Sonntag, 08.02.2015

Real Madrid nach dem 0:4 im Derby

Das ist keine Mannschaft!?

Am 23. Spieltag geht Real Madrid im Derby gegen Atletico unter. Trainer Carlo Ancelotti nimmt die Schuld auf sich, der Wind dreht sich in Spanien gewohnt schnell. Die Verantwortlichen reagieren dünnhäutig.

"Spiele jede Partie, als ob es die letzte wäre"
© getty
"Spiele jede Partie, als ob es die letzte wäre"

Ein paar Stunden nach Abpfiff schien schon wieder alles vergessen. Cristiano Ronaldo lud zu seinem 30. Geburtstag in einem Madrider Edel-Klub und feierte mit der Mannschaft bis tief in die Nacht hinein. Das mag das gute Recht des Portugiesen sein, liefert den spanischen Medien aber noch eine zusätzliche Angriffsfläche.

Zuvor war Real Madrid im Derby gedemütigt worden. 4:0 konnte man am Ende auf den Anzeigetafeln des Calderon lesen. So hoch hatte ein Tabellenführer seit November 2010 (Real 0:5 gegen den FC Barcelona) nicht mehr verloren. Noch reicht das Polster auf Atletico und den FC Barcelona aus. Barca kann es aber schon am Sonntagabend auf einen einzigen Punkt schmelzen lassen.

Von einem "Desaster" sprach Karim Benzema nach der Partie. Cristiano Ronaldo holte schon weiter aus: "Wir haben von hinten bis vorne schlecht gespielt. Nichts hat geklappt. Real Madrid kann gegen keinen Gegner der Welt mit 4:0 verlieren. Die Mannschaft ist nicht frisch, weder psychisch, noch physisch."

"Heute hat uns alles gefehlt"

37 Spiele haben die Königlichen in dieser Saison bereits auf dem Buckel. In 34 Spielen erzielte man mindestens einen Treffer, meist mehrere. In den anderen drei Partien spielte man im Calderon. Die spanischen Medien wollen ein Stein-Schere-Papier-Schema erkannt haben. Barcelona schlägt Atletico, Atletico schlägt Real, Real schlägt Barcelona.

So einfach ist es für Carlo Ancelotti jedoch nicht. "Heute hat uns alles gefehlt. Wir hatten keinen einzigen Spieler, der eine gute Partie abgeliefert hat. Wir müssen jetzt das Momentum herumreißen." Er versucht, den Spielern Rückendeckung zu geben und nimmt alle Schuld auf sich: "Das war die schlechteste Partie, die wir seit meinem Amtsantritt gespielt haben."

Erst fünf Spiele hat der Italiener in seiner Trainerlaufbahn mit 0:4 verloren. Das letzte im Jahr 2004, damals mit dem AC Mailand gegen Deportivo La Coruna. Die Analyse fällt dementsprechend hart aus: "Es ist einfach, das Spiel zu lesen. Atletico hat gewonnen, weil sie in jedem Aspekt überlegen waren. Kampfgeist, Organisation, Zusammenspiel."

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"Wären sie intelligent..."

Im Jahr 2015 haben die Königlichen noch nicht recht in die Spur gefunden. Der Kader ist dünn geworden nach den letzten Ausfällen. Die Verletzung von Luka Modric wurde über eine Systemumstellung kompensiert, die Ausfälle von Sergio Ramos und Pepe konnten so nicht aufgefangen werden.

Raphael Varane und Nacho sind ohne Frage talentiert, allerdings auch Welten entfernt vom eigentlich Duo in der Innenverteidigung.

Mit Marcelo fehlt ein wichtiger Baustein auf der linken Seite. Ein Spieler, der das Mittelfeld unterstützt, der sehr offensiv agiert und durchaus spielgestaltende Impulse einbringt. "Das ist keine Entschuldigung", stellte Ronaldo aber fest. Können die Ausfälle spielerisch nicht aufgefangen werden, definiert sich manch andere Mannschaft dagegen über Laufbereitschaft.

Nicht so Real Madrid. Die Königlichen blieben bisher in jedem Spiel des neuen Jahres unter der Marke von 100 zurückgelegten Kilometern. Eingestehen will man sich das ebenso wenig wie eigene Patzer. "Fehler? Warum soll das ein Fehler gewesen sein? Das ist das, was du von außen sagst. Ich kann dir versichern, dass es nicht so war, aber wenn du das sagst", schnauzte Iker Casillas einen Reporter nach dem Spiel an, als dieser ihn zum vermeintlichen Patzer vor dem ersten Gegentor befragte.

Der Kapitän blieb nicht der einzige. "Wären sie intelligent, würde sie eine Frage zum Spiel stellen", so Ronaldo zu einem Journalisten, der eine Frage zur abgelaufenen Sperre des Portugiesen formulierte. Die Berichterstattung in Spanien kippt gerne von einem Extrem ins andere, mit dünnhäutigen Äußerungen wie diesen, befeuert man die Medien noch zusätzlich.

Die Antreiber fehlen Real

Die "Marca" stellte Ancelotti nach dem Spiel ein vernichtendes Urteil aus. "Ohne Reaktion" habe er das Spiel verfolgt, Sami Khedira sei die einzige taktische Innovation gewesen. Tatsächlich beschränkte sich Real Madrid auf das bekannte 4-3-3/4-4-2 mit leichter Asymmetrie und Gareth Bale als rechtem Umschaltspieler.

Mit dem gleichen oder zumindest sehr ähnlichen System war Real Madrid zuvor noch von Rekord zu Rekord geeilt. Dementsprechend muss der plötzliche Abfall im Jahr 2015 auf einen anderen Grund zurückzuführen sein. Im Schnitt erzielte Real vor dem Jahreswechsel noch 3,25 Tore pro Partie, nun sind es noch 1,88. Der Punkteschnitt in der Liga fiel von 2,6 auf 2,1. Die "Marca" macht es an einer "Mannschaft ohne Charakter" fest.

Real sei ein Team, das ohne seine Antreiber Ramos und Pepe nicht das abliefere, wozu man im Stande wäre. Ancelotti lieferte dieser Theorie zusätzliches Feuer: "Es fehlt am Hunger." Weil die Antreiber noch länger fehlen werden, geht Casillas voran: "Ich stimme zu, bei mir als allererstes. Das war eine harte, eine gravierende Pleite. Atletico hat sich das verdient."

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Atletico rollt ungebremst weiter

Damit spricht der Torhüter etwas an, was angesichts der großen Aufregung um Real Madrid zu wenig Beachtung erhält. Atletico Madrid hat sich erneut gegen Real Madrid durchgesetzt. Die Rojiblancos vermögen es auch in der neuen Saison, eng an Barcelona und dem Lokalrivalen dranzubleiben. Trotz der Abgänge, trotz der Findungsphase zu Beginn der Saison.

"Das Schwierigste für eine Mannschaft ist die Zeit. Diese Gruppe verändert sich, aber sie zerfällt nicht. Wir fordern uns stets aufs Neue heraus. Wir spielen, wie wir trainieren und heute war die Ausführung perfekt", stellte Diego Simeone direkt im Anschluss an die Partie fest. Sein Team hatte zuletzt viel Kritik einstecken müssen, der klare Sieg über Real Madrid macht diese wieder vergessen.

Atletico hat das Augenmerk von sich wieder auf Real gelenkt. Und kann nun im Stillen an den großen Plänen basteln: "Der Titel? Wir schauen von Spiel zu Spiel. Alles andere würde uns nicht gut tun."

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Ben Barthmann

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Ben Barthmann(Redaktion)

Ben Barthmann, Jahrgang 1995, ist seit 2013 bei SPOX. Aufgewachsen in München studiert er nebenbei Sportmanagement, ist DFB-Lizenzinhaber und schreibt nicht nur über Fußball, sondern steht selbst als Trainer auf dem Platz. Obwohl das Augenmerk auf den Rasenplätzen dieser Welt liegt, hat er auch ein Herz für UFC, Darts, Tennis und die WWE.

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