Willkommen in Valencia

Der FC Valencia muss sich nur noch hinter Real Madrid einreihen
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Der FC Valencia ist mit nur einem einzigen Punkt hinter Real Madrid Tabellenzweiter der Primera Division. Dabei stand man vor wenigen Monaten noch vor dem Konkurs, im Estadio Mestalla fiel jedoch die Entscheidung für eine bessere Zukunft.

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Einige Monate ist es her, da stand der FC Valencia vor dem Abgrund. Die Schuldenlast drückte den Verein Schritt für Schritt Richtung Exitus, die Mannschaft schien daran zu zerbrechen.

Präsident Salvo hatte eingeladen ins Estadio Mestalla, um zu erklären, wie es weitergehen sollte.

Rund 8000 Ches waren gekommen und hingen gebannt an seinen Lippen. Der Verkauf des Stadiongeländes und der Abriss des Fußball-Tempels, in dem man einst 1941 die erste Meisterschaft in der Klub-Geschichte feierte, standen da schon lange fest. Bereits 2004 hatte man sich mit der Stadt Valencia über ein Geschäft im Wert von gut 320 Millionen Euro geeinigt.

200 dieser Millionen sollten in ein neues Stadion fließen, das Nou Mestalla. An jenem 24. Januar war man davon weit entfernt. Der Stadionbau stand nach wie vor still, wann und ob es überhaupt weiter gehen sollte, bleibt fraglich. Salvo redete nicht nur für den Erhalt seines Jobs, sondern für den Erhalt eines ganzen Vereins in der Primera Division.

Lim übernimmt das Ruder

"Der FC Valencia kann, Stand jetzt, keinen einzigen Euro mehr bezahlen", stellt er trocken fest, um den anwesenden Mitgliedern anschließend die einzige Fluchtmöglichkeit zu präsentieren: den Verkauf an ausländische Investoren. "Wir wollen nicht, dass das das Ende ist. Es wird sich alles ändern, die Interessen und die Kredite werden zurückkommen", begann Salvo die wohl schwerste Rede seiner Laufbahn.

Nach einer Stunde und 25 Minuten erntete er schließlich Applaus. "Ich weiß, dass Sie alle empfindlich sind. Aber wir haben die historische Chance, auch weiterhin zu wissen, dass der Verein, dass Valencia in unseren Händen bleibt und fortan nicht in Madrid liegt."

Damit war der Verkauf an Peter Lim beschlossene Sache. Vom Magazin "Forbes" mit gut 1,7 Milliarden unter die 700 reichsten Menschen der Welt geschätzt, sollte der chinesische Investor die Fledermäuse wieder nach oben führen.

Umstrittener Santo eingesetzt

Gut neun Monate später reitet Valencia auf einer Welle des Erfolgs. Tabellenzweiter ist das Team von Nuno Santo nach zehn Spieltagen. Real Madrid ist nur einen Punkt entfernt, Atletico und Barca im Rücken zurückgelassen. Der Klub hat sich, so scheint es, erholt von den letzten Jahren und ist bereit dazu, die Liga im Sturm zu nehmen.

Erste Vorbereitungen wurden schon im Winter getroffen. Mit kurzfristigen Leihen sollte das Schlimmste vermieden werden. Anschließend folgte der komplette Umbau der Mannschaft, die sich zuvor noch auf Platz acht gerettet hatte. Mit Juan Antonio Pizzi musste der dritte Trainer im Jahr 2014 seinen Hut nehmen, Nuno Santo übernahm.

Bei den Wettanbietern wurde der 40-jährige Portugiese schnell zum Entlassungskandidaten Nummer eins in Spaniens höchster Liga. Doch unbeirrt von aller Kritik durch Medien und Experten begann die Erneuerung des Kaders mit neuen finanziellen Mitteln.

Mendes als X-Faktor

Andre Gomes, Skhodran Mustafi, Rodrigo de Paul und Lucas Orban kosteten die Ches über 35 Millionen Euro, dazu kamen die Leihen von Joao Cancelo, Alvaro Negredo und Spaniens Sturmhoffnung Rodrigo.

Das Geld stammt direkt von Lim, der vertraglich 65 Millionen Euro für die erste Transferphase zusicherte und den Klub vor dem Sieg über Villarreal letztlich auch ganz offiziell übernahm. Die Einigung mit Gläubiger "Bankia" ist abgeschlossen, das Konkursverfahren abgewendet.

Auch wenn Lim schon ankündigte, dass "Valencia-Fans einem Ende der steten Unsicherheit" entgegenblicken könnten, ist man sich doch noch nicht ganz sicher über die Auswirkungen, die die Übernahme haben wird.

Der Chinese gilt als skrupelloser Geschäftemacher, nachdem er bereits Übernahmen beim FC Liverpool, dem AC Milan und dem FC Middlesbrough versucht hat.

Dazu kommt seine sehr gute Beziehung zum in Spanien ungern gesehenen Spielerberater Jorge Mendes. Eingesessene Fans befürchten, ihr Team würde zum Farmteam der großen Klubs werden. Erste Transfers wie die von Gomes oder Cancelao deuteten darauf hin. Zum Klientel von Mendes gehört auch der Trainer selbst. Die Angst ist durchaus vorhanden, dass die eigentliche sportliche Führung an Macht verlieren wird.

Weg vom Spektakel

Die Mannschaft lässt sich vom turbulenten Umfeld jedoch nicht ausbremsen. Trotz der Abgänge von Jeremy Mathieu und Juan Bernat hat man lediglich ein Saisonspiel verloren.

Nicolas Otamendi hat die Abwehr stabilisiert, Dani Parejo zieht die Fäden im Mittelfeld. Will man dennoch einen Spieler aus dem jüngsten Kader der Primera Division herausheben, wäre es wohl Paco Alcacer.

Vier Tore und weitere vier Vorlagen hat der Spanier nach zehn gespielten Partien schon gesammelt. Zahlen, die ihm eine Nominierung für die spanische Nationalmannschaft und die Rolle als Ersatz für die alternden Fernando Torres und David Villa einbrachten.

Kein herausragender Techniker und schon gar keine Macht in der Luft, liefert der 21-Jährige doch das ab, was Santo von ihm verlangt: Aggressivität, Kaltschnäuzigkeit und Effektivität.

Adjektive, die ständig fallen. Valencia ist etwas abgekehrt vom Ballbesitz-Fußball unter Miroslav Djukic und Pizzi. Etwas direkter geht es zu, etwas trockener wird gespielt. Das hohe technische Niveau ist ohne Zweifel noch immer vorhanden, blitzt aber durch die disziplinierte Pressing-Arbeit und geschickte Raumaufteilung nur noch selten auf.

Den Fans gefällt es immer noch. Die letzte Choreographie zierten die Worte: "Benvinguts a Valencia" ("Willkommen in Valencia"). Ein Zeichen des Stolzes. Die Mannschaft ist ein Ebenbild des Trainers geworden, der sich schon in seiner aktiven Zeit nicht durch sensationelle Paraden, sondern durch bodenständige, harte Arbeit auszeichnete.

"Heute hat das Mestalla gewonnen"

Zwei Jahre lang saß Santo auf der Bank von Rio Ave, ehe es den ehemaligen Torwart des FC Porto in die Primera Division zog. In Portugal hatte er bewiesen, dass er jemand ist, der voran geht und dem öffentlichen Disput nicht ausweicht. So versammelte er 2009 den kompletten Kader Portos im Pressesaal, um gegen eine Sperre seiner Teamkollegen Hulk und Cristian Sapunaru zu protestieren.

"Heute war ein schöner Tag, aber ich bin optimistisch, dass wir noch besser werden", kündigte der Trainer nach dem 3:1-Sieg über Atletico Madrid Anfang Oktober mit gewohntem Tunnelblick an. Sein Team hatte gerade vor ausverkauftem Haus den Vorjahresmeister innerhalb von 20 Minuten entzaubert und die vorläufige Tabellenführung erobert. Torjäger Alcacer legte nach: "Heute hat nicht die Mannschaft gewonnen, heute hat das Mestalla gewonnen. Wir haben großartige Fans."

So etwas wie der Gewinner ist das altehrwürdige Mestalla tatsächlich. Selbst nach dem Einstieg von Lim wird das Stadion weiterhin Schauplatz der wichtigsten Entscheidungen des Vereins bleiben.

Denn wie es mit dem Nou Mestalla weitergehen wird, ist ebenso fraglich wie das, was mal mit dem alten Stadion geschehen soll. Immerhin, so hofft man, muss Salvo so schnell nicht wieder ins Mestalla einladen. Das macht mittlerweile die Mannschaft - und liefert Spektakel fußballerischer Art.

Der Kader des FC Valencia