeichnungen wartet er vergeblich. "Natürlich will jeder, dass seine Arbeit anerkannt wird. Andererseits werden diese Titel aber auch oft nach Bekanntheit vergeben", stellte er kürzlich gegenüber MundoDeportivo fest.

Aufmerksamkeit unerwünscht

Und doch ist Busquets schon lange nicht mehr der Geheimtipp unter Experten. Er hat mit 27 Jahren 21 große Titel gewonnen, ist Welt- und Europameister. Vicente del Bosque verkündete erst, wenn er die Wahl hätte, würde er gerne im Körper des Mittelfeldspielers wiedergeboren werden.

Auch die allgemeine Wahrnehmung hat sich verändert, er wird inzwischen als der angesehen, der er ist: einer der besten in seinem Job.

Für ihn ist es tatsächlich ein Job. Wieder ein Fehler im System. Busquets verzichtet auf Öffentlichkeit, Interviews am Spielfeldrand hören sich an wie das ABC der Medienschulung. Er hat keinen Social-Media-Account, postet keine Bilder aus der Kabine und verzichtet darauf, selbst Werbeverträge abzuschließen.

"Ich akzeptiere, dass ich in dieser Hinsicht komisch bin. Aber ich fühle mich wohl so und brauche weder Facebook noch Twitter, um glücklich zu sein. Ich bin nicht besser oder schlechter als andere. So wurde ich erzogen", so der gebürtige Katalane. Er sieht den Ursprung seiner Spielweise in seiner Erziehung: "Ich bin auch in meinem Leben so. Ich bringe Vernunft in das Spiel."

Dort, wo andere den Sturm mit grandiosen Dribblings, kraftvollen Distanzschüssen oder spektakulären Seitfallziehern kurz zum Stehen bringen, sind es bei Busquets die kleinen Dinge, die man erst bemerken muss, damit sie einem den Atem rauben. Vielleicht hat er sich gerade deshalb ins Auge des Sturms zurückgezogen: "Ich versuche, unbemerkt zu bleiben."

Sergio Busquets im Steckbrief

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