Marcelo-Konkurrent Fabio Coentrao in der Kritik

Mourinhos 30-Millionen-Sicherheitsrisiko

Von Daniel Reimann
Freitag, 20.04.2012 | 21:17 Uhr
Fabio Coentrao konnte in seiner ersten Saison bei Real Madrid bislang nicht überzeugen
© Getty
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Fabio Coentrao erhielt auch beim 1:2 in München den Vorzug vor Marcelo - und enttäuschte auch diesmal. Real Madrids teurer Neuzugang steht in der Kritik, ebenso wie sein Coach. Doch Jose Mourinho verteidigt seinen Landsmann, weil er nicht anders kann. Vor dem Clasico in Barcelona (Sa., 19.45 Uhr im LIVE-TICKER) steht Mou vor einer schweren Entscheidung: sportliches oder emotionales Risiko?

Das Spiel im Camp Nou ist schon so gut wie abgepfiffen. Doch wie aus dem Nichts brechen noch einmal die großen Emotionen los. Barcelonas Anhänger brüllen aus vollster Kehle wüste Schimpftiraden, die katalanische Ersatzbank springt kollektiv auf, nahezu alle Spieler und Funktionäre rennen wütend zum Tatort.

Nur einer war urplötzlich ruhig geworden. Der Übeltäter wurde sich seines Fehltritts umgehend bewusst und stapfte reumütig Richtung Kabine. Es war Marcelo, der nach einer brutalen Attacke gegen Cesc Fabregas im Supercopa-Rückspiel 2011 den fälligen Platzverweis kassiert hatte.

Einmal mehr hatte Marcelo den impulsiven Teil seiner Fußballerseele offenbart, der ihn auf dem Platz heiß laufen lässt, der ihn zu Provokationen und übermotivierten Tacklings verleitet.

Außerhalb des Platzes ist Marcelo ein anderer Mensch. Da verkörpert der Brasilianer Lockerheit pur, strahlt er zu jeder Zeit Lebensfreude aus. Er ist kein Typ, der sich so schnell runterziehen lässt.

Was also musste kurz vor Anpfiff der Champions-League-Partie Bayern - Real passieren, dass Marcelo laut Aussagen seiner Mitspieler einen so frustrierten Eindruck wie noch nie zuvor gemacht hatte?

Teamkollegen sprechen von Ungerechtigkeit

Die spanische Tageszeitung "El Pais" erzählt die Geschichte, die sich nach dem Aufwärmen in den Münchner Katakomben zugetragen haben soll.

Ein Mitspieler ließ sich zu einem lieb gemeinten Scherz in Richtung Marcelo hinreißen.

"Was läuft?", fragt er den Brasilianer locker: "Spielst du heute nicht? Keine Sorge, im Bernabeu (im Rückspiel Anm. d. Red.) läufst du wieder auf, damit wir weiterkommen. Aber wundere dich nicht: Im Finale wirst du nicht spielen."

Marcelo schien getroffen. Er quittierte den Spruch mit einem mitleiderregenden Achselzucken, daraufhin wurde er von seinen Teamkollegen umgehend aufgemuntert. "Das mit dir ist echt ungerecht", bekräftigten sie.

Coentrao mitschuldig an Niederlage in München

Marcelos Problematik ist schnell erlkärt: Eigentlich ist er als Linksverteidiger unumstritten, dennoch wurde ihm diese Saison in zahlreichen wichtigen Spielen plötzlich Fabio Coentrao vor die Nase gesetzt.

So geschehen in München, wo Coentrao abermals bewies, weshalb er den Ansprüchen an seine Person in Madrid bisher nicht gerecht werden konnte.

Der Portugiese machte selbst gegen den meist ungefährlichen Arjen Robben eine schlechte Figur. Zur Krönung seines schwachen Auftritts grätsche er vor dem 1:2 tölpelhaft an Ball und Gegenspieler vorbei, sodass Phlipp Lahm auf dem rechten Flügel freie Bahn hatte und Mario Gomez' Siegtreffer in aller Ruhe vorbereiten konnte.

Nächste Bewährungschance - nächste Enttäuschung

Dieses Dilemma zieht sich wie ein roter Faden durch die Real-Saison: Coentrao erhält ausgerechnet in Topspielen eine Bewährungschance nach der anderen, um wieder und wieder zu enttäuschen.

Schon allein die Tatsache, dass der Portugiese bei allen fünf Saisonniederlagen von Real Madrid über 90 Minuten auf dem Platz stand, obwohl er bei der Anzahl der Startelfeinsätze nur auf Rang 14 steht, spricht nicht gerade für ihn.

Zudem durfte er in vier von fünf Clasicos dieser Saison von Beginn an ran, Marcelo hingegen nur zweimal. Auch in der Champions League stehen bei Coentrao mehr Startelf-Einsätze (7) zu Buche als bei Marcelo (4).

Doch während Marcelo längst als sportliche Konstante bei den Königlichen etabliert ist, wirkt Coentrao auf dem Rasen noch immer wie ein Fremdkörper.

Genau dieses Paradoxon dürfte gemeint sein, wenn die Teamkollegen von einer "Ungerechtigkeit" gegenüber Marcelo sprechen.

"Ein Unterschied wie zwischen Leben und Tod"

Spätestens nach dem Bayern-Spiel scheinen weitere Startelf-Einsätze für Coentrao nicht länger zu rechtfertigen. Doch Mourinho hält nach wie vor zu seinem Schützling und verteidigt ihn für den mäßigen Auftritt in München: "Er hatte eine schwierige Partie und hat seine Aufgabe erfüllt", so Mou, der selbst in einer Zwickmühle steckt.

Sollte sich sein 30-Millionen-Euro-Einkauf endgültig als Flop outen, könnte seine Transferpolitik hinterfragt werden und Mourinhos Autorität in der Öffentlichkeit würde in Mitleidenschaft gezogen.

Wenn er Coentrao jedoch trotz schlechter Leistungen weiterhin spielen lässt, ist noch viel größerer Ärger vorprogrammiert.

Schon jetzt stößt er innerhalb des Teams auf wenig Verständnis. Laut "El Pais" halten die Mitspieler größtenteils zu Marcelo. Coentraos Startelf-Nominierung gegen Bayern wurde angeblich als willkürliche Mourinho-Entscheidung abgetan, der fatale Fehlgriff gegen Lahm tat sein Übriges.

Offenbar sehen die Spieler in Coentrao, der mittlerweile mehrmals Mängel im Defensivverhalten offenbarte, ein Sicherheitsrisiko im Endspurt um Meisterschaft und Champions League. "El Pais" zitiert einen Spieler mit den Worten: "Der Unterschied zwischen 1:1 und 1:2 ist wie der zwischen Leben und Tod."

Sportliches Risiko vs. emotionales Risiko

Demnach wäre es logisch, wenn im Clasico wieder Marcelo als Linksverteidiger aufläuft. Wäre da nicht dieser verheerende Aussetzer, der dem Brasilianer in München nach seiner Einwechslung unterlief.

Denn kurz nachdem sich Coentrao in der 92. Minute gegen Lahm einen Ausrutscher geleistet hatte, brannten Marcelo die Sicherungen durch: Mit seinem ebenso brutalen wie unnötigen Foul an Thomas Müller brachte er sich in Argumentationsnöte, was einen möglichen Einsatz im Camp Nou anbetriftt.

Zwar ist Coentrao nach wie vor der sportliche Risikofaktor, doch Marcelo unterstrich in München, dass er seine Emotionen nicht immer im Griff hat. Gerade im Clasico, wo Rudelbildungen zum Standardprogramm gehören, könnte Marcelos mangelnde Besonnenheit zum Problem werden.

Und so dürfte Coentrao aller öffentlichen Kritik zum Trotz in Barcelona erneut den Vorzug erhalten. Fabregas wird aufatmen.

Fabio Coentrao im Steckbrief

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