Freitag, 24.10.2014

Real Madrid vor dem Clasico

Zum Pragmatismus genötigt

Vor dem Spiel gegen den FC Barcelona (Sa., 18 Uhr im LIVE-TICKER) muss Real-Trainer Carlo Ancelotti einmal mehr improvisieren, weil Gareth Bale weiter ausfällt. Doch womöglich macht er damit einen guten Deal - denn sein Bale-Ersatz könnte gerade gegen Barca zu einer besonderen Waffe werden.

Gareth Bale (r.) wird Carlo Ancelotti auch gegen Barca fehlen
© getty
Gareth Bale (r.) wird Carlo Ancelotti auch gegen Barca fehlen

Marc Bartra war ohnehin schon am Limit. Der Oberschenkel schmerzte, der Muskel war überstrapaziert, an Leistungssport eigentlich nicht zu denken. Doch angesichts der ungeheuer wichtigen Partie, die bevorstand, wurde er kurzerhand fit gespritzt.

Eine weise Entscheidung, so schien es. Bartra gelang im Copa-Finale 2014 gegen Real der Ausgleich, defensiv machte er einen ordentlichen Job. Doch dann kam die 83. Minute und eine Szene, die er wohl nie vergessen wird. Gareth Bale, ein Ausnahmespieler mit schier unmenschlicher Athletik, wurde am Mittelfeld freigespielt und nahm Tempo auf.

Bartra versuchte, ihn zu attackieren, doch Bale schob die Kugel geschickt am Gegenspieler vorbei und setzte zu einem denkwürdigen Sprint an. Er lief einen riesigen Bogen um Bartra, sauste durch die Coaching-Zone, nur knapp an Tata Martino vorbei. Sein Kraftakt endete erst, als der Ball im Netz zappelte. Und Bartra? Hechelte nur hilflos hinterher.

Dass seine Oberschenkelverletzung just zu Beginn des Sprintduells mit Bale an der Seitenlinie aufbrach, er mit schmerzverzerrtem Gesicht ihn verzweifelt einzuholen versuchte und zum Ende des Laufs sich an den Oberschenkel greifend zusammenbrach, wurde vielerorts nicht thematisiert. Das Ereignis war der Sprint von Bale - mehr nicht.

Bale-Ausfall problemlos kompensiert

Wenn es an diesem Samstag nun abermals gegen Real Madrid geht, werden Bartra und Barca vor Bales gemeingefährlichen Antritten verschont bleiben. Der Waliser fällt wie schon gegen Liverpool mit einer tückischen Muskelverletzung aus.

Kollektives Aufatmen in Katalonien also? Fehlanzeige. Denn Madrid hat in Levante (5:0) und Liverpool (3:0) eindrucksvoll bewiesen, dass es die Absenz von Bale schier problemlos kompensieren kann.

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Zwar büßen die Königlichen ohne Bale ein Stück Genialität und Brachialität ihres überfallartigen Konterspiels ein, doch gleichzeitig zwingt Bales Verletzung Carlo Ancelotti zu einer Umstellung, die gegen Barcelona wertvoll werden könnte.

Ohne Bale ließ der Real-Coach zuletzt im 4-4-2 statt im Paradesystem 4-3-3 spielen. Der Waliser wird durch Isco ersetzt, der auf den linken Flügel rückt, während James Rodriguez über rechts kommt. Ein System, das Madrids Spiel in vielerlei Hinsicht zugutekommt.

Mehr Kompaktheit und Balance im 4-4-2

Mit dem ein Mann stärkeren Vierermittelfeld gewinnen die Königlichen auf dem Platz an Kompaktheit. Das Offensivpressing ist lückenloser, ausgeglichener und somit effektiver.

Auch in der Rückwärtsbewegung ist Real gerade im Zentrum weniger anfällig, sobald die Angriffsreihe einmal überspielt ist. Ein wichtiger Faktor gegen Barcelonas Kurzpassspiel, vor allem, wenn der Gegner bereits ins vorderste Angriffsdrittel vorgedrungen ist.

Kompaktheit im Mittelfeld: Madrids Aktionsradius in Levante


Gleichzeitig wirkt das Spiel von Real bei eigenem Ballbesitz ausgewogener in seiner Balance und die Offensive gewinnt an Variabilität. Das liegt nicht am bloßen System, sondern vor allem an einem der Protagonisten.

Isco in Topform: Eine entscheidende Waffe?

Isco, der Bale ersetzen wird, versteht es besonders gut, zwischen den Linien zu agieren. Er hat weder Bales Athletik noch seine Schussgewalt, stattdessen glänzt er durch Spielwitz und einen bemerkenswerten Sinn für sich öffnende Räume.

Gerade gegen die Katalanen kann er zu einer besonders effektiven Waffe werden. Isco kann auch auf engstem Raum agieren, er behält auch unter Druck den Blick für Lücken und Lösungen. Zumal Isco in der Rückwärtsbewegung eine weitaus effektiveres Mittel als Bale ist.

Isco, der in Madrid lange nach seiner Rolle gesucht und sie jetzt offenbar als Premium-Backup gefunden hat. Gegen Levante trumpfte der 22-Jährige auf, traf selbst und legte Ronaldos Treffer zum 3:0 vor.

Mehr Spektakel - weniger Konkurrenzfähigkeit

Nachdem er auch an der Anfield Road eine starke Partie abgeliefert hat, zweifelt keiner dran, dass Ancelotti auch gegen Barcelona auf Isco als Bale-Ersatz setzt. Angesichts der Tatsache, dass gegen Barca Kompaktheit und das kollektive Defensivverhalten von besonderer Bedeutung sind, wird Ancelotti zu einem guten Deal gezwungen.

Denn einen fitten Bale könnte und würde der Real-Coach genauso wie Ronaldo in einem Clasico wohl niemals auf die Bank setzen. Zwar ist Ancelotti durchaus ein Pragmatiker, doch sowohl die Offensivgewalt als auch das prinzipielle Standing der beiden Ausnahmespieler sind zu groß, um sie in wichtigen Spielen nicht einzusetzen.

Deshalb ist es ihm vielleicht gar nicht so unrecht, gegen Barcelona auf Isco und das 4-4-2 zu setzen. Denn auch Offensivspektakel hat seine Grenzen: "Wenn wir eine Stufe mehr Spektakel wollen, verlieren wir drei Stufen an Konkurrenzfähigkeit", hatte Ancelotti selbst gesagt.

Die Bilanz von Real Madrid gegen Barcelona

SPOX

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