Fussball

Real + Rafa = Liebe?

Rafa Benitez, Real Madrid
© getty

Es ist ein offenes Geheimnis, dass Rafael Benitez am Mittwoch bei Real Madrid als neuer Coach vorgestellt wird. Der Spanier war bereits Jugendtrainer und Co-Trainer bei den Königlichen, doch erst jetzt findet man zusammen. Dabei stellt sich eine große Frage. Real und Rafa: Passt das überhaupt?

Die Entlassung von Carlo Ancelotti in der vergangenen Woche kam jetzt nicht völlig überraschend. Nach dem Champions-League-Aus gegen Juventus Turin im Halbfinale, aber spätestens nach der verpassten Meisterschaft war klar, dass der Italiener gehen muss. Ein Jahr ohne Titel ist in Madrid nicht akzeptabel. Über Sinn und Unsinn dieses Anspruchs muss man an dieser Stelle nicht diskutieren.

So schnell wie die Trennung von Ancelotti vonstattenging, so schnell war ein Nachfolger gefunden. Ohne großes Suchen und Spekulieren wurde Rafael Benitez zum einzig geeigneten Nachfolger auserkoren. Man kann davon ausgehen, dass der Spanier absoluter Wunschkandidat von Florentino Perez gewesen ist. Angeblich soll der Real-Präsident in der Vergangenheit schon zweimal bei Benitez angefragt haben, jedes Mal aber war dieser nicht verfügbar.

Warum aber fährt Perez so auf den 55-Jährigen ab? Auf den ersten Blick ist Benitez kein Trainer, der zu den Königlichen passt. Er hat nicht die Aura und den Glamour eines Jose Mourinho und nicht den Glanz eines Carlo Ancelotti. Benitez gewann zwar Titel, vor allem mit dem FC Liverpool, hinkt den Schwergewichtern der Branche in puncto Strahlkraft aber hinterher.

Anscheinend ist Perez tatsächlich von Benitez' Fähigkeiten überzeugt. Doch passt Rafa überhaupt in die königliche Welt von Real?

Ein Jahr hospitieren in ganz Europa

Benitez war kein überragender Fußballer. Zwar spielte er bei Real, war dort jedoch nur in den Reserveteams aktiv. Mit 26 Jahren beendete er seine Laufbahn als Spieler und wechselte umgehend als Trainer in die königliche Jugendabteilung. Anfang der 90er übernahm er das Traineramt von Real Madrid Castilla, ehe er anschließend durch die spanische Provinz tingelte und sich seine ersten Meriten als Cheftrainer verdiente.

Mit Real Valladolid, CA Osasuna und FC Extremadura hatte er überschaubaren Erfolg, so dass er 1999 pausierte und ein Jahr in ganz Europa bei diversen Klubs hospitierte und sich fortbildete. Zudem arbeitete er als Experte für Eurosport. Anschließend zog es ihn wieder auf die Trainerbank.

Mit Teneriffa stieg er in die Primera Division auf, mit dem FC Valencia holte er zwei Mal den Titel in Spanien, ehe er auf die Insel zum FC Liverpool wechselte. Spätestens dort machte sich Benitez in ganz Europa einen Namen. Er formte aus einer ordentlichen Truppe eine Mannschaft, die 2005 die Champions League gewann. An der Anfield Road machte er sich so unsterblich.

Geschätzt, aber nicht geliebt

Auf seiner nächsten Station bei Inter hatte Benitez weniger Erfolg, beim FC Chelsea gewann er immerhin die Europa League, war dort aber nur als Interimstrainer gedacht und stieß bei den Fans aufgrund seiner Liverpool-Vergangenheit auf wenig Sympathie. Mit dem SSC Neapel holte er im vergangenen Sommer den italienischen Pokal. Man könnte also sagen: Wo Benitez ist, ist Erfolg.

So pauschal lässt sich diese These nicht aufstellen, allerdings schafft es der Spanier, aus seinen Mannschaften das Optimale herauszuholen. Dabei ist Rafa keiner, der von seinen Spielern geliebt wird.

Er ist ein Taktikfuchs, der sein Team immer perfekt einstellt. Bei den Reds führte er Anfang des Jahrtausends Dinge wie Raumdeckung und Rotation ein - im heutigen Fußballalltag selbstverständlich. Er war einer der ersten Verfechter der Doppelsechs und machte die Variante im Mittelfeld salonfähig.

Benitez legt großen Wert auf Organisation, setzt vor allem auf eine stabile Defensive, ist aber kein Maurermeister. Seine Teams standen defensiv meistens sicher, nach vorne hin aber wurde ansehnlicher Fußball gezeigt. Unter ihm wurde beispielsweise Steven Gerrard zu einem der torgefährlichsten Mittelfeldspieler Europas, Fernando Torres zu einem der besten Stürmer des Kontinents - weil beide perfekt im Kollektiv funktionierten.

Rafa & CR7: Konfliktpotenzial?

In der Saison 2008/2009 schoss der FC Liverpool unter Benitez wettbewerbsübegreifend 119 Tore. Das Spiels seiner Teams ist selten von einzelnen Stars abhängig. Bei ihm steht der Teamgedanke über allem. Jeder im Team verteidigt, jeder im Team greift an.

Fraglich, ob das bei Spielern wie Cristiano Ronaldo, Gareth Bale und Co. tatsächlich ankommt. Gerade Ronaldo genießt und genoss Sonderrechte im Hinblick auf sein defensives Arbeitspensum. Egal unter welchem Trainer. Bei Benitez dürfte das nicht mehr der Fall sein. Diese Konstellation könnte Konfliktpotenzial bergen.

Benitez schafft es, durch seine taktischen Kniffe, das Beste aus den Spielern rauszuholen. "Talent ist schön und gut, aber Organisation ist entscheidend", sagte er einmal in einem Interview. Er ist kein großer Befürworter von Individualismus. Passt er überhaupt zu einem Team, das so sehr von Individualisten geprägt ist wie die Königlichen?

Benitez wird sich in Madrid womöglich wenig Freunde machen, dafür aber dem Team wieder eine klare Richtung vorgeben. Nicht wenige behaupteten, dass Ancelotti zu beliebt bei der Mannschaft gewesen sein soll. Mit Benitez hat man die Wohlfühloase kurzerhand in ein Taktiklabor verwandelt.

Der gebürtige Madrilene freut sich auf die Aufgabe. "Ich bin bereit", sagte Benitez vor seinem Abflug in die spanische Hauptstadt der AS und fügte an: "Ich kann es nicht erwarten, dort zu sein." Bei seiner Ankunft in Madrid betonte er, er sei "glücklich und aufgeregt". Ein Traum gehe für ihn in Erfüllung.

Die Fußstapfen von Del Bosque

Der Traum Real Madrid kann auch ganz schnell zum Albtraum werden. Der Fachmann Benitez hat definitiv das Zeug, bei den Königlichen erfolgreich zu arbeiten. Die Frage ist, ob ihm die Medien und vor allem Perez genug Zeit geben. In England war sein Verhältnis zu den Medien kompliziert. Spröde sei er, so der Vorwurf, und farblos, zudem kein unterhaltsamer Redner. Benitez ist eben Pragmatiker.

Der letzte spanische Trainer, der in Madrid wirklich Erfolg hatte, war Vicente Del Bosque. Das ist zwölf Jahre her. Im Anschluss hielt sich kein einheimischer Übungsleiter länger als ein halbes Jahr auf der königlichen Trainerbank.

Letztlich zählen bei Real Madrid nur Titel. Wenn Rafa Benitez genügend gewinnt, könnte seine Tätigkeit im Bernabeu von längerer Dauer sein. Wobei diese Rechnung auch nicht immer aufgeht - das hat die Vergangenheit schon gezeigt.

Rafael Benitez im Steckbrief

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