Real Madrid ohne Luka Modric

Déjà-vu aus dem Spätherbst

Von Ben Barthmann
Mittwoch, 22.04.2015 | 14:07 Uhr
Luka Modric erlitt erneut eine schwerere Verletzung
© getty
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Real Madrid muss im Saisonendspurt ohne Luka Modric auskommen. Ein Ausfall, der Carlo Ancelotti vor dem Rückspiel in der Champions League gegen Atletico Madrid (Mi., 20.45 Uhr im LIVE-TICKER) nicht härter hätte treffen können. Allerdings kommt den Madrilenen alles bestens bekannt vor.

"Modric wird auf der Bank beginnen, in der zweiten Halbzeit werde ich ihn 30 Minuten spielen lassen", so schlicht kündigte Carlo Ancelotti vor dem Duell mit dem FC Schalke 04 die Rückkehr des Großhirns im Mittelfeld der Madrilenen an. Luka Modric fehlte zu diesem Zeitpunkt seit knapp vier Monaten mit einem Sehnenriss im linken Oberschenkel.

25 Spiele hatte der Kroate verpasst, viermal setzte es eine Niederlage, zweimal blieb es bei der Punkteteilung. In den bisher ebenfalls 25 Spielen dieser Saison mit Modric gewann Real 18 Stück, verlor allerdings fünf und musste sich zweimal mit einem Unentschieden zufrieden geben.

Eine relativ ausgeglichene Statistik, die dem Trainer eigentlich kein allzu großes Kopfzerbrechen bereiten sollte. Der erneute Ausfall wirbelte allerdings Staub auf, der deutlich macht, wie wichtig Modric wirklich ist. Der kroatische Teamarzt wütete gegen Ancelotti und dessen Personalpolitik, der Trainer schlug postwendend zurück: "Es scheint mir, als käme er aus einer anderen Welt."

Alles wie gehabt

Eine Verstauchung im Knie sorgt für Sorgenfalten bei Ancelotti. Sechs Wochen Pause sollen es maximal werden, schätzen die spanischen Medien, aus Madrid gab es keine offizielle Prognose. Alles hänge davon ab, wie die Heilung verlaufe, das Finale der Champions League sei noch möglich.

Bis dahin ist es jedoch noch ein langer Weg, der sich mit dem Ausfall von Modric nicht unbedingt verkürzen dürfte. Ganz im Gegenteil geht den Königlichen mit dem Kroaten ein extrem wichtiger Baustein ab, besonders in den anstehenden Partien der Champions League.

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Die Alternativen sind schnell aufgezählt, wurde die Inventur doch bereits im November 2014 schon einmal durchgeführt. Asier Illarramendi, Sami Khedira und mittlerweile auch Lucas Silva sind die Optionen für die Position neben Toni Kroos. Und dann ist da natürlich noch Isco, der von James Rodriguez erneut auf die Bank verdrängt wurde.

Zahlreiche, aber keine echten Alternativen

Wirklich geschaffen für die Rolle von Modric ist jedoch keiner der Genannten. Den Kroaten zu ersetzen ist schwer, in seiner besten Form sogar unmöglich. Die enorme Spielintelligenz und Ballsicherheit, verbunden mit dem herausragenden Auge für seine Mitspieler und freie Räume bringt in diesem Paket kein anderer Spieler im Kader mit.

Modric ist zusammen mit Toni Kroos verantwortlich für den Spielaufbau und im zweiten Drittel die Durchlaufstation für nahezu jeden Angriff. Im 4-4-2/4-3-3-System der Madrilenen erfüllt niemand seine Rolle so zuverlässig wie der Kroate. In Ballbesitz als halbrechter Achter treibt er das Offensivspiel an, gegen den Ball rutscht er neben Kroos und spielt seine Stärke in der Antizipation und Balleroberung aus.

Alle 54 Minuten fängt Modric ein Zuspiel ab, Kroos braucht dafür 112 Minuten. Mit Modric muss Madrid alle 133 Minuten einen Gegentreffer hinnehmen, ohne ihn setzt es alle 96 Minuten ein Gegentor. In viel mehr Statistiken schlägt sich der Kroate jedoch nicht nieder, seine Rolle ist unauffällig und doch enorm wichtig für die Balance der Mannschaft.

Isco wohl erste Wahl

Wirklich übernehmen kann das niemand. Sami Khedira, in dieser Saison ohnehin außen vor, bringt mehr Dynamik, allerdings auch mehr Instabilität mit sich. Lucas Silva spielt noch nicht lange in Europa, ein Mann für das Viertelfinale der Champions League ist er noch nicht.

Bleiben noch die Spanier. Asier Illarramendi ist ein guter Balleroberer und sicherer Ballzirkulator, allerdings bei weitem kein Magnet der Klasse Modric. Spielt er, übernimmt Kroos die Acht und der Spielaufbau wird merklich langsamer. Elf Prozent seiner Pässe spielt Kroos ohne Illarramendi über eine längere Distanz, knapp vier Prozent sind es mit dem Spanier als Nebenmann.

Vergleich der Pässe von Modric und Illarramendi in Hin- und Rückspiel gegen Real Sociedad: Modric (r.) geht mehr Risiko, sucht die Halbräume und treibt das Offensivspiel an. Illarramendi (l.) hat eine andere Rolle inne, obwohl die Aufstellung personell nur in der Innenverteidigung verändert wurde.

Speziell gegen gut gestaffelte Teams wie Atletico Madrid keine gute Voraussetzung für ein erfolgreiches Spiel. Sein Coach hatte schon im vergangenen Jahr anerkannt: "Modric verändert den Rhythmus in unserem Angriff."

Isco könnte der Mann der Wahl von Ancelotti werden. Der 22-Jährige weist eine ähnliche Ballsicherheit auf wie Modric, beide sind auch in engen Situationen kaum von Ball zu trennen. Doch die Spielanlage entscheidet sich, Isco gibt den Ball etwas spät ab, während Modric immer ein Auge für seinen Nebenmann hat.

Probleme gegen Spitzenteams

Die Option mit Isco und Rodriguez in einem 4-3-3 mit Kroos dahinter war auch im November die erste Reaktion von Ancelotti gewesen. Erst mit der zusätzlichen Verletzung von James begann die große Mittelfeldsuche, wich Ancelotti doch zu keinem Zeitpunkt auch nur ansatzweise von seiner grundlegenden Idee eines asymmetrischen Spielsystems mit zurückfallendem rechten Flügelspieler ab.

Veränderte sich die Ausbeute auch ohne Modric kaum, bleibt doch festzuhalten, dass Real in dieser Periode die Begegnungen mit Spitzenteams nicht gewinnen konnte. Gegen Valencia (1:2), Atletico (0:4), Villarreal (1:1) und Bilbao (0:1) verspielte man die Tabellenführung, nur gegen Sevilla (2:1) gelang ein Sieg.

Ist das gegnerische Mittelfeld physisch dominant und schnell im offensiven Umschaltspiel, fehlt Modric seiner Mannschaft enorm.

"Mit Modric ist alles einfacher"

"Mit Modric ist alles einfacher, er spielt mit großer Persönlichkeit und viel Selbstvertrauen. Dadurch bekommt die ganze Mannschaft mehr Sicherheit", hatte Ancelotti nach der Rückkehr des Kroaten verkündet und fühlt sich jetzt in den November zurückversetzt. Ein Déjà-vu aus dem Spätherbst 2014. Ohne den 29-Jährigen muss er das Spiel seiner Mannschaft zwingend verändern, ohne aber allzu viele Stellschrauben zu haben.

Die drei verschiedenen Mittelfeldkombinationen, die er bisher gegen Atletico ohne Modric auf den Rasen schickte, blieben alle ihre Rechtfertigung schuldig. Im Hinspiel mit Modric verbuchte Real einige Zwischenziele mit einrückenden Außenverteidigern und dafür breit stehenden Flügelspielern, die das 4-4-2 der Rojiblancos gut bespielten, letztlich aber nicht mit Toren belohnt wurden.

Das könnte auch ohne ihn eine Option bleiben, ist das zentrale Mittelfeld doch so besser abgesichert. Dann muss jedoch das Defensivverhalten der Offensivkräfte intensiver werden, um die Flügel nicht zu entblößen - angesichts des Ausfalls von Gareth Bale und Karim Benzema eine Mammutaufgabe für Ancelotti.

Ancelotti ist vorbereitet

Bei aller Schwarzmalerei stimmt doch eines optimistisch. Der Ausfall von Modric trifft Real hart, doch lange ist der Kroate noch nicht zurück in der Mannschaft gewesen. Die Königlichen können auch ohne ihn und hatten in dieser Saison mehrfach die Gelegenheit, einen Ersatz zu finden.

Das dieser nicht Eins zu Eins im Kader steht, verwundert angesichts der großen Klasse des Kroaten nicht, doch Ancelotti hat die Möglichkeiten, den Ausfall über das Mannschaftsgefüge aufzufangen. "Seine Verletzung macht uns Sorgen", stellte er fest, geht aber nicht unvorbereitet in die Situation.

Für Modric selbst heißt es derweil Daumen drücken. Daumen drücken für einen guten Heilungsverlauf und starke Leistungen seiner Mannschaft. Dann könnte er im Finale der Champions League eventuell bei der Titelverteidigung mithelfen, das war schließlich sein zweitgrößter Wunsch im Interview mit der Marca vor der Saison. Den ersten hat er verpasst: "Ich hoffe, ein gesundes Jahr ohne Verletzungen zu haben."

Der Kader von Real Madrid im Überblick

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